Kreis Germersheim Fest der Freundschaft an der Grenze

Kandel. Wenn Kandel am Wochenende das fünfzigjährige Bestehen seiner Partnerschaft mit Whitworth und das fünfundfünfzigjährige mit Reichshoffen feiert, muss man sich auch daran erinnern, dass beide Freundschaftspakte an einem Grenzlandtag gefeiert wurden. Kandel und Reichshoffen verbrüderten sich im August 1961 beim zehnten, Kandel und Whitworth im August 1966 beim fünfzehnten.
Gefeiert wurden die Grenzlandtage, angeregt vom damaligen Bürgermeister Fritz Multer, zunächst von 1936 bis 1939. Nach dem „Großen Krieg“ rief Bürgermeister Michael Fuhr 1952 wieder zum „Feiern an der Grenze“ bei einem „Grenzlandsporttag“ auf. Doch schon im folgenden Jahr, Bürgermeister war damals wieder Fritz Multer, erhielt das Fest seinen ursprünglichen Namen und wurde bis ins Jahr 1966 als „Grenzlandtage“ gefeiert. Alle Grenzlandtage nach dem Krieg standen unter dem Motto „Fest der Freundschaft an der Grenze“. Sie wurden, wie es der Abgeordnete der Französischen Nationalversammlung und Mitbegründer der Partnerschaft Reichshoffen-Kandel, François Grussenmeyer, einmal nannte zu „Bausteinen Europas“. Sie sollten, wie es in der Festschrift des Jahres 1961 steht, „ein alljährlicher Ruf ins Land und über die Grenze sein, der sich an alle Menschen wendet, den Aufbau und das lebendige innere Wachstum unseres gemeinsamen Vaterlandes Europa Wirklichkeit werden zu lassen“. Und so wurde das Fest, so der Vizepräsident der Europa-Union, zu einem „Herze-Werfen über die Grenze“. Doch warum wurden die Grenzlandtagen im „Dritten Reich“ ins Leben gerufen und wieso wurden sie so begeistert angenommen, kamen doch schon 1936 mehr als 30.000 Besucher zu dem „Hochfest der Heimat“. In seiner Einladung zur Stadterhebungsfeier, die 1937 in Verbindung mit den Grenzlandtagen gefeiert wurde, versuchte Multer, der der NSDAP angehörte, unter dem Titel „Vom Sinn der Grenzlandtage“ eine Antwort auf diese Frage zu geben. Für ihn waren sie ein „Spiegelbild der Volksgemeinschaft und des mannigfaltigen, unverfälschtem Volkstums und Brauchtums des Grenzgebietes“. Nun gilt die „Volksgemeinschaft“ heute als ein Kernbegriff der Nazi-Ideologie, doch wurde der Begriff vor 1933 auch von liberalen, linken und christlichen Gruppen gebraucht. Mit Blick auf Frankreich und das Elsass schrieb Multer: „Nie aber soll dieses Bekenntnis an des Reiches Grenze eine Herausforderung bedeuten, ein Jasagen zur Heimatscholle soll es sein, ein Beitrag zum ehrlichen Verstehen über die Grenze hinaus.“ Nazihetze und Kriegspropaganda kann man aus diesen Worten wohl nicht herauslesen. Selbst die Grenzlandtage des Jahres 1939, bei denen die sportlichen Wettkämpfe auf der „Bienwaldkampfbahn“ (heute Bienwaldstadion) zu einer Militärsportübung ausarteten, standen unter dem Wahlspruch „Volkstum, Brauchtum und Schaffen der Heimat“. Wie ernst das genommen wurde, konnte man beim Festzug erkennen, der am 9. Juli durch Kandels Straßen zog. Mit dabei waren 14 Festwagen der Südpfalzdörfer, die Motive aus der Geschichte, der Landwirtschaft, der Sagenwelt und dem dörflichen Leben zeigten. Mit zwei Ausnahmen waren dies alles Themen, die weder politisch noch nationalsozialistisch angehaucht waren. Selbst bei den beiden als Ausnahmen anzusehenden Wagen war von Kriegshetze und ähnlichem nichts zu sehen. Aus Minfeld kam ein Wagen mit einem „Schlagbaum am Westwall“ und auf dem Wagen aus Wörth stand ein Kiesbagger als „Bauhelfer für den Westwall“ mit der Aufschrift „Hurra, der Westwall steht, am Wörther Kies hat’s nicht gefehlt“. Wohl keiner der Mitwirkenden bei den Grenzlandtagen 1939 und am friedlichen Umzug am 9. Juli hat geahnt, dass kurz danach am 1. September ein Weltkrieg ausbrechen würde und dass wenige Tage später einige der beteiligten Dörfer geräumt werden mussten. Ob nun die ersten Grenzlandtage lediglich ein Propagandamittel der Nazis waren oder ob sie dem Erhalt und der Pflege des Volkstums dienen sollten, darüber sollte sich auch heute noch jeder seine eigenen Gedanken machen. |wm