Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Fatale Schotterwüsten

In einem Schottergarten finden Insekten keinen Platz zum Leben.
In einem Schottergarten finden Insekten keinen Platz zum Leben.

Mein Gartenparadies: Schön soll er sein, der Garten am eigenen Haus. Gleichzeitig soll er aber auch pflegeleicht sein. Aus diesen Gründen entscheiden sich viele für einen Schottergarten – eine grobe Fehleinschätzung. Denn auch die Steinwüste will regelmäßig bearbeitet werden, hinzukommen verheerende ökologische Folgen.

Wer nach einer Definition für „Garten“ sucht, findet diese oder ähnliche Antworten: „Als Garten wird ein meist umzäuntes, kleineres, zu einem Haus gehörendes Stück Land bezeichnet, in dem Pflanzen wie Rasen oder Blumen kultiviert, Gemüse und Obst gezogen und mitunter auch Tiere gewollt gehalten werden.“ Nach dieser Definition sind jedoch Häuser, egal ob jung oder alt, tatsächlich immer weniger von Gärten umgeben. Es gibt zwar freie Flächen, sie sind jedoch immer häufiger als reine oder nur spärlich bepflanzte Schotterflächen gestaltet und ähneln öden Wüsten. Der Garten im herkömmlichen, lebendigen Sinn ist dem Wunsch nach angeblicher Pflegeleichtigkeit des Grundstücks geopfert worden. Der Vorgarten ist im schlimmsten Fall komplett gepflastert, oder er und große Teile des Grundstücks sind mit Steinen von kleinem Kies bis hin zu grobem Schotter bedeckt. Nur wenige Pflanzen durchbrechen die Steinödnis. Eintönige Heckenreihen ersetzen im noch günstigeren Fall Blumenbeete, und der Rasen ist noch echtes Gras und keine Kunststoff-Nachbildung.

Nur wenige Jahre ansehnlich

Die langweiligen, toten Schotterflächen sind nur wenige Jahre ansehnlich. Wer sie nicht regelmäßig mit dem Hochdruckreiniger oder noch besser Staubsauger bearbeitet, wird schnell erkennen, dass sich auf und in ihnen Abfall verfängt und Pionierpflanzen die Steine erobern.

Noch viel gravierender sind jedoch die ökologischen Folgen, die der Stein- und Versiegelungstrend für Dörfer und Städte hat. Insekten und alle Tiere, die in einem lebendigen, blühenden und produktiven Garten leben, verschwinden mehr und mehr. Und das Kleinklima rund um Gebäude wird negativ beeinflusst. Denn das Gelände heizt sich im Sommer stärker auf und strahlt die Wärme noch nachts ab. Ist die Fläche mit Folie oder durch Pflaster versiegelt, dringt in den Boden auch kein Regenwasser mehr ein.

Um diesen fatalen Schotterwüsten-Gärten entgegenzusteuern, gibt es immer mehr Initiativen, wie die Bewegung „Entsteint euch in Rheinland-Pfalz“ und anderen Bundesländern. Gemeinden und Städte erlassen Vorschriften gegen das Verschwinden von Natur in Neubaugebieten, Referenten werben leidenschaftlich für mehr lebendiges Grün und Bunt. Dazu gehört Steffen Schwendy, Mitarbeiter bei der Stadt Speyer und zuständig für die städtischen Grünflächen. Er hat im letzten Jahr einen Vortrag konzipiert, um eine Gegenbewegung gegen das Aufheizen der Stadt anzustoßen. „Auch in Speyer sehen wir leider, dass immer mehr Flächen, besonders auch Vorgärten, nur noch mit Steinen bedeckt werden oder gepflastert sind.“ Es gehe auch anders, wie begrünte Gleise von Bahnlinien oder S-Bahnen zeigen. „In meinem Vortrag“, den er bisher in Speyer gehalten hat und wegen der Corona-Krise in Wörth verschoben werden musste, „erkläre ich, woher die Tradition der Steingärten kommt. Nämlich von japanischen oder mediterranen Gärten.“

Steinwüsten sind nicht pflegeleicht

Wer jedoch davon ausgehe, dass solche Gärten pflegeleicht seien, irrt sich gewaltig. Schotter rund ums Haus verschlechtere das Klima, führe zum Artensterben, ist Insekten-feindlich und zerstört die Biodiversität. Dies sieht auch Agnes Linea Weisheit so. Die Garten- und Landschaftsbauerin und Pflanzendoktorin aus Rheinzabern hat im letzten Jahr bei der Gartenakademie Rheinland-Pfalz einen Lehrgang besucht, um Vorträge zum Thema „Entsteint euch, für begrünte und blühende Gartenvielfalt“ halten zu können. Je nach Veranstalter, diese reichen bisher von Volkshochschulen bis hin zu Obst- und Gartenbauvereinen, „gestalte ich den Grundinhalt passend um“, beschreibt die passionierte Landschaftsgärtnerin ihre Vortragsthemen. Dabei könne sie auf Vorlagen der Gartenakademie zurückgreifen und ergänze sie mit eigenen Fotos und Erfahrungen. Für die Zuhörer sei es spannend, welchen positiven Effekt ein alter Baum auf das Mikroklima habe, wie das Filtern der Luft, Sauerstoff-Produktion und Kühlfunktion.

Als Lehrmeister bei der Gartenakademie in Neustadt/Weinstraße ist Werner Ollig aktiv. „Jeder kann in seinem Garten etwas tun, um das Klima positiv zu verändern.“ Es gebe in Deutschland rund eine Million Hektar Gärten, da ist viel Platz für Stauden, Hecken und Bäume. „Wir haben es selbst in der Hand, große Rasenflächen, die nicht gebraucht werden, durch extensive Wiesen zu ersetzen.“ Wo nur möglich, sollte Regenwasser aufgefangen und zum Gießen benutzt werden, Fassaden und Dächer können begrünt werden, Heizflächen durch Kühlflächen ersetzt werden, zählt er auf, was jeder privat verbessern könnte.

Die Serie

In den nächsten Wochen werden in der RHEINPFALZ in loser Folge Gartenbesitzer porträtiert, die zeigen, wie ein ökologisch wertvoller Garten aussehen kann. Denn sie haben sich ihr eigenes, lebendiges „Gartenparadies“ geschaffen.
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