Kreis Germersheim Falschen Enkel entlarvt
Kandel/Landau. Werner Klein aus Kandel ist ein Urgestein, ein verschmitzter Pfälzer, der gern Witze erzählt und das Herz auf dem rechten Fleck hat. Das merkt man, wenn er begeistert von den behinderten Kindern spricht, die er in seinem Taxi in die Kita fährt. Oder wenn er einer alten Frau aus Wörth mal eben so die Ersparnisse vor Enkeltrick-Betrügern rettet. Letzteres hat ihm jetzt ein dickes Lob von Thomas Sommerrock eingebracht, dem Leiter der Polizeidirektion in Landau.
Das kam so: Am Donnerstag, 15. Oktober, bat Kleins Chefin den 66-Jährigen über Funk, eine alte Frau in Kandel abzuholen und nach Wörth-Dorschberg zu fahren. Das habe der Sohn der Frau telefonisch so in Auftrag gegeben. Tatsächlich fand Klein an der angegebenen Adresse eine 83-Jährige mit Rollator vor, mit der er auch gleich ins Gespräch kam. Nein, einkaufen wolle sie nicht mehr, wohl aber ins Einkaufszentrum, berichtete die Frau, als das Taxi eine Bank passierte. „Die haben ja nicht genug Geld gehabt“, war der Satz, der bei Klein alle Alarmglocken schrillen ließ. Auf Nachfrage schilderte die Frau, dass ihr Enkel, der Christof aus Karlsruhe, sie telefonisch um 30.000 Euro für einen Autokauf gebeten habe, sie aber nur 15.000 Euro auf dem Konto habe. Doch selbst die seien bei ihrer Filiale nicht vorrätig. Der Taxifahrer fragte nach, ob sie sich bezüglich des Enkels sicher sei und ob sie auch mit Sohn und Schwiegertochter gesprochen habe. Doch die seien auf der Arbeit und nicht erreichbar, erfuhr er und beschloss, selbst zu handeln: Klein marschierte mit seinem Fahrgast in die Bank und trug dem Bankangestellten seine Bedenken vor. Beide beschlossen, die Polizei zu alarmieren. Die bestätigte den Verdacht, dass es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um einen Enkeltrick-Versuch handele – ein Verdacht, der sich rasch bestätigte, als Kleins Chefin ihren Fahrer anfunkte, ob es Probleme gebe; der Sohn habe gefragt, wo das Taxi bleibe. „Das war ein Kontrollanruf der Täter“, ist sich die Polizei sicher. Kleins Vorschlag, gleich mit seinem Fahrgast umzukehren, damit die Polizei vielleicht jemanden bei der versuchten Geldübergabe schnappen könnte, blieb erfolglos. Offenbar hatten die Täter kalte Füße bekommen. „Na ja, ich bin ein neugieriger Mensch, und das steht ja alle 14 Tage in der Zeitung“, spielt Klein seine Leistung herunter; außerdem habe er erst wenige Wochen zuvor einen ähnlichen Fall im Fernsehen gesehen, im Großstadtrevier. Und dann hat er noch eine Erklärung parat: Als er 1964 in die Lehre gegangen sei als Kundendienst-Mitarbeiter für Elektrogeräte, da habe sein Meister ihm immer eingeschärft: „Bub, normaler Menschenverstand kann fast jede Bildung ersetzen, aber andersrum geht das nicht.“ Dem kann Polizeidirektor Sommerrock nur zustimmen. Von dieser Sorte aufmerksamer Mitbürger, wie Klein einer sei, hätte er gerne viel mehr. Denn der Enkeltrick floriert nach wie vor, trotz ständiger Öffentlichkeitsarbeit von Polizei, Weißem Ring oder Seniorenbüros. „An diesem Donnerstag sind uns allein drei Fälle bekanntgeworden, zwei weitere im Kreis Südliche Weinstraße“, sagt Sommerrock. Kürzlich waren es auch mal zehn Fälle an einem Tag. Auch die beiden anderen Versuche an jenem Donnerstag sind gescheitert, weil die angerufenen Senioren misstrauisch wurden. Taxifahrer Klein hat von der Polizei als Anerkennung eine Urkunde bekommen, außerdem ein Schoppenglas voll Süßigkeiten. Mit dem Glas, einer Sonderedition zum Tag der Polizei auf der Gartenschau, haben die Beamten Klein eine große Freude gemacht. Er sammelt nämlich Schoppengläser. Und dann kommt noch ein Schwank aus seinem Leben: Als er vor vielen Jahren mit Wanderfreunden aus dem Pfälzerwaldverein in einer Gaststätte einkehrte, habe der Wirt ihnen 0,4-er Schoppen serviert. „Die haben wir ausgetrunken und auf den Boden geschmissen.“ Ein handfester Pfälzer eben.