Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Enorme Hilfsbereitschaft im Hochwassergebiet beeindruckt Helfer

Ahrbrück: Ein Bagger verdichtet eine notdürftig geflickte Brücke über den Fluss Ahr.
Ahrbrück: Ein Bagger verdichtet eine notdürftig geflickte Brücke über den Fluss Ahr.

Knapp einen Monat nach der Flutkatastrophe im Ahrtal stehen noch immer viele Menschen buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz. Helfer auch aus dem Landkreis versuchen zu unterstützen. Trotz der vielen Schicksale hat einer auch unvergessliche Momente erlebt.

Von Florian Kaufmann

„Das war mit nichts vergleichbar“, sagt Klaus Walter, der für die psychosoziale Notfallversorgung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in den vergangenen Wochen mehrfach im Hochwassergebiet im Ahrtal im Einsatz war. „Ich bin seit 15 Jahren bei der Krisenintervention und habe viele Menschen in Ausnahmesituationen getroffen, aber auf so etwas waren auch wir nicht vorbereitet. Auf so eine Situation kann man nicht vorbereitet sein.“ In anderen Fällen würden sie meist zu Einzelschicksalen gerufen. „Aber dort hatte man eine Strecke wie von Wörth nach Speyer, mit unzähligen Ortschaften dazwischen, mit einem Schicksal nach dem anderen“, sagt Walter.

Der erste Einsatz kurz nach dem Hochwasser sei wegen organisatorischer Schwierigkeiten vor Ort frühzeitig beendet worden. Mit sieben anderen Kollegen aus der Psychosozialen Betreuung Bellheim und Hagenbach sei er später noch einmal für drei Tage zum Einsatz gerufen worden. Walter: „Das war zu Beginn keine klassische Krisenintervention, sondern wir machten Gesprächsangebote oder haben einfach nur Essen und Trinken verteilt. Manchmal hat es gereicht, in die Augen zu schauen, Wasser und einen Moment des Innehaltens zu geben.“ Viele Gespräche habe es auch mit Einsatzkräften gegeben, die zwar „alle gut ausgebildet waren, aber auf so eine Situation nicht vorbereitet sein konnten“. Es habe aber auch Betroffene gegeben, zum Beispiel eine Frau, deren Haus vom Hochwasser komplett zerstört wurde. Sie sagte Walter: „Toll, dass so viele Helfer da sind, aber die tragen alles raus, das tut mir weh. Ich hatte gar nicht die Zeit mich von den Dingen und meinen Erinnerungen zu trennen.“

Alles verloren und trotzdem geholfen

Mit jedem Tag sei der Bedarf an psycho-sozialer Beratung gestiegen. „So lange man arbeitet, spürt man das nicht so. Doch mit den Tagen kommt hoch, was man alles verloren hat“, erzählt Walter, der mit seinem Team regelmäßig bis Mitternacht im Einsatz war. „Es war vielerorts immer noch keine Beleuchtung und kein Strom da. Die Menschen konnten nicht mehr arbeiten, daher kam dann mit der Ruhe, der Bedarf und die Zeit für Beratung.“

Die Menschen hätten gehandelt. „Ich bin immer noch beeindruckt, wie viele Menschen geholfen haben“, sagt Walter voller Bewunderung. Er nennt viele Beispiele. Drei junge Menschen, hätten ihn gefragt, wo sie helfen können. Auf seine Frage, ob sie extra zum Helfen kamen, hätten sie auf eine Ruine hinter ihm gedeutet: „Das war unser Haus.“ Eine andere Familie habe sie zu sich nach Hause eingeladen. „Da war nichts mehr, das war wie in einem Rohbau, aber ein Tisch war mit Nudelsalat, Kaffee und anderer Helferverpflegung gedeckt. Das war so bewegend.“ Trotz allem hätten sie gesagt: „Uns geht es gut. Wir leben und unser Haus steht noch.“ Walter ist beeindruckt, wie viele Menschen Verantwortung übernommen haben. „Obwohl viele alles verloren haben, haben sie geholfen.“

Von Schicksal zu Schicksal unterwegs

„Die Region wird nicht mehr die gleiche sein wie davor. Mir hat das Herz geblutet, als ich beispielsweise die Zerstörung von über 400 Jahre alten Fachwerkhäusern gesehen habe“, berichtet Walter. Doch die „unglaubliche Hilfsbereitschaft auch unter Betroffenen“ mache ihm Mut, auch in Zukunft diese und andere Krisen zu bewältigen. Trotz der Tragödie „mit gefühlt Tausenden Schicksalen, die man nur aus Filmen kennt“, hätte sich so viel Menschlichkeit und spontane Hilfsbereitschaft gezeigt. „Der Zusammenhalt ist immens gewachsen, obwohl keiner weiß, wie es weitergeht.“ Trotz der Verluste hätten die meisten noch nicht den Mut verloren. „Und wenn das alles noch Jahre dauert, wir können auch zwei Jahre ohne Strom leben“, schildert er ein Gespräch mit einem Betroffenen, dessen Leben durch das Hochwasser wie das „von Tausenden Menschen nachhaltig verändert“ wurde.

Im Einsatz seien „auch wir wie fast alle Einsatzkräfte bei der Fahrt von Schicksal zu Schicksal an unsere Grenzen gekommen“, sagt Walter. Er betont aber auch, wie viel aus diesen Ereignissen auch bei der Nothilfe gelernt werden könne. Für September habe das DRK bereits einen weiteren Einsatz vereinbart. Sei es zu Beginn vor allem darum gegangen, die noch bestehenden Strukturen der Essensverteilung, Materialbereitstellung, Ärzte oder Seelsorge zu erfassen und schon ein Hof mit Lebensmitteln und Besen eine große Unterstützung war, gehe es nun zunehmend darum, „Strukturen aufzubauen, auch wenn wir und andere Helfer wieder weg sind“. Neben dem Wiederaufbau seien dabei auch Betreuungsangebote Betroffener wichtig. „Zwar sind nicht alle traumatisiert, aber zur kollektiven Aufarbeitung braucht es niederschwellige Angebote für Menschen, um einfach sprechen zu können“, sagt Walter.

Er selbst war erst am vergangenen Wochenende wieder privat im Hochwassergebiet. „Als ich drei Wochen danach dieses kleine Flüsschen Ahr gesehen habe, war ich nochmal umso mehr erschreckt über die verheerende Kraft des Wassers.“ Doch trotz der Katastrophe verbindet Walter mit der Region auch viele schöne Momente. „Ich habe so viele Menschen ins Herz geschlossen, es sind so tolle Kontakte entstanden.“ Er habe bereits mit seiner Familie gesprochen. „Wenn dort alles vorbei und wieder aufgebaut ist, mache mit meiner Familie dort Urlaub.“

Zerstörte Autos liegen am Rande der Ahr vor dem verwüsteten Stadtkern von Schuld.
Zerstörte Autos liegen am Rande der Ahr vor dem verwüsteten Stadtkern von Schuld.
Helfereinsatz im Eifelort Kreuzberg an der Ahr.
Helfereinsatz im Eifelort Kreuzberg an der Ahr.
Klaus Walter vom Roten Kreuz war wiederholt im Hochwassergebiet – auch privat.
Klaus Walter vom Roten Kreuz war wiederholt im Hochwassergebiet – auch privat.
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