Kreis Germersheim
Eltern und Erzieher fordern Klarheit
„Sie haben dem Kind einen neuen Namen gegeben“, sagt Nicole Reichling, Leiterin der Kita Spatzennest in Bellheim sarkastisch. „Wir hatten schon fast alles: Notbetreuung, erweiterte Notbetreuung, eingeschränkter Regelbetrieb, jetzt den Regelbetrieb mit besonderem Bedarf“. „Unterschiedliche Konzepte brauchen unterschiedliche Namen, damit man sie unterscheiden kann“, reagierte das Landesbildungsministerium auf die Anfrage zur Vielzahl der Begrifflichkeiten. Die Regelung solle eine Kinderbetreuung für berufstätige Eltern sichern, die nicht zu Hause arbeiten oder Urlaub nehmen können. Im Gegensatz zum Notbetrieb solle vermieden werden, dass Eltern abgewiesen würden, wenn sie in „nicht systemrelevanten Berufen“ arbeiteten.
Reichling ärgert sich dagegen über den „schwammigen Begriff“, der für alle Beteiligten vieles unklar ließe: „Die Fragen der Eltern reißen nicht ab.“ Dies berichtet auch Evelyn Reifel aus der Rülzheimer Kita Regenbogen, die die letzten Tage viele Debatten führen musste: „Es reicht nicht aus, nur Briefe zu schreiben. Es braucht persönliche Gespräche, man muss überall aktiv sein“.
„Viele Eltern sind solidarisch“
Es gebe allerdings ganz viele vernünftige Eltern, die ihre Kinder zuhause betreuen, berichtet sie. „Bei ganz vielen ist die Einsicht und Vernunft da“, meint Reifel erleichtert. In einer RHEINPFALZ-Umfrage im Landkreis berichteten alle Kitas davon, dass seit dem Lockdown über zwei Drittel der Kinder zuhause blieben. In der Kita St. Johannes der Täufer in Sondernheim seien beispielsweise nur noch 16 der sonst üblichen 80 Kinder zu betreuen. „Viele Eltern sind solidarisch“, heißt es aus einer Kita. Am Dienstag hatten Träger und Verbände der Kindertagesbetreuung gemeinsam an alle Eltern appelliert, Kontakte in allen Lebensbereichen stark einzuschränken: „Wir bitten Sie ganz eindringlich, nur dann von der Betreuung in der Kita Gebrauch zu machen, wenn Ihnen eine eigene Betreuung Ihrer Kinder wirklich nicht möglich ist.“ Den Appell schickten viele Kitas im Landkreis an die Eltern weiter.
„Nachdem es aber nur ein Appell war, hatten wir viele Diskussionen“, berichtet Tina Fröhlich aus dem Sonnenschein in Scheibenhardt. „Ohne klare Ansage mussten wir alles erklären. Dass die Verantwortung auf uns und die Eltern abgewälzt wird, finden wir unmöglich“, ergänzt ihre Kollegin Sandra Engesser verärgert. „Statt dieses Rumgeeieres, das zu Endlos-Diskussionen führte, hätten wir uns Klarheit gewünscht.“ Obwohl auch sie weit überwiegend auf Verständnis in der Elternschaft träfen, die Zahl der Kontakte überall zu reduzieren, gebe es auch Ausnahmen. „Wer es nicht einsehen will, der bringt sein Kind“, resümiert Reifel aus Rülzheim die vielen Gespräche.
Abstände sind in Kitas nicht einzuhalten
„Ich kann Eltern verstehen, die ihre Kinder zu uns bringen“, hat Daniel Deutsch vom Wörther Friedenskindergarten teilweise Verständnis für die Aufrechterhaltung des Regelbetriebs in den Kitas. „Für Eltern war es ein sehr schwieriges Jahr. Der Spagat der Eltern zwischen Kindern, Arbeit und anderen Verpflichtungen ist hart.“ Er sei aber auch besorgt um seine Mitarbeiter, „weil wir so nah an den Menschen sind“. Eine Maskenpflicht oder die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln seien bei kleinen Kindern nicht möglich. „Wir müssen die Kinder auch mal auf den Arm nehmen, wenn sie schreien“, berichtet Engesser aus dem Alltag.
Auch der Kandler Bürgermeister Michael Niedermeier bedauert, dass „die Entscheidungen für den Lockdown nicht für alle gelten“. Die Teams in den kommunalen Kitas seien „am Limit“ und „ständig der Gefahr ausgesetzt, krank zu werden und sich mit dem Corona-Virus zu infizieren“. Die Aufrechterhaltung des Regelbetriebs in Kitas bezeichnet er als „unverantwortlich“ und kann den Unterschied zum Schulbetrieb nicht nachvollziehen. „Begeistert war keiner, aber wir haben keine andere Wahl als uns anzupassen“, sagt eine Kita-Leiterin aus dem Landkreis, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Kitas seien sich ihrer Verantwortung bewusst. Und: „Wir machen unseren Job, das geht den Pflegekräften ja genauso, aber wir bekommen das einfach übergestülpt, da herrscht natürlich Unmut“, bestätigt Reifel.
„Wir zählen nichts“
Mangelnde Rücksicht beklagen auch andere Kita-Beschäftigte. Es müsse doch jeder sehen, dass wir keine Abstände einhalten können. „Ich habe mich sehr aufgeregt und fühle mich nicht ernst genommen“, äußert die Scheibenhardter Kita-Leiterin Engesser stellvertretend für viel. „Daran sieht man unseren Stellenwert, wir zählen nichts mehr“, beklagt sie mangelnde Wertschätzung. Durch die Einsicht vieler Eltern und die geringere Anzahl der Kinder sei nach dem Lockdown aber auch eine kleine Erleichterung eingekehrt. „Für uns Erzieher ist es auch mal nett, keinen 28 Haushalten auf engstem Raum zu begegnen“, sagt Reichling vom Spatzennest. Auch die Kinder seien erstaunt, dass sie so wenige sind.
In den Kitas wird die Weihnachtspause herbeigesehnt. „Nach 27 Jahren im Beruf war ich noch nie so müde und kaputt, wie in diesem Jahr. Meine Nerven liegen blank“, sehnt sich Engesser nach einer Verschnaufpause. Sie wird aber begleitet von weiterer Unsicherheit und der Skepsis, dass die Corona-Zahlen bis Januar tatsächlich deutlich sinken. „Ich fürchte, dass es bis zum echten Regelbetrieb noch lange dauert, vielleicht sogar noch sehr lange“, bringt Deutsch die Zukunftssorgen auf den Punkt.
Kommentar
Verantwortung abgewälzt
Die Landesregierung wollte sicherstellen, dass keine Eltern mit ihren Kindern an der Kita abgewiesen werden. Ein ehrenwerter Ansatz – doch in der Umsetzung zeigt sich wie so oft in der Corona-Krise ein Mangel an Verantwortungsübernahme.
Statt klarer Regeln folgte ein Appell die dringend notwendige Reduzierung der Kontakte doch jetzt wirklich umzusetzen. Die Verantwortung dafür wurde auf die Erzieherinnen und Erzieher übertragen, die die vagen Ansagen der Politik für die Eltern einzeln erklären und deuten mussten. Mütter und Väter, denen es durch ihren Beruf nicht möglich ist den allgemeinen Lockdown mitzugehen, sind verunsichert genug. Ihnen Orientierung zu geben, wäre ureigenste Aufgabe der politischen Entscheidungsträger. Doch diese entschieden nur, dass andere die Kindertagesstätten im Regelbetrieb offen zu halten haben.
Ohne an der Entscheidung beteiligt zu sein, wurde die Umsetzung aber auf die Kita-Beschäftigten abgewälzt. Wertschätzung für die, die den Betrieb am Laufen halten, sieht anders aus. Das zeigt sich im Geldbeutel der Beschäftigten, aber vor allem daran, dass sie zum wiederholten Mal von der Politik alleine gelassen wurden.