Kreis Germersheim Eltern organisieren Not-Kita selbst

„Ich bin auch Gewerkschaftler. Aber wir leben alle in einem Dorf und ich weiß nicht, ob die Spannung gut ist, die sich in den vergangenen drei Wochen aufgebaut hat“, sagt ein Vater. Ist das ein verzweifelter Appell oder schon eine kaum verhohlene Drohung? Wie auch immer: Die Nerven liegen blank am Mittwochabend in der Berger Gemeinschaftshalle. Die Stühle stehen zwar im Kreis, aber die Eltern und die streikenden Kita-Erzieherinnen sitzen sich gegenüber. Die Erzieherinnen werben für ihre Streikziele: Die Arbeit werde immer komplexer, die Tagesstätte entwickle sich zur Familieneinrichtung, die Kinder müssten immer mehr gefördert werden. Sie fordern mehr Geld und eine höhere Wertschätzung, der Beruf sei für Nachwuchskräfte uninteressant geworden. Damit rennen sie bei den Eltern offene Türen ein. „Ich will motivierte Erzieherinnen für meine Kinder“, sagt ein Vater. Aber wirklich brennend interessiert die Eltern an diesem Abend nur eine Frage: Wie geht es nach drei Wochen Kita-Streik ohne Notgruppe weiter? Und warum in Berg? Ein solch harten Streik gebe doch sonst kaum irgendwo. Die Folgen: Zwei Eltern sei schon vom Arbeitgeber mit Kündigung gedroht worden, in einem Fall offen und direkt, im anderem Fall noch „subtil“. Andere Eltern klagen, dass ihr Jahresurlaub bald aufgebraucht sei, wenn der Streik noch ein, zwei Wochen weitergehe. Auch die Belastbarkeit von Omas und Opas habe Grenzen. Und: „Die Kinder drehen schon hohl, weil sie von A nach B nach C geschoben werden, weil die Mutter arbeitet“, sagt eine Mutter. „Uns tut das leid“, sagen die Erzieherinnen dazu. Und fordern die Eltern dazu auf, die Streikenden zu unterstützen. Je schneller die Forderungen erfüllt werden, umso eher werde der Ausstand beendet. Woanders haben Eltern mit ihren Kindern Rathäuser gestürmt und Gemeinderatssitzungen gesprengt. Berg sei bei Weitem nicht die einzige Gemeinde, in der durchgehend gestreikt werde, sagt Verdi-Bezirksgeschäftsführer Jürgen Knoll und weist auf zwei kommunale Kitas in Landau hin. Warum nicht in Wörth gestreikt wird, wo mit Harald Seiter (CDU) ein Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeber Bürgermeister ist? „Wir brauchen auch Menschen, die streiken wollen“, sagt Knoll. In Wörth habe Verdi zu wenige Mitglieder. Zur immer wieder auftauchenden Forderung nach Notgruppen erläutert Knoll die Spielregeln eines Streiks: Über Notfallpläne verhandelt die Gewerkschaft mit dem Träger, in Berg ist dies die Ortsgemeinde. Der Elternausschuss fordert die Erzieherinnen dennoch auf, sich bei der Betreuung von Notgruppen zu beteiligen, die die Eltern organisieren wollen. Verdi-Mann Knoll warnt: Haftungsrechtlich würde damit schwieriges Gelände betreten. Bürgermeister Roitsch greift in die Diskussion ein: Ein Notbetrieb müsse doch möglich sein, mit zwei, drei der insgesamt vier Gruppen. Das sei kein Notbetrieb, kontert Knoll. Die Notbetriebs-Vereinbarungen, die bisher in der Pfalz abgeschlossen wurden, decken etwa 10 Prozent der Kapazität ab. Daniela Boudgoust vom Elternausschuss beendet die Diskussion mit einer ultimativen Forderung: Die Eltern sind bereit, sich an Streikaktionen der Erzieherinnen zu beteiligen, wenn diese in den Notgruppen mitarbeiten. Die aber schütteln die Köpfe, die Eltern verlassen die Halle. Bürgermeister Roitsch versucht noch mit Kindergartenleiterin Carina Deutsch über Notgruppen zu reden. Die verweist an Verdi-Mann Knoll. Mit dem will Roitsch aber offenbar nicht reden. Dann sind die Erzieherinnen allein, einige sind den Tränen nahe. Draußen bereiten die Eltern den Notbetrieb vor. Das Angebot der Eltern fand gestern wenig Widerhall. Nur 7 von rund 80 Kindern spielen im Kindergarten, betreut von drei Müttern. „Für morgen sind 11 Kinder angemeldet und nach der Fronleichnamswoche wird es erst richtig anlaufen“, erwartet Boudgoust, die auch mit einer langen Streikdauer rechnet. Bei der Betreuung der Kinder hilft den Müttern eine Auszubildende, sie darf nicht streiken. Ob sie lange als Erzieherin arbeiten wird, ist ungewiss: Sie denkt über ein Lehramtsstudium nach der Ausbildung nach.