Kandel
Eltern-Angst vor Verkehr: Hier dürfen keine Kinder alleine auf der Straße spielen
Das Neubaugebiet hatte einen langen Vorlauf: Knapp elf Jahre hat es vom Aufstellungsbeschluss bis zum ersten Spatenstich in K2-Nordwest gedauert. Als dieser im Jahr 2020 endlich erfolgte, war die Nachfrage nach Grundstücken so groß, dass sogar ein Kriterienkatalog erstellt wurde. Es gab ein Punktesystem, bei dem ein Gedanke war, dass vor allem Familien mit Kindern zum Zuge kommen sollten. Genau diese Familien sind dann tatsächlich eingezogen – glücklich mit ihrer neuen Heimat sind sie aber nicht.
Hier spielen keine Kinder einfach so auf der Straße oder springen mal kurz auf die andere Seite, um bei den Nachbarn an der Tür zu klingen. Stattdessen schreiben sich die Eltern Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe, wer gerade auf der Straße Aufsicht halten kann. Oder stellen orangen-farbene Hütchen auf, um Fahrer auf spielende Kinder hinzuweisen. Auch beim Spaziergang durch das Viertel: Keine Kinder auf den Straßen, dafür sind Rufe wie „Achtung, ein Auto kommt“ zu hören. Was ist da los?
Die Kritikpunkte der Interessengemeinschaft
Zwar gilt Tempo 30, „aber es hält sich niemand daran“, schildert Norman Frey von der Interessengemeinschaft bei einem Gespräch mit der RHEINPFALZ die Sorgen der Anwohner. Ein Punkt: Es gibt nur einseitig einen Gehweg, der Weg zum Spielplatz zum Beispiel sei supergefährlich. „Hier ist grundsätzlich fehlgeplant worden“, lautet ein Vorwurf.
Bei der Brücke über die Bahn in der Guttenbergstraße habe ihnen der damalige Bürgermeister Michael Niedermeier (CDU) zugesichert, dass die Brücke nur für Baustellenfahrzeuge geöffnet sei, erinnert sich Frey. Doch inzwischen ist die Brücke allgemein für den Verkehr freigegeben. Die Strecke Am Höhenweg über den Sonnenblumenweg, den Veilchenweg und die Guttenbergstraße werde seitdem immer stärker als eine Art Umgehungsstraße genutzt, sagen die Anwohner.
Wie bestellt braust ein Fahrzeug mit HD-Kennzeichen ziemlich schnell heran, bremst aber ab, als der Fahrer feststellt, dass fotografiert wird. Morgens sei es schlimm, am späten Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr sei die Hölle los, kritisieren die Anwohner. Vor allem, wenn die Bahnschranken im Innenort geschlossen sind, weichen viele Fahrer gerne aus. Dass Google Maps diese Route ebenfalls als Alternative vorschlägt, verschärft das Problem noch
Auch im Rosenweg – anders als ein Großteil des Gebiets verkehrsberuhigt – fühlt man sich nicht sicher: Der Asphalt hebt sich farblich nicht ab. Zwar gibt es inzwischen an einer Stelle eine Verengung mit zwei Blumenkübeln, aber dies habe wenig Effekt, schildert Melanie Greller.
Das Ergebnis einer Verkehrszählung
Mailwechsel von verschiedenen Anwohnern mit der Verwaltung gab in den in den vergangenen Jahren häufig. Gehört fühlte man sich jedoch nicht. Es folgte eine Verkehrsuntersuchung, auch diese konnte die Gemüter nicht beruhigen.
Die Verkehrsmessungen seien in den Ferien erfolgt, da könnte man Absicht unterstellen, sagen die verärgerten Anwohner. Tatsächlich war das Unternehmen Modus Consult laut einer Information der Verwaltung „im Sommer“ im Sonnenblumenweg unterwegs. Dabei sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass der Verkehr „in den innerörtlichen Wohnstraßen“ Am Höhenweg (zirka 900 Fahrzeuge in 24 Stunden), Sonnenblumenweg (zirka 1000). Hubstraße (zirka 1200) und Guttenbergstraße (zirka 2100) „deutlich unter den gebietsverträglichen Verkehrsmengen“ von bis zu 3300 Fahrzeugen innerhalb von 24 Stunden liege. Der Stadtrat hat daher im September beschlossen, dass es aufgrund des „gebietsverträglichen“ Verkehrsaufkommens vorerst keine Maßnahmen gebe.
Die Anwohner weisen darauf hin, dass es im Viertel 95 bewohnte Einheiten gebe, mit denen man auf 570 Fahrten am Tag käme. Die Hälfte des Verkehrs komme also von Wohngebietsfremden. Als man in einer Stadtratssitzung auf die Aspekte hinweisen wollte, sei man nicht zu Wort gekommen, lautet ein weiterer Vorwurf.
Die Vorschläge der Anwohner
Die Anwohner haben der Verwaltung daher schriftlich schon Vorschläge zur Verbesserung der Lage genannt. Eine Sperrung der Bahnbrücke zum Beispiel, die noch dazu mit einer Schranke für Landwirte versehen werden könnte. Oder, stattdessen, das gesamte Gebiet – beziehungsweise einzelne Bereiche, damit die Gehwege nicht rückgebaut werden müssen – zu einem verkehrsberuhigten Bereich zu erklären. Dies wäre zum Beispiel durch die Einfärbung des Asphalts umsetzbar. Ein weiterer Vorschlag: Fahrbahnverengungen in Form von Blumenkübeln oder Parkbuchten, außerdem Fahrbahnschweller und ein Aufheben des Parkverbots.
Man hat noch Hoffnung: Im Höhenweg sei schließlich auch aus Tempo 50 eine 30er Zone geworden, das zeigt, dass Ausnahmen immer möglich sind, sagt Norman Frey.
Das sagt die Stadt
Frustriert haben die Anwohner schließlich einen Widerspruch an die Verwaltung geschickt, drohen unter anderem mit einer Petition an den Landtag und einer fachaufsichtlichen Prüfung durch die Kreisverwaltung.
Das Thema soll bald auf die Tagesordnung des Stadtrats kommen, verspricht Bürgermeister Michael Gaudier. Dann soll die Firma ihre Messdaten näher erläutern. Auch werde man versuchen, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen – vielleicht auf Bierbänken unter dem Sonnensegel am Spielplatz. Und man nimmt für das nächste Baugebiet schon einmal mit: Dann sollen Gehwege mit Hochbordstein für Sicherheit sorgen.