Kreis Germersheim
Eine Meise kommt selten allein
Die Schwanzmeise hält sich gerne in Gewässernähe auf und bevorzugt Laubgehölze aller Art, sie kommt aber auch in Ortschaften in die Gärten und an die Vogelfutterstellen. Sprich: Wir haben eine gute Chance sie zu erspähen, meint Vogelkundler Thomas Dolich aus Neuhofen. „Meistens hört man sie allerdings bevor man sie sieht. Anhand ihrer typischen Zerrrr-Zerrrr-Rufe, die fast pausenlos ertönen, ist sie leicht zu erkennen.“
Eine Schwanzmeise kommt selten allein. Schon ab Herbst zieht sie gerne in Trupps mit anderen Meisenarten durch die Wälder. „Wie eine Gang kommen beziehungsweise fliegen sie daher“, sagt Förster Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. Und diese Vogelbanden verteidigen ihr Revier. „Jede hat ihr Viertel und dort das Sagen. Und wie das bei Gangs so üblich ist, es scheint einen Boss zu geben“, sagt Westermann und lacht. Dieser habe das Recht, sich beim Aufsuchen der Schlafplätze in die Mitte zu setzen, damit er dort am besten gewärmt wird. Wer möchte da nicht der Chef sein? Es soll allerdings jeden Abend bis zu 30 Minuten dauern, bis die Rangordnung geklärt ist.
Gegen Ende des Winters löst sich die Vogelbande auf, denn für Paarung, Nestbau und so weiter bleibt man dann doch lieber zu zweit. „Hat man sich gefunden und das kugelförmige Nest im Dickicht gebaut, wird kein anderes Schwanzmeischen mehr geduldet. Wer das nicht respektiert, bekommt schnell was auf den Schnabel“, sagt der Förster, der die Tiere mit dem lebhaften Wesen schon beobachtet hat. Das Nest der Schwanzmeisen ist ein echtes Kunstwerk. Fast einen Monat lang bauen sie an einer runden Kugel mit Flechten und Moosen, die mit zahlreichen Federn, Halmen und Haaren ausgepolstert wird. Das kleine Einflugloch liegt gut versteckt. „Wer es aber doch entdeckt, ist fasziniert von der klugen Bauweise“, meint Westermann.
Überhaupt ist der Förster ganz begeistert von den drolligen, quirligen Gesellen, die selten still sitzen und nur schwer zu fotografieren sind. Der lange Schwanz ermöglicht den Tieren ein akrobatisches Tänzeln selbst auf den äußeren Zweigenden. Dort werden kleine Insekten erbeutet. Der lange Schwanz gibt der Meise, die keine Meise ist, ihren Namen. „Die deutschen Namen von Pflanzen und Tieren haben sich prinzipiell geschichtlich entwickelt, oft gab und gibt es auch regionale und mundartliche Namen“, berichtet Dolich. Die Schwanzmeise sei in der Schweiz, im Elsass und in der Pfalz wegen ihres Schwanzes auch Pfannenstiel oder Pfannenstielchen genannt worden. Ganz ohne Meise. Und damit eigentlich passend.
„Ja, manchmal stimmen die Namen nicht mit der wissenschaftlichen Systematik, der Verwandtschaft, überein, was nicht zuletzt daran liegt, dass es da immer wieder Änderungen gibt und Verwandtschaften, auch aufgrund von genetischen Untersuchungen, wieder neu eingeteilt wurden und werden. Die wissenschaftlichen Namen werden dann jeweils angepasst“, erklärt Dolich.
Gerade die Meisen seien da ein typisches Beispiel. Es gibt in der Vogelwelt eine Familie der Meisen (wissenschaftlich Paridae), zu der auch die meisten unserer heimischen Arten zählen, nämlich Tannenmeise, Haubenmeise, Sumpfmeise, Weidenmeise, Blaumeise und Kohlmeise. Es gibt Dolich zufolge aber noch weitere Vogelarten bei uns, die auch Meisen genannt werden, aber nicht in die eigentliche Familie der Meisen gehören, sondern allesamt zu eigenen Familien derselben Unterordnung Singvögel. „Das sind Beutelmeise, Bartmeise und eben auch die Schwanzmeise, von der es weltweit wiederum 13 Arten gibt. Die Schwanzmeise ist also gar nicht direkt mit den eigentlichen Meisen verwandt, sondern steht verwandtschaftlich eher den Schwalben und Lerchen näher.“ Puh, gar nicht so einfach, in der Vogelwelt durchzusteigen.
Die Schwanzmeise ist deutlich seltener als die nicht verwandte Kohl- oder Blaumeise, sie ist bei uns aber, sagt der Vogelexperte, prinzipiell weit verbreitet und kann, gerade im Winter, überall im Kreis angetroffen werden. Also am besten mal auf den typischen Zerrrr-Zerrrr-Ruf achten und genau hinschauen. „Mit dem langen Schwanz und der braun-weiß-schwarzen Färbung ist sie eigentlich unverwechselbar“, sagt Dolich.
Prinzipiell ist die Schwanzmeise ein Standvogel, sie bleibt also ganzjährig bei uns. Im Winter kommen aber oft noch Gäste aus Nord- und Osteuropa in unsere doch mildere Region. Und da lohnt es sich laut Dolich, noch mal genauer hinzuschauen, denn manchmal sind Schwanzmeisen mit ganz weißen Köpfen dabei. Es kann sich dann um eine Unterart aus dem hohen Nordosten Europas handeln. Also auch eine Schwanzmeise, die keine Meise ist. Vielleicht aber ist sie Chefmeise, mit Kuschelplatz in der Mitte.
Die Serie
In der Serie Winterwaldvögel schauen wir, wer alles da geblieben ist und es den Winter über hier aushält. Die gefiederten Waldbewohner haben in der kalten Jahreszeit besondere Überlebensstrategien.