Kandel DRK-Projekt für junge Menschen: Einfach leben lernen
Zunächst kann eine Einrichtung ein sicheres Zuhause sein. Zum Beispiel für den 16-jährigen Kurden, der nach Übergriffen auf seine Familie alleine aus der Türkei nach Deutschland geflohen ist. Bei seiner Ankunft vor einem Jahr habe er nur einzelne deutsche Wort verstanden und sei von der Flucht gezeichnet gewesen, heißt es von Einrichtungsleiterin Katrin Petsch. Doch nachdem er in der Schule großen Ehrgeiz und Lernbereitschaft gezeigt habe, konnte er schnell in einer regulären Klasse unterrichtet werden. Ende 2023 hat er ein erstes Praktikum im Straßenbau absolviert.
Oder eine damals 15-Jährige, die Anfang 2022 in die Einrichtung kam, die zu diesem Zeitpunkt noch in Wörth angesiedelt war. Die junge Frau ging nur noch selten zur Schule, wurde regelmäßig von der Polizei als vermisst gemeldet und hatte Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten. Dabei gab es Hinweise auf traumatische Ereignisse in ihrer Vergangenheit, so Katrin Petsch.
Umzug im September 2023
Bisher wohnten diese jungen Menschen in der „Insel der Zuversicht“ in Wörth, sind jedoch im September 2023 in das „Haus des Lebens“ in Kandel umgezogen. Die Wörther Einrichtung ist jetzt als „Henri Dunant Haus“ der Betreuung von unbegleiteten Geflüchteten gewidmet.
Die Kosten für das „Haus des Lebens“ blieben nach Angaben von DRK-Geschäftsführer Thorsten Böttcher im Rahmen. Sie lagen mit etwa 3,6 Millionen Euro nur unwesentlich über dem beim Richtfest genannten Betrag von 3,5 Millionen. Geschaffen wurden drei Wohngruppen, in denen 18 junge Menschen aufgenommen werden können. Zwei weitere Wohneinheiten sind für je zwei Kinder auf dem Weg zur Verselbstständigung. Bei einem Termin Anfang Februar konnten auch die neuen Nachbarn die Einrichtung von innen kennenlernen.
Nach Angaben von Leiterin Katrin Petsch, die mit nach Kandel umgezogen ist, unterstützen multiprofessionelle Teams die meist psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen. Auf Grund der psychischen Beeinträchtigung falle den jungen Menschen die Gestaltung einer gesunden Lebensweise oftmals schwer. Daher bedürfe es einer engen Begleitung und Unterstützung in Krisensituationen durch ausgebildete Pädagogen und Fachdienste und zudem einen intensiven Austausch mit Therapeuten, Psychiatern und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die ersten Bewohner kommen aus verschiedenen Bundesländern, berichtet Leiterin Petsch. Man könne schon jetzt nicht alle Belegungswünsche erfüllen, weil die Nachfrage zu groß sei. Die Aufnahme erfolgt grundsätzlich nur über die jeweiligen Jugendämter.
Im Verein trainieren
Das „Haus des Lebens“ ist wie das „Henry-Dunant-Haus“ in Wörth eine Einrichtung der stationären Jugendhilfe. In beiden Häusern lege man großen Wert auf eine klare und transparente Tagesstruktur, so Petsch. In der Freizeit unternehme man gerne etwas in Gruppen, etwa Ausflüge. Spaß gemacht habe der Besuch des Christkindlmarktes. Allerdings könnten sich die Bewohner auch ganz individuell Angebote der Kandeler Vereine aussuchen und dort mitspielen oder trainieren. Auch das Jugendzentrum sei eine beliebte Anlaufstelle.
Mit dabei waren auch die junge traumatisierte Frau und der junge Geflüchtete. Für beide sieht es nach einer guten Entwicklung aus: Inzwischen schafft die junge Frau es, ihren Alltag selbstständig zu organisieren. Im Sommer 2023 hat sie ihre Berufsreife mit sehr guten Noten abgeschlossen und ein freiwilliges soziales Jahr begonnen. Danach will sie eine Ausbildung im Sozialbereich absolvieren. Drogenkonsum und selbstverletzendes Verhalten gelten derzeit laut Petsch als überwunden. Sie lebt im Kandeler Neubau in einer Wohngemeinschaft und erprobt das eigenständige Leben.
Der junge Kurde gilt inzwischen für die jüngeren Kinder und Jugendliche in der Einrichtung als Vorbild und übernimmt Verantwortung. Langfristig möchte er in Deutschland leben und nach seinem Schulabschluss, der demnächst ansteht, einem Beruf im Handwerk nachgehen, berichtet Katrin Petsch.
Termin
Offiziell eingeweiht wird das „Haus des Lebens“ am Samstag, 24. Februar, 16 Uhr.