Kreis Germersheim Die Züge brachten Kohlen und einen erhöhten Fußweg

Kandel. Am Samstag wird der frisch sanierte Bahnhof eingeweiht. Aber schon vor über 150 Jahren befasste sich der Gemeinderat mit dem Bahnhof. Bevor die Eisenbahn von Winden nach Wörth durch Kandel gebaut wurde, ging es um die Erreichbarkeit des Bahnhofs von der Hauptstraße aus. Bis zur Bismarckstraße war es ein weiter Weg.
Bereits 1861, die genaue Planung für die Lage des Bahnhofes lag noch gar nicht vor, wurde im Gemeinderat beraten, wie die Bürger von der Hauptstraße zum Bahnhof kommen sollten. Im Protokollbuch ist der Ratsbeschluss zu finden, dem zufolge das Haus der Erben des Johann Michael Roth gekauft werden sollte, um von der Hauptstraße von Mittelkandel durch diesen Hofraum eine geräumige Straße direkt auf den Bahnhof führen zu können, „wenn die Zweigbahn von Winden nach Maxau gebaut und der Bahnhof dort angelegt würde“. An dieser Stelle war hundert Jahre vorher eine Bachstubengaß, durch die der Bader Frantz Dominic Wagner, der in der Totengasse (heute: Turmstraße) sein Wohnhaus hatte, zu seiner Badstube am Bach gehen durfte. Johann Michael Roth, der Besitzer des Hauses in Mittelkandel, welches damals die Hausnummer 317 trug, war Sattler, wie sein Vater und führte eine Wirtschaft mit dem Namen „zum güldenen Kranz“. Im Urkataster wird die Bebauung mit „Wohnhaus, Scheuer mit 2 Ställen, 4 Schweineställe und Hofraum“ beschrieben. Das unterhalb benachbart liegende Wirtshaus von Johannes Rödel mit der Hausnummer 318, das „Gasthaus zum Sternen“, ein „Wohnhaus mit Brauhaus und Stall, 4 Schweineställe, Schopp, halbe Scheuer mit Stall, und Dreschtenne“ blieb stehen und wurde laut Hausinschrift 1910/11 von Grund auf als Backsteinhaus neu erbaut. Der hintere Gebäudeteil mit Fachwerk blieb stehen. Michael Roths Haus wurde abgerissen. Doch dann sah es der Rat nicht für erforderlich an, den Fußweg vom Gasthaus „zum Sternen“ bis zur Eisenbahn anzulegen. Als die erste Bahn am 14. März 1864 in Kandel hielt, bestand dort immer noch nur ein unbefestigter, meist feuchter Fußweg. Mit dem Fuhrwerk wurde der Bahnhof über den Teil der Lauterburger Straße angefahren, der heute Bahnhofstraße heißt. Der Rat diskutierte umso intensiver über die Auswirkungen des Eisenbahnbaues auf den Gemeindehaushalt. Durch die Steinkohle, die nun per Bahn einfach und billig aus dem Saarland nach Kandel geliefert wurde, befürchtete man Einbußen beim Holzverkauf aus dem Gemeindewald und einen Rückgang der Transporte von Eisenerz aus dem Elsass nach Baden. Um die finanziellen Einbußen der Geschäftsleute „in Folge des Eisenbahnbaus durch Verminderung der fremden Fuhrwerke“ auszugleichen, beschloss der Rat die Einrichtung eines Viehmarktes, der an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat stattfinden soll. Heute erinnert ein Denkmal von Erich Sauer an den „Saumarkt“. Es wird zwar 1879 im Zuge des Fußweges eine Brücke über den Floßgraben gebaut, doch wird noch 1887 dieser Fußweg, speziell an der Wirtschaft „zum Sternen“, als „ruinös“ beschrieben. Erst weitere zehn Jahre später bekommt dieser Fußweg mehr Bedeutung. 1897 wird der öffentliche freie Platz hinter dem Gasthaus „zum Sternen“ zur Errichtung einer „Faß-Aich-Anstalt“ und als Standort für den Kubicier-Apparat (das Eichmaß) bestimmt und noch zwei Jahre später wird entschieden, hier ein Elektrizitätswerk zu errichten, bahnhofsnah für den Kohlentransport und zugleich in der Nähe der Stromabnehmer in Mittelkandel. Die Gemeinde stellt sodann für den Weg vom Gasthaus bis zum Bahnhof einen Baulinienplan auf und beschließt, den Weg zu verbreitern und wegen des feuchten Geländes höher zu legen, damit die Kohlen leichter zum E-Werk transportiert werden können. 1898 erhält der Fußweg seinen Namen: Bismarckstraße. Um Auffüllmaterial zur Höherlegung der Straße zu erlangen, beschloss der Rat einstimmig, den „zwischen dem Kugelfang und dem Holzabfuhrweg, westlich am Fohlentummelplatz gelegenen Gänseweideplatz“ auszuheben, damit dieser in der Winterzeit als Schlittschuhbahn benützt werden kann. So entstand der Schwanenweiher. Ein Beschluss, auf beiden Seiten der nun höher liegenden Bismarckstraße ein Trottoir anzulegen, wird aber nicht gleich, sondern erst mit dem Bau der Wasserleitung, umgesetzt. Die heute in der Bismarckstraße stehenden Häuser in Backsteinmauerwerk wurden in dieser Zeit von dem Maurermeister Franz Heußler erbaut. Sie waren unter den ersten Häusern, die das neue Elektrizitätswerk mit Strom versorgte. Das „Bahnhofshotel“, das am bahnhofsnahen Ende der Bismarckstraße gebaut wurde, zeugt noch von den hochfliegenden Plänen, die man mit dieser neuen Straße verband. (esse)