Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Die kleinen Dinge des Alltags erleichtern

Gemeindeschwester plus Angelika Drodofsky.
Gemeindeschwester plus Angelika Drodofsky.

Viele Menschen brauchen im hohen Alter noch keine Pflege. Es ist verständlich, dass sie in ihrer gewohnten Umgebung so lange wie möglich selbstbestimmt leben möchten. Im Bereich Hagenbach, Kandel und Wörth steht für Fragen und Unterstützungsbedarf seit kurzem Angelika Drodofsky als Fachfrau zur Verfügung. Hartwig Humbert hat mit ihr über ihre Aufgaben und ersten Erfahrungen gesprochen.

Frau Drodofsky, seit wann gibt es die Gemeindeschwester plus – in Rheinland-Pfalz und hier in der Region?
In Rheinland-Pfalz gibt es bereits eine ganze Reihe Gemeindeschwestern plus. Dieses Landesprojekt, auf das sich Städte und Gemeinden bewerben können, läuft seit 2015. Die Stadt Wörth sowie die Verbandsgemeinden Hagenbach und Kandel haben sich im Verbund dafür beworben, somit bin ich nun seit Mitte Juni Gemeindeschwester plus für dieses Einzugsgebiet. Finanziert wird das Projekt durch das Land, die Sozialstation Wörth ist der Anstellungsträger und Tobias Simon, Büroleiter der Stadtverwaltung Wörth, ist mein direkter Ansprechpartner. Es ist eine dreiviertel Stelle und zunächst befristet bis Ende 2022.

In Landau und im Landkreis Südliche Weinstraße gibt es Gemeindeschwestern, die schon lange etabliert sind. Vielleicht werden künftig auch noch in den anderen Teilen des Landkreises Germersheim Gemeindeschwestern ihren Dienst aufnehmen.

Welche Aufgaben haben Sie im Unterschied zu Einrichtungen der Ambulanten Pflege und zu den Pflegestützpunkten? Welcher Personenkreis kann Ihre Beratung in Anspruch nehmen?
Der Pflegestützpunkt und die Sozialstation sind zuständig für Menschen, die schon einen Pflegegrad haben und bereits pflegebedürftig sind. Die Gemeindeschwester plus ist für Menschen der Generation 80 plus da, die dagegen vielleicht einfach nur Unterstützung, Information und Betreuung haben möchten, die mal jemanden brauchen, mit dem sie sprechen können. Gerade mit Corona gab es so viele Fragezeichen: Welche Masken soll ich nehmen? Welchen Test muss ich machen? Kann ich einkaufen gehen? Welche Angebote gibt es, um dort hinzukommen? Wie kann ich meinen Alltag gestalten? Wie kann ich selbstständig bleiben?

Es geht darum, sich um diese Menschen zu kümmern, es geht bei den Hausbesuchen oder bei den Telefongesprächen nicht nur um eine Beratung. Ich versuche, Ansprechpartner zu sein – und zu bleiben. Ich komme immer wieder, sooft man mich braucht. Es entstehen regelmäßige Kontakte und der Mensch weiß, da ist eine Person, an die ich mich wenden kann, wenn ich eine Frage habe. Es geht um eine präventive Hilfestellung.

Welche Inhalte kann Ihre Beratung haben?
Ich vermittle in alle Richtungen, je nach Bedarf, das kann zum Beispiel einfach nur eine Begleitung beim Spazierengehen sein. Ich gebe auch Informationen weiter zu „Essen auf Rädern“ oder wie der Mensch in die Klinik nach Landau oder Karlsruhe kommen kann, wenn eine Untersuchung ansteht. Wenn jemand den Eindruck hat, dass er einen Pflegegrad braucht, dann gebe ich das an den Pflegestützpunkt weiter.

Können Sie uns ein Beispiel Ihrer Beratungsarbeit schildern?
Gestern war ich bei einer Frau, deren Tochter im Ausland lebt. Sie hat zwar hier Personen, an die sie sich wenden kann, ich konnte sie dann in einem langen Gespräch mit der Krankenkasse unterstützen.

Vor kurzem hatte ich einen Anruf, wo der Ehemann unerwartet im Krankenhaus verstorben ist. Die Seniorin musste zum einen diesen plötzlichen Verlust verkraften und zum andern überlegen, wie es nun weitergeht für sie selbst. Diese Frau konnte ich dann einige Male unterstützen. Vielleicht bin ich auch manchmal wie ein Seelsorger, es ist dieses Kümmern und das Gefühl, es unterstützt mich jemand, dann fallen Entscheidungen leichter.

Viele Menschen in diesem Alter haben ihren Partner verloren und sind alleine. Und dann entsteht zum Beispiel die Frage: Wie komme ich denn jetzt ins Einkaufszentrum?

Wie erreichen Sie die Seniorinnen und Senioren und andersherum: wie erfahren sie von Ihnen und ihrem Angebot?
In Wörth und der Verbandsgemeinde Hagenbach wurden alle Seniorinnen und Senioren über 80 Jahren durch die Bürgermeister angeschrieben und informiert, dass es die Gemeindeschwester plus gibt. Auch in den Amtsblättern wurde dies bekannt gemacht. Darauf habe ich manch nette und witzige Resonanz bekommen: „Wenn ich mal jemanden brauchen sollte, dann weiß ich, dass ich Sie anrufen kann“. Dies ist für diese Menschen eine Sicherheit.

Welche fachliche Qualifikation mussten Sie für die Stelle mitbringen?
Von Beruf bin ich Krankenschwester, meine Ausbildung erhielt ich am damaligen Kreiskrankenhaus Kandel, habe dann in verschiedenen Einrichtungen gearbeitet, unter anderem zehn Jahre in einer Klinik in München, danach in Altersheimen hier in der Umgebung, in einer Tagesstätte und zuletzt in der Wörther Sozialstation. Dadurch habe ich einen Überblick über viele Bereiche. Ich erwarb verschiedene Zusatzqualifikationen, bin Validations-Presenter nach Naomi Feil zum Thema Demenz mit dem großen Schwerpunkt der Kommunikation und war Praxisanleiterin hier in der Sozialstation, durch die ich mir pädagogische Fähigkeiten aneignen konnte.

Für die Gemeindeschwestern plus gibt es ständig Fortbildungen auf Landesebene durch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). Somit ist auch der Informationsfluss zwischen den Gemeindeschwestern gewährleistet.

Ich habe gelesen, dass man auf Wunsch bei Ihnen ein Tablet ausleihen kann. Welchen Zweck verfolgt dieses Angebot?
Das ist eine spannende Sache: Über die Medienanstalt Rheinland-Pfalz wird versucht, den alten Menschen Zugang zu den modernen Medien zu ermöglichen. Dafür ist die Gemeindeschwester Ansprechpartner. Im Land gibt es Senioren, die sich zum Digitalbotschafter (Digibo) ausbilden lassen und diese Kenntnisse an ältere Menschen weitergeben. In der Region gibt es eine solche in Landau. Die Senioren sprechen auf gleicher Ebene miteinander. Informationen, die digital erhältlich sind, können auch für die ältere Generation sehr hilfreich sein. Gerade durch Corona sind auch viele Kontakte weggebrochen. Über ein Tablet oder ein Smartphone ist es möglich, Kinder, die weiter weg wohnen und nicht mehr so leicht zu Besuch kommen können, wieder zu hören und zu sehen und den Kontakt zu halten. Ich habe fünf Tablets, die bisher nicht nachgefragt wurden. Der Wörther Seniorenbeirat bietet Handykurse an, in denen die Tablets im Moment eingesetzt sind. Doch ich werde auch von Menschen angerufen, die ein Handy haben und gezeigt bekommen möchten, wie sie das besser benutzen können. Gestern war ich bei einer Dame, der ich zeigen konnte, wie man Handyfotos aufnimmt und über einen Messenger verschickt. Sie war total begeistert.

Info

Die Inanspruchnahme der Gemeindeschwester plus ist für Seniorinnen und Senioren kostenlos. Erreichbar ist Angelika Drodofsky unter der Telefonnummer 07271 131151, oder E-Mail an gemeindeschwester@woerth.de und demnächst in der Keltenstraße 15a in Wörth.

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