Kreis Germersheim Die Flucht ist noch lange nicht zu Ende
Um 5.30 Uhr stand die Polizei in Schaidt vor der Tür der ehemaligen Gaststätte Linde und nahm Kisanet mit. Das 18-Jährige Mädchen aus Eritrea wurde kurz darauf nach Italien abgeschoben. Wenige Tage später sollte auch ihre Mitbewohnerin ausreisen. Da die 19-Jährige nicht öffnete, wurde die Tür mitten in der Nacht gewaltsam geöffnet. Doch im Zimmer haben die Beamten niemanden angetroffen: Das Mädchen war inzwischen untergetaucht. „Wie hier vorgegangen wird, das finde ich unerträglich“, sagt Thomas Krämer. Er gibt Sprachkurse für die Flüchtlinge und hat sich nach Kisanets Abschiebung an die RHEINPFALZ gewandt. Nach dem Dublin-II-Abkommen müssen Flüchtlinge zurück in das europäische Land, in dem sie zuerst mit Fingerabdruck registriert wurden. Da viele Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen, ist das Ankunftsland seit der Schließung der Balkanroute meist Italien. Dorthin werden viele Asylsuchende abgeschoben – obwohl Italien schon oft beklagt hat, mit der Situation überfordert zu sein, Hilfsorganisationen kritisieren die Situation vor Ort. Auch Krämer hat zwar Verständnis dafür, dass europäisches Recht eingehalten werden muss. Abschiebungen seien nachvollziehbar, gerade bei Gefährdern. Aber in diesem Fall? „Das sind unschuldige christliche Mädchen, die als Minderjährige gekommen sind“, betont er. „Sie kommen aus einer brutalen Diktatur und sind christlicher als die meisten in Deutschland.“ Kisanet hatte mehrere Monate einen Deutschkurs besucht, es gibt hier eine große eritreische Gemeinde, „das wäre sehr aussichtsreich gewesen.“ Bittere Ironie: Am Tag nach der Abschiebung hatte sie Post, berichtet Krämer. Darin hieß es, sie solle die Papiere für ihre Duldung abholen. „Man entwurzelt diese Menschen ständig neu, ein Unding.“ Die Kreisverwaltung Germersheim teilt auf Anfrage mit, dass es im Mai und Juni insgesamt 12 Abschiebungen gab. Die betroffenen Menschen kamen aus Ägypten, Eritrea, Georgien, Armenien und Somalia und wurden nach Italien, Frankreich, Norwegen, Armenien und Georgien abgeschoben. Dass die Polizei nachts vor der Tür stehe, habe einen organisatorischen Grund: „Der zeitliche Ablauf einer Abschiebung richtet sich nach den Flugdaten. Daher beginnen Abschiebungen häufig zu diesen Uhrzeiten.“ Der Ablauf von Kisanets Abschiebung habe alle schockiert, sagt Janine Fischer, die mehrmals in der Woche im Auftrag der Verbandsgemeinde Hagenbach vor Ort ist. Auch für die Betreuer kommen die Abschiebungen unvermittelt. „Da sagt uns keiner was, höchstens die Bewohner, wenn sie noch die Gelegenheit dazu haben.“ Das andere Mädchen ist seitdem untergetaucht, man habe keinen Kontakt mehr zu ihr. Die Nachricht von Kisanets Ausreise hat auch in Steinweiler für Aufregung gesorgt. Eritreische Flüchtlinge seien zunehmend eingeschüchtert, würden nicht mehr zuhause schlafen wollen, berichtet Waltraud Werner der RHEINPFALZ von der Stimmung in den Sprachkursen. Die vier jungen Männer wohnen zusammen. Drei von ihnen sind über Italien eingereist. „Sie sind seit Mitte Januar hier, besuchen jeden Tag den freiwilligen Deutschkurs“, sagt Volker Jährig, auch er ein ehrenamtlicher Helfer. Die Polizei war schon dreimal da, „beim dritten Mal sind sie mit dem Schlüssel in die Wohnung, den sie zuvor von der Verbandsgemeinde Kandel geholt haben.“ Just in dieser Nacht haben die drei aber bei einem Freund übernachtet. „Das ist heftig, die Jungs sind zerstört, haben ständig Angst“, sagt Jährig. Sie sind geflohen aus einer Militärdiktatur, das Hauptziel war England. Als klar war, dass der Weg dorthin in Calais enden würde, sind sie über Luxemburg nach Deutschland gekommen. Einer der drei hat einen Selbstmordversuch hinter sich, sagt Jährig. Auch zwei Iraner in Minfeld sollen nach Italien. Sie haben sich aus Angst schon kopfüber durch Scheiben gestürzt, wollten sich umbringen, berichten die Ehrenamtlichen. Sie hatten eine Duldung bis Ende Juni. Die Ohnmacht macht wütend: „Das Ehrenamt wird damit in den Eimer getreten“, sagt Jährig. „Wir Ehrenamtliche investieren Arbeit und Herzblut, wir bemühen uns, die Jungs zu integrieren, begleiten sie zu den Behörden und zum Arzt.“ Er fährt jetzt in den Urlaub und weiß nicht, wie viele seiner Schützlinge noch da sind, wenn er zurückkommt.