Kreis Germersheim Deutsche Sprache, schwere Sprache

„Deutsch ist hart“, sagt Semere Ande und lacht verlegen. Der 21-Jährige stammt aus Eritrea und kam vor acht Wochen als Flüchtling nach Deutschland, wo er nun in den Räumen der Wörther Tafel mit vier Landsleuten die neue Sprache lernen möchte. Geleitet wird der Sprachkurs von Ronja Müller, Ina Bohlender, Sebastian Kind und Rouven Anderer. Sie besuchen alle die 11. Klasse des Europa-Gymnasiums.
„Wie geht es euch heute?“, fragt Anderer in die Runde. Die fünf Eritreer schauen ihn mit großen Augen an. Sie wirken unsicher und scheinen nicht so recht zu wissen, was sie antworten sollen. „Heute ist es gut“, stammelt schließlich einer. Anderer quittiert den Satz mit einem freundlichen Lächeln. Währenddessen bereitet Müller die Tafel vor. Nachdem sie eine Uhr angezeichnet hat, fragt sie, wie viel Uhr es denn nun sei. Auch ihr werfen die fünf Afrikaner zunächst staunende Blicke zu. Nach einem kurzen Moment der Stille meldet sich Ande zu Wort: „Es ist 3 Uhr“, sagt er hoffnungsvoll. „Richtig, das klappt ja schon ganz gut“, erwidert Müller. Also wischt sie die Uhr wieder ab, um einen Satz anzuschreiben. „Ich bin betrunken“, krakelt sie in großen Lettern an die Tafel. Ande lacht. Er scheint zu verstehen, was dort steht. „Ich bin not betrunken“, sagt er. „Nicht betrunken heißt das“, greift Anderer mit ruhiger Stimme ein. „Ich bin nicht betrunken“, wiederholt Ande seinen Satz, diesmal korrekt. Warum hat Müller diesen Satz überhaupt angeschrieben? Die Antwort liefert sie sofort. Mit farbiger Kreide unterstreicht sie die einzelnen Worte und erklärt: „Es ist immer Subjekt, Prädikat, Objekt“. Es geht also um den Satzbau im Deutschen. Die fünf Eritreer zögern kurz. Dann greifen sie nach ihren Kugelschreibern, um den Satz in ihre Schreibblöcke zu übernehmen. Der ein oder andere tut sich sichtlich schwer damit. Während Ande recht schnell fertig ist, sieht es bei seinem Sitznachbarn eher danach aus, als ob er gerade ein Bild malt. Ihm scheint nicht nur die deutsche Sprache schwer zu fallen, er hat offensichtlich ein generelles Problem mit dem Schreiben. Diesen Eindruck bestätigt Anderer. „Es ist sehr schwierig für uns. Einerseits sind wir ja keine richtigen Lehrer, andererseits sind manche der Asylbewerber nahezu Analphabeten“, sagt er. Und trotzdem geben die vier Schüler ihr bestes und sind gerne hier. Die Schülervertretung habe vor einigen Wochen einen Aufruf gestartet, dass man sich zu den Sprachkursen anmelden solle. „Das haben wir gemacht und kommen nach der Schule hierher, um zu helfen“, so Anderer. Initiator ist die Wörther Tafel. „Wir kamen auf die Idee einen Sprachkurs zu organisieren“, sagt deren Vorsitzender Thomas Stuhlik. Weil die Tafel-Mitarbeiter jedoch keine Fachleute in Sachen Sprachbildung seien, könne der Verein nur die Räume zur Verfügung stellen. Die fachliche Organisation liegt bei Katharina Schepelmann von Cross Borders Germersheim. Sie fungiert „als Obmann der ehrenamtlichen ’Lehrer’“, wie Stuhlik sagt. Der Sprachkurs bei der Tafel findet dreimal pro Woche für je anderthalb Stunden statt. Zwei Gruppen werden parallel unterrichtet. Ande und seine Mitstreiter seien sehr dankbar dafür, sagt er − auf Englisch wohlgemerkt. „Die Leute hier sind sehr hilfsbereit“, freut er sich. Bis es mit der Verständigung aber so richtig funktioniert, liegt noch ein weiter Weg vor den Neuankömmlingen. Den Willen jedenfalls kann man den fünf Eritreern auf keinen Fall absprechen. Einen professionellen Sprachkurs bekommen sie erst, wenn sie im Besitz eines offiziellen Aufenthaltstitels sind.