Kreis Germersheim Der Urwald von morgen wächst schon heute

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Wörth/Hagenbach. Mit der Aufgabe der Streunutzung erholten sich ab den 1960er Jahren die Waldböden. Die Konkurrenzfähigkeit der Buche, die noch bis zum frühen Mittelalter die deutsche Waldlandschaft und vermutlich auch weite Teile des Bienwaldes dominierte, nahm wieder zu. Zwecks Bodenverbesserung und Baumartenmischung wurde sie neben ihrer natürlichen Ansamung jedoch auch von der Forstwirtschaft gezielt angepflanzt.

Mit der Schattenwirkung der Buche nahm der Dichtschluss der Waldbestände zu. Ab Mitte der 80er Jahre wurde diese Entwicklung, mit dem Übergang zur naturnahen Waldwirtschaft und dem Verzicht auf weitere Kahlschläge, zusätzlich verstärkt. Verlichtete Kiefernbestände verloren im Bienwald damit über die Jahrzehnte genauso an Fläche, wie offene Sand-, Heidekraut-, und Heidelbeerbereiche. Mit dem Naturschutzgroßprojekt werden diese Biotope durch Auflichtung ausgewählter Kiefernwälder, Entnahme der Buche und Freilegung von Sandflächen heute wieder gefördert. Die wegbrechende Brennholznachfrage führte im Bienwald ab 1960, wie im übrigen Rheinland-Pfalz, zu einer Zunahme von verbleibendem Totholz und Biotopbäumen in einem viele Jahrhunderte nicht gekannten Umfang. Seither vermehrte sich im Bienwald auch die Zahl der ganz starken Bäume. Nach den Ergebnissen der Bundeswaldinventur (www.bundeswaldinventur.de), welche die Veränderung der Waldsituation seit 1987 sehr detailliert beschreibt, liegt der Totholzanteil in Rheinland-Pfalz heute bei etwa 23 Kubikmetern je Hektar Waldfläche. Es ist zu vermuten, dass im Bienwald mit der Vermehrung des Alt- und Totholzes auch die daran gekoppelten Biotop- und Artenvorkommen deutlich zunahmen. Mit der Umsetzung der Biotop-, Alt- und Totholzrichtlinie von Rheinland-Pfalz, dem Altbaumkonzept des Naturschutzgroßprojektes, sowie der Einstellung der Waldbewirtschaftung in der sogenannten Naturwaldfläche (1680 Hektar), werden diese Aspekte heute noch zusätzlich gefördert. Im Naturwald soll sich zudem langfristig ein „Urwald von morgen“ entwickeln, mit ökologisch wertvollen Waldstrukturen, wie sie hier seit vielen Jahrhunderten flächenhaft nicht mehr vorkommen. In den Stilllegungsflächen werden dabei Kulturwaldaspekte deutlich abnehmen, lichte Kieferwälder werden absehbar genauso an Fläche verlieren, wie die über viele Jahrhunderte vom Menschen geförderte Baumart Eiche. Aufgrund ihrer großen ökologischen Bedeutung werden deshalb vom Naturschutzgroßprojekt, ergänzend zu den Maßnahmen des Forstamtes, zusätzlich junge Eichen gepflanzt. Nach 1950 wurde in der Bienwaldregion, die Artenvielfalt betreffend, tatsächlich nicht alles schlechter. Entsprechend müsste auch die Biodiversitätsdiskussion im Wald wie im Offenland erheblich differenzierter geführt werden, als dies heute oft der Fall ist. Intensivlandwirtschaft findet heute nur auf Teilräumen statt, in großen Bereichen wie dem Wasgau, aber auch in anderen „strukturschwachen“ Gebieten und im Wald insgesamt, gab es seit 1950 deutliche Extensivierungen, bis hin zur vollständigen Nutzungsaufgabe von früher sehr umfassend genutzten Flächen. Deutlich wird auch: Flächenstilllegung ist kein Mittel zum Schutz kulturhistorisch bedingter Biotop- und Artenvorkommen. Folgende grundsätzliche Fragestellungen bleiben: Flächenstilllegung und Extensivierung können im Einzelfall genauso Artenverluste bedingen, wie umgekehrt, starke Eingriffe in die Landschaft bestimmte Arten auch fördern können. Welche ökologische Bedeutung ist jedoch Arten zuzuordnen, deren Erhaltung regelmäßige starke Eingriffe in die Natur beziehungsweise natürliche Entwicklungsabläufe fordert? Wie werden im Vergleich dazu natürlich und ursprünglich vorkommende Arten bewertet? Wer bilanziert das Arteninventar im geschichtlichen Wandel der Landschaft? Wer „verrechnet“ neu hinzugekommene, teilweise heute auch wieder zurückkehrende, mit verschwundenen Arten? Wieweit sind Veränderungen überhaupt belegbar? Die Problematik dieser Fragestellung zeigen die Käferaufnahmen der Bienwaldregion, die zu den am besten kartierten Gebieten Deutschlands zählt. Vor etwa 15 Jahren waren etwa 1500 Käferarten dokumentiert. Mit den Kartierungen des Naturschutzgroßprojektes und Folgeaufnahmen erhöhte sich deren Zahl auf über 2500 Arten. Vermutet wird mittlerweile, dass sogar 3000 verschiedene Käferarten vorkommen können. Viele andere Insektenarten, Moose, Pilze, Flechten unter anderem wurden bis heute in erheblich geringerer Intensität untersucht. Welche Aussagen zu Veränderungen sind möglich, wenn die historische Ausgangssituation nicht wirklich dokumentiert ist? Welche wissenschaftliche Grundlage liegt dann jedoch dem nahezu täglich in den Medien kommunizierten „Artensterben“ in Deutschland zugrunde?

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