LAUTERBOURG
Der Grenzstau ist wieder Alltag
„Wenn man als Bundespolizist an die Grenze fährt, dann ist immer Nostalgie dabei“. Oliver Leubner ist Pressesprecher der Bundespolizei in Kaiserslautern und an diesem Morgen zum Grenzübergang Bienwald bei Lauterbourg gekommen. Informationen, dass wieder gehäuft Fahrzeuge die Grenze zu Deutschland nicht passieren dürften, können weder er noch seine gerade Dienst leistenden Kollegen bestätigen. Seit seinem 16. Lebensjahr ist der Mittfünfziger nun bei der Bundespolizei.
Dass er nun Szenen mit Warteschlangen und Grenzkontrollen wieder erleben muss, dürfte in seinem Lebensplan nicht mehr vorgesehen gewesen sein: „Aber die Eindämmung der Pandemie machen die Maßnahmen eben notwendig“, sagt er. Und man vermutet, dass der freundliche Beamte hinter seiner Schutzmaske ausnahmsweise einmal nicht lächelt.
Es wird nicht gepöbelt
Bei den französischen Kollegen ist die Mimik leichter zu erkennen, da sie keinen Mund- und Nasenschutz tragen. Auch Leubners Kollege Andreas Schindler ist geschützt. Und ebenso zuvorkommend. Nur wenn es ernst wird, erfasst ihn die notwendige Strenge. Ein französisches Duo darf trotz Passierscheins nicht nach Deutschland weiterfahren, da der Personalausweis des Fahrzeugführers aus 2 Meter Distanz aussieht, als habe er mehrere Waschgänge von 90 Grad mitsamt Spezialbehandlung der übellaunigen Hauskatze hinter sich. Die beiden verhalten sich einsichtig, was laut Schindler normal sei. „Die Leute sind natürlich nicht erfreut, aber es wird nicht gepöbelt. Das Verständnis ist sehr groß.“
Allenfalls bei den Pendlern sei die Situation bei einer längeren Wartezeit manchmal etwas angespannt. Wobei die Situation besser geworden sei, „weil die Pendler ihre notwendigen Papiere inzwischen zur Hand haben“. Auch die umfangreiche Informationspolitik der Bundespolizei habe geholfen, ergänzt Leubner. Hätte die Wartezeit zu Beginn anfänglich noch eine Stunde betragen können, seien es jetzt auch in Stoßzeiten nur noch rund 15 Minuten. Grundsätzlich spricht Schindler sogar davon, von der Akzeptanz und Zuversichtlichkeit der Bürger positiv überrascht worden zu sein.
Büro und Sozialraum im Zelt
Ansonsten haben sich er und seine in Schichtdiensten ablösenden Kollegen hier offenbar gut eingerichtet. Am Rand der Fahrbahn steht ein großes beheizbares Zelt, das als Speisekammer, PC-Arbeitsraum und Ruheraum dient. An der Außenwand steht sogar ein kleiner Grill. Fragte man einen Franzosen, dürfte die kultige Feuerstelle längst die Pickelhaube vergangener Zeiten als Attribut des rechtsrheinischen Nachbars abgelöst haben. Aber das Fragen ist nicht so einfach. Offenbar sind die Vorschriften zur Kommunikation nach außen bei aller Freundlichkeit etwas strenger. Immerhin, Probleme gebe es offenbar keine. Nur die Deutschen mit Wohnsitz im Elsass seien nicht so diszipliniert, wie man es sich wünschte. „Aber dann sagen wir es zweimal und dreimal und dann haben sie verstanden“, erläutert ein Beamter die klare Kante auf französische Art.
Pendler sind eigen
Ein deutscher Beamter bestätigt später die Existenz dieser besonderen Pendler-Spezies: „Da beschweren sich diejenigen, die im selben Stau wie alle anderen stehen müssen, wenn sie in ihr eigenes Land einreisen möchten.“ Plötzlich taucht ein Fußgänger aus Richtung Berg auf. Die Beamten sind verwirrt. Es ist Patrick Preissler aus dem elsässischen Oberbronn. Und die Erläuterung seines Marsches ist so anspruchsvoll wie so manches in diesen Zeiten. Der gute Mann ist gerade in Rente gegangen und habe das Firmenauto auf deutscher Seite gerade seinem Chef übergeben. Seine Frau wiederum warte nun auf dem französischen Parkplatz neben der Grenze mit ihrem Auto auf ihn.
Preissler muss ein grundanständiger Mann sein. Denn schon alleine diese harmlose Situation macht ihn gerade etwas nervös. Natürlich darf er weiterlaufen und wird sogar noch von einem Beamten begleitet, damit ihm im vorbeirauschenden Verkehr nichts passiert. „Ich habe die letzten 16 Jahre die Heizung der BNN gewartet. Meinen Eintritt in die Rente habe ich mir auch schöner vorgestellt“, sagt er nun. Und es hätte ja tatsächlich stimmungsvoller sein können, vielleicht mit Sekt, Schnittchen und Tischfeuerwerk: „Aber man macht halt mit, Vorschriften sind Vorschriften.“