Mein Kriegsende
Dem Tod im Trommelfeuer entkommen
Kurz vor Weihnachten 1943 erhielt August Götz seinen Einberufungsbefehl. Er war 17 Jahre alt. Der Krieg hatte einige Monate zuvor bei der Schlacht von Stalingrad eine Wende genommen. Nach der Grundausbildung kam der gebürtige Hördter Ende März 1944 in die Höferkaserne in Homburg/Saar. Dort wurde er zum Funker ausgebildet. Auf seiner Stube war der Hördter Walter Gundermann, der ihm in den folgenden Monaten kaum von der Seite wich. Götz erinnert sich auch an andere Kameraden, die er aus der Heimat kannte: „Walter Hoffmann, der genauso alt war wie ich, kam nach seiner Ausbildung an die Westfront nach Frankreich. Bei seiner Verabschiedung im Flur der Kaserne sagte er zu mir: ,Ich sehe Hördt nicht mehr.’ Drei Wochen später, ich war noch in der Kaserne, erfuhr ich von meiner Mutter, dass er gefallen war.“
Gulasch und „Stille Nacht“ bei polnischen Bauern
Für Götz und Gundermann ging es kurz darauf nach Polen. In den ersten Wochen im November 1944 kamen er und seine Kameraden oft bei einheimischen Bauern unter. „An Heiligabend hat uns die Familie, die zwei Kinder hatten, zum Abendessen eingeladen. Es gab Gulasch, der uns sehr gut geschmeckt hat und lange in Erinnerung blieb. Während des Abends bat uns die Familie ,Stille Nacht, Heilige Nacht’ zu singen, was wir auch gerne getan haben“, erzählt Götz.
Einige Tage später wurde den Soldaten mitgeteilt, sie müssten in einen in der Nähe gelegenen Ort alle Männer im Alter von 16 und 60 zusammentreiben. Götz begleitete einen Wachtmeister, der die Runde im Dorf machte und an Türen klopfte. „Da war ein Ehepaar und zwei Kinder in Nachthemden. Die Frau und die Kinder standen entsetzt da und weinten“, erinnert sich Götz. „Ich stand da, so wie es meine Pflicht war, den Stahlhelm auf dem Kopf, das Gewehr an der Schulter hängend. Vor mir die Familie, deren Schicksal mir sehr zu Herzen ging. Meine Pflicht war es, den Mann mitzunehmen.“ Der Wachtmeister war inzwischen weiter gegangen, mit dem Befehl an Götz, den Mann mit zu einer Sammelstelle zu nehmen. „Ich war mir der Situation bewusst, wenn ich ihn nicht bringe und es wird bemerkt, ist dies Befehlsverweigerung und ich hänge am Baum oder werde erschossen.“ Dennoch entschloss er sich, dem Mann zu helfen und bedeutete ihm, sich in einer Dachluke zu verstecken. Dem Wachtmeister gab er später vor, er habe den Mann an den Platz gebracht, was zu seinem Glück nicht aufflog.
Als Funker im Trommelfeuer der Russen
Als Funker war Götz oft direkt an der Front eingesetzt. Er musste den einige Kilometer weiter hinten befindlichen Artilleriegeschützen Feuerbefehle durchgeben. An einem schicksalhaften Tag, dem 12. Januar 1945, fand er sich östlich von Radom am Brückenkopf Baranow wieder. Er war gerade an die Front beordert worden, als er ein ein schweres Gedonner, das so klang wie ein Hochgewitter, hörte. „Gleich schlugen um uns herum die ersten Granaten ein. Da lagen wir auch schon flach auf dem Boden. In diesem Moment begann die Winteroffensive der Russen an der gesamten Ostfront.“ Sie sollte bis weit ins Deutsche Reich hineinrollen. Was an diesem Tag auf Götz hereinregnete, war eins der schwersten Trommelfeuer des ganzen Krieges. Trotzdem mussten er und seine Kameraden weiter vorpreschen, um einen Artillerieangriff auf die feindlichen Truppen zu ermöglichen.
Aufgrund der Einschläge der deutschen Granaten schossen die Russen Nebelgranaten, waren damit kurzzeitig nicht mehr auszumachen. „Ich rief meinem Vorgesetzen zu: ,Wir müssen doch weg’, und er rief zurück: ,Wenn ich sage, wir gehen, dann gehen wir.’ Soweit man sehen konnte, waren wir drei die einzigen deutschen Soldaten“, so Götz. Das stundenlange Trommelfeuer hatte die deutsche Frontlinie zerschlagen. „Von unserer Infanterie war außer Toten nichts mehr zu sehen. Plötzlich kamen die Russen in wenigen hundert Metern auf breiter Front aus der Nebelwand heraus.“ Und sein Vorgesetzter rief: „Auf. Wir gehen!“ Dies war der Anfang einer wochenlangen Flucht, in der Götz viele Male dem Tod von der Schippe sprang. Sein Freund Walter Gundermann wurde verwundet und starb später in russischer Gefangenschaft bei einem Fluchtversuch.
Einer von Zehntausenden Kriegsgefangenen
Während von oben der Befehl kam, bis zur letzten Patrone zu kämpfen, war die russische Armee bereits in Berlin einmarschiert. Götz’ Vorgesetzter fälschte Marschbefehle Richtung Westen, die ganze Batterie war nun fahnenflüchtig auf noch deutsch besetztem Gebiet. An der tschechisch-bayerischen Grenze ergab sich Götz mit 32 seiner Kameraden schließlich den Amerikanern. Es folgten vier Wochen in einer Massenunterkunft, unter freiem Himmel mit Zehntausenden anderen Kriegsgefangenen.
Ausgehungert und am Ende seiner Kräfte wurde August Götz schließlich entlassen und konnte zurück in seine Heimat. Glücklicherweise hatte seine Familie den Krieg überstanden. Seine Erlebnisse sollten ihn aber so schnell nicht loslassen. „Mein erster Gedanke, als ich wieder in Hördt war, war: Seltsam, es schießt gar keiner nach mir“, erinnert sich Götz.
Seit über 60 Jahren wohnt Götz nun in Bellheim. Seine Frau ist im April nach 70 Jahren an seiner Seite verstorben. Um sich herum hat er Erinnerungen an seine Vergangenheit. In einem Schuppen im Garten finden sich allerlei Artefakte aus seiner Kindheit und Jugend: Werkzeuge vom Bauernhof seiner Eltern, alte Hufeisen, auch seine Ausrüstung aus dem Krieg. In Ordnern hat er unzählige Dokumente aus der Kriegszeit, Zeitungen voller NS-Propaganda, und eine Menge Flugblätter, die von den Alliierten über der Region abgeworfen wurden. Auch ein Bild in seiner Wehrmacht-Uniform ist dort zu finden: „Ich wurde nicht gefragt, ob ich die Uniform anziehen möchte oder nicht. “