Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Dem Quartier Barthelsmühle Leben einhauchen

Die Barthelsmühle um das Jahr 1960. In ihr wurde vor allem Holz zugeschnitten. Sie war ein Sägewerk wie die Schaidter Mühle.
Die Barthelsmühle um das Jahr 1960. In ihr wurde vor allem Holz zugeschnitten. Sie war ein Sägewerk wie die Schaidter Mühle.

Schon seit vielen Jahren sind die Gebäude der Barthelsmühle verfallen. Der Straßenname „Barthelsmühlring“ im Gewerbegebiet „Horst“ erinnert noch an das Anwesen. Doch soll sich das ändern. Die neuen Eigentümer der ehemaligen Mühle haben sich einiges mit dem Gelände vorgenommen. Aus das DRK spielt eine Rolle.

So idyllisch, wie sich die schon im 18. Jahrhundert erwähnte Barthelsmühle auf unserem Luftbild aus dem Jahre 1960 präsentiert, sieht es seit vielen Jahren nicht mehr aus. Schon lange sind Mühle und Sägewerk nicht mehr in Betrieb, die Gebäude rund um den sogenannten Vierseitenhof sind weitgehend verfallen, das Anwesen insgesamt doch sehr heruntergekommen. Eigentlich erinnert die meisten nur der Straßenname „Barthelsmühlring“ im Gewerbegebiet „Horst“ an das Anwesen. Doch das soll sich ändern. Das jedenfalls haben sich die neuen Eigentümer, die Familie Gaudier aus Kandel, fest vorgenommen.

Seitdem sie das Grundstück vor einigen Jahren erworben haben, schwebt ihnen eine andere Nutzung vor. Dem Areal soll mit dem „Quartier Barthelsmühle – Projekt für Leben und Gesundheit“ benannten Vorhaben wieder Leben eingehaucht werden. Vor allem der Kreisverband Germersheim des Deutschen Roten Kreuzes möchte hier seine stationäre Kinder- und Jugendhilfe unterbringen. Der sozialpädagogische Bereich befindet sich derzeit noch als „Insel der Zuversicht“ in Wörth, soll aber in ein neues Gebäude nach Kandel ziehen. Wie DRK-Kreisgeschäftsführer Thorsten Böttcher hierzu auf Anfrage bestätigte, handelt es sich hier sowohl um Jugendhilfe (U 18) und um Erwachsenenbetreuung (Ü18). Auch die Altenhilfe möchte man hier integrieren, so Böttcher. Die Menschen, die man hier zu betreuen hat, leiden unter Beeinträchtigungen und benötigten vor allem eine „reizarme Umgebung“. Diese Voraussetzungen seien im geplanten „Quartier Barthelsmühle“ gegeben.

Tiertherapie und Projektwerkstatt

Alle Aktivitäten des DRK sollen hier in den drei neu zu errichtenden Gebäuden stattfinden. Das DRK plant hier auch den Aufbau eines Tiertherapiebereiches und einer handwerklichen Projektwerkstatt. Auch die Außenfläche biete viele Möglichkeiten. Ziel des DRK sei es, einen geschützten Raum zu bieten, damit die Menschen hier zur Ruhe kommen können. Böttcher spricht von einem „Quartier der Ruhe und Entschleunigung“.

Nach Angaben von Geschäftsführer Böttcher könnten hier nach Vollendung der Planung einmal mehr als 100 Mitarbeiter im Schichtdienst beschäftigt werden. Das geht aus den Präsentationen hervor, die die Projektentwicklungsgesellschaft für Gesundheits-, Gewerbe- und Wohnimmobilien (GGW) mit Sitz in Erkrath (bei Düsseldorf) erstellt hat. Demnach sollen acht therapeutische Wohngemeinschaften für sozialtherapeutische Angebote sowie ein „Therapiehof“ für Kinder und Jugendliche mit 27 Zimmern entstehen. Außerdem, und das ist eine weitere und neue Idee, soll Platz geschaffen werden für die Katastrophenschutzeinrichtung des Landkreises Germersheim.

Landbäckerei und Boardinghouse

Die vorhandene Gebäudesubstanz, auch das um 1957 errichtete mehrstöckige Mühlengebäude selbst, werden anderweitig genutzt. Hier denkt der Projektentwickler an Schulungs- und Ausbildungsräume, eine Landbäckerei mit Café, einen Hofladen, Büros und ein Boardinghouse. Als Investor tritt die neu geschaffene „Barthelsmühle GmbH & Co. KG“ auf.

Eigentlich hätte man auf dem Areal der Barthelsmühle bereits bauen können. Da aber auch drei neue Gebäude (eben für die Zwecke des DRK) entstehen sollen, benötigt man mehr Grundfläche. Deshalb muss zunächst auch der Flächennutzungsplan der Verbandsgemeinde geändert werden. Im Verbandsgemeinderat gab es hierfür eine breite Mehrheit. Die Verwaltung wurde beauftragt, das weitere Verfahren einzuleiten. Dabei spielte auch die „landesplanerische Stellungnahme“ der Kreisverwaltung eine Rolle, die schon im Januar 2019 vorgelegt worden war. Einige Behörden hatten damals keine Bedenken gegen eine Ausweitung, andere schon. Vor allem die Nähe zum Industriegebiet spielt dabei eine Rolle. Als „Störfallbetrieb“ eingestuft wird hier die Firma Thermo Fischer, die sich in einer Entfernung von 1500 Meter von der Barthelsmühle niedergelassen hat. Zu dem Zeitpunkt aber, so wird argumentiert, war übrigens die Lebenshilfe mit ihren Einrichtungen auf dem Horstgelände schon lange ansässig gewesen, und niemand habe gegen den „Störfallbetrieb“ Einwände erhoben.

Bild von konkreter Planung erhalten

Bedenken äußerte auch die Naturschutzbehörde, weil die Erweiterung als „Gemischte Baufläche“ über den ursprünglich erhaltenswürdigen Teil der Mühle zulasten der Belange von Natur und Landschaft hinausgehen. Lebens- und Wirtschaftsraum würden empfindlich beeinträchtigt. An diese Bedenken erinnerte bei der Sitzung des Verbandsgemeinderates auch das Ratsmitglied Lind und begründete damit das „Nein“ der Grünen zur Änderung des Flächennutzungsplanes. Im Stadtrat von Kandel hatte es im Juni bereits eine breite Mehrheit dafür gegeben, das vergrößerte Planungsgebiet als „Weißfläche“ (Gebiet ohne Restriktionen) auszuweisen und dieses bei der Änderung des Flächennutzungsplanes zu einem „Mischgebiet“ zu erklären. Man möchte sich erst einmal ein Bild davon machen, was konkret geplant ist, sagte uns die städtische Beigeordnete Jutta Wegmann (Grüne). Deshalb wurde bei der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung, in dem die Beigeordnete Wegmann den Vorsitz führt, auch Projektentwickler Wilbert Schiffmann (GGW) und DRK-Kreisgeschäftsführer Böttcher geladen, um ihr Konzept vorzustellen. Ralf Wagner, Leiter der Bauabteilung der Verbandsgemeinde, hatte für diese Sitzung eigens eine Vorlage zusammengestellt, die den aktuellen Stand der Dinge um das „Quartier Barthelsmühle“ enthält. Letztlich geht es um eine Fläche von 338 Quadratmetern, die mehr als bisher geplant bebaut werde. Erst in der nächsten Sitzung des Ausschusses will man über die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes sprechen. Ehe das „Sozialtherapeutikum“, der „Therapiehof“ und die „Katastrophenschutzeinrichtung“ im „Quartier Barthelsmühle“ einziehen und mit ihrer Arbeit beginnen können, dürfte also noch einige Zeit ins Land gehen.

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