Kreis Germersheim Das knappe Scheitern sorgt für den besonderen Kick

Placeholder-Image

Wörth. Für 13 Schüler einer Klasse der BBS Wörth hielt die Schulleitung am Donnerstag eine Überraschung bereit: Anstatt des regulären Unterrichts war Martin Hügel von der Jugend- und Suchtberatungsstelle Nidro zu Besuch, um die 15 bis 18-jährigen über das Thema Glücksspielsucht aufzuklären.

Glücksspiele sind per Definition Spiele, die nicht vom Können oder der Geschicklichkeit des Spielers, sondern in erster Linie vom Zufall bestimmt werden. Wie viel Zufall bei einem Lottogewinn mitspielen muss, machte Hügel gleich zu Beginn deutlich: Ereignisse wie vom Blitz getroffen zu werden, Fünflinge zu bekommen oder am Essen zu ersticken seien wesentlich wahrscheinlicher als den Jackpot zu knacken. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 1 zu 140 Millionen. Um den Schülern den Reiz des Glückspieles zu zeigen, griff Hügel auf ein simples Würfelspiel zurück. Die Schüler setzten Schokotaler, die sie - je nachdem wie dann der Würfel fiel – verlieren oder verdreifachen konnten. Ein Reiz sei natürlich das Gewinnen, so der 44-Jährige. „Ich habe diese Runde gewonnen, ich muss also auch die nächste Runde gewinnen“, so die falsche Logik, der laut Hügel viele folgen würden. Doch neben dem Gewinnen verleitet auch das Verlieren zum Weiterspielen. „Das Fast-Gewinnen ist für viele spannender als das Gewinnen selbst“, sagte Hügel, was auch die Schüler beim Würfeln schnell merkten: Wenn der Würfel im letzten Augenblick doch noch auf die falsche Seite rollte, war der Nervenkitzel am Größten. „Das ist ein Impuls der in uns Menschen drin sitzt. Wir lernen so das Gehen oder das Radfahren“, sagte Hügel. Das knappe Scheitern sporne dazu an etwas immer wieder zu versuchen, bis es gelingt. Dies macht einen wesentlichen Anteil des Suchtpotenzials von Glücksspielen aus. Besonders hohes Suchtpotenzial haben laut Hügel Spielautomaten. „Die meisten, die zu uns in die Beratungsstelle kommen, spielen am Automaten“. Die Besonderheit von Spielautomaten sei hinaus, dass sie letztlich nur ein Programm abspulen, welches von Verhaltenspsychologen entwickelt wurde, so Hügel. „Das ist Verarsche“, sagte er. Möglich sei das dadurch, dass die Automatenhersteller Schlupflöcher im Gesetz ausnutzen würden. Es sei zum Beispiel vorgeschrieben, wie viel die Automaten von dem was sie einnehmen wieder als Gewinn herausgeben müssen. Aber das Wann sei hier entscheidend. Die Automaten seien so programmiert, dass Spieler durch Gewinnserien dazu verleitet werden sollen, weiter zu spielen und noch mehr Geld zu setzen, nur um dann die darauffolgenden Runden zu verlieren. Die Auswirkungen einer Spielsucht können gravierend sein. „Exzessive Spieler spielen 4 bis 6 Stunden täglich und verlieren dabei 100 bis 200 Euro“, sagte Hügel. Manche habe die Sucht soweit getrieben, dass sie sich erst wieder wohlfühlen wenn sie das bei der Arbeit verdiente Geld verspielt haben. Andere wiederum würden sich ihr Geld auf andere Weise beschaffen. „Es gibt Fälle, da wurde die Firmenkasse geplündert oder Geld aus dem Portemonnaie des Kollegen gestohlen“, sagte Hügel. Die Kündigung war die Folge. „Viele landen sogar im Gefängnis, weil sie sich das Geld zum Zocken illegal besorgen.“ In den Schlimmsten Fällen endet die Spielsucht in Depressionen oder gar Suizid, so der 44-jährige. Neben Präventionsveranstaltungen bietet Nidro vertrauliche und kostenfreie Beratung an und begleitet Suchtkranke bei der Behandlung. (axr)

x