Wörth Daimler Truck und Linde eröffnen weltweit erste Tankstelle für Flüssigwasserstoff
Langsam rollt der 40-Tonner an die neue Tankstelle auf dem Werksgelände von Daimler Truck. Er sieht aus, wie ein ganz gewöhnlicher Schwerlast-Lkw der neuesten Generation. Aber es handelt sich um einen Mercedes-Benz GenH2-Truck. Also keinen Dieselschlucker, wie sie auch heutzutage noch in erster Linie produziert werden. Und es ist auch kein batteriegetriebener Lkw der eActros-Reihe. Sondern ein neues Modell, dessen Motor Flüssigwasserstoff verbrennt. Der Tank ist komplett leer. Die Zapfpistole wird in die Tanköffnung gesteckt. Nach 12 Minuten ist der Truck mit 80 Kilogramm flüssigem Wasserstoff gefüllt.
„Diese Menge reicht für rund 1000 Kilometer“, sagt Andreas Gorbach, Vorstandsmitglied der Daimler Truck AG und verantwortlich für Truck Technology. Er und sein Team haben den GenH2 Truck entwickelt. „Für die Dekarbonisierung des Transports brauchen wird drei Faktoren: die richtigen Batterie- und Wasserstoff-Lkw, die notwendige Infrastruktur und die Kostenparität zwischen emissionsfreien und Dieselfahrzeugen“, erläutert Gorbach. Für Faktor zwei kommt das Unternehmen Linde Engineering ins Spiel. Kerngeschäft von Linde sind Gase und Prozessanlagen, die Gase gewinnen oder herstellen. Dort ist man Weltmarktführer.
Linde und Daimler Truck haben mit sLH2 (subcooled liquid hydrogen) eine Betankungstechnologie für Flüssigwasserstoff entwickelt, die in der nun vorgestellten Pilot-Tankstelle zum Einsatz kommt. Sie ist ähnlich praktisch wie die heutige Dieselbetankungstechnologie. Im Vergleich zu gasförmigen Wasserstoffen ermögliche sLH2 eine höhere Speicherdichte, größere Reichweite, schnelleres Betanken, niedrigere Kosten und verbesserte Energieeffizienz, betont Jürgen Nowicki, Vizepräsident des Linde-Konzerns und Geschäftsführer von Linde Engineering.
Die Tankstelle in der Mobilstraße ist öffentlich zugänglich. Wie Daimler Truck informiert, werden bis Mitte des Jahres fünf Unternehmen die Möglichkeit nutzen, erste Erfahrungen im CO2-freien Langstreckentransport mit Brennstoffzellen-Fahrzeugen zu sammeln. Die Lkw sollen auf spezifischen Routen in ganz Deutschland eingesetzt werden und an der Flüssigwasserstofftankstelle in Wörth und einer ähnlichen Anlage im Raum Duisburg betankt werden.
Linde hofft, die neue Technologie bald flächendeckend einsetzen zu können. „sLH2 steigert die Effizienz von Wasserstoffbetankungsanlagen erheblich. Die erforderlichen Investitionen werden um den Faktor zwei bis drei reduziert und die Betriebskosten und das Fünf- bis Sechsfache gesenkt“, betont Nowicki. Linde sei heute schon in der Lage, ganz Europa mit flüssigem Wasserstoff zu versorgen.
Trucks seien weltweit für rund 7 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich, so Gorbach. Auch in Zukunft könne nicht der komplette Transport auf Wasser oder Schienen verlagert werden. Deshalb kann auch der weltweit größte Lkw-Hersteller einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts will Daimler Truck die Serienversion des Brennstoffzellen-Lkw einführen. Bei den drei von ihm genannten Faktoren sei es wie in der Mathematik, so Gorbach: „Wenn ein Faktor gleich Null ist, dann ist das Produkt Null.“ Wenn die Infrastruktur nicht vorhanden sei, könne die Dekarbonisierung des Transports. „Die Technologie die wir zusammen mit Daimler Truck entwickelt haben, ebnet den Weg für eine flächendeckende Betankungsinfrastruktur, auf die Logistikketten heute angewiesen sind“, betonte Nowicki. Und Gorbach ergänzte: „Wir rufen jetzt andere Lkw-Hersteller und Infrastrukturunternehmen dazu auf, unserem Ansatz zu folgen und diese Technologie gemeinsam zum Industriestandard zu machen!“ Die neue Technologie soll anderen Unternehmen zugänglich gemacht werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Politik. Petra Dick-Walther (FDP), Staatssekretärin im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, war zur Eröffnung der Wasserstofftankstelle nach Wörth gekommen. Es sei ein wegweisender Tag, so Dick-Walther, man sei stolz darauf, dass diese Pilot-Tankstelle in Rheinland-Pfalz stehe. Die Aufgabe des Landes sei es, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie nannte, den Ausbau der Hafenstraße, die Ertüchtigung des Wörther Hafens und den Bau der zweiten Rheinbrücke.