Wörth / Speyer
Daimler-Mitarbeiter verprügelt und rassistisch beleidigt
Der Morgen des Freitags, 13. Februar, hatte für einen Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Lastwagenwerks erst ganz normal begonnen. Doch dann entwickelte er sich tatsächlich zu einem Unglückstag. Der Mann aus dem Großraum Speyer hatte sich gegen 6 Uhr auf den Weg nach Wörth gemacht, als ihm im Bereich des Mitfahrerparkplatzes Speyer-Nord „ein Kollege in Arbeitskleidung zugewinkt hat“, erinnert er sich im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Der Unbekannte erklärt ihm, sie seien zu dritt, der Kollege von der Fahrgemeinschaft sei krank geworden, ob er sie mit nach Wörth nehmen könnte. Dies sei nicht ungewöhnlich, sagt der 36-Jährige. Schließlich pendeln viele der zirka 10.000 Mitarbeiter zum Werk, immer wieder sei jemand auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit.
Unbekannte wollen „Lektion“ erteilen
Kaum hatte er auf dem Parkplatz angehalten und die drei Fremden waren eingestiegen, spürte er auf einmal, wie der Mann hinter ihm etwas in den Körper drückte. „Steig aus und leg dich auf den Boden“, lauteten die Anweisungen, berichtet der 36-Jährige. Ein anderer habe gesagt: „Übertreib nicht, der muss schaffen, der hat Kinder.“ Doch der 36-Jährige müsse eine Lektion lernen, habe der erste entgegnet. „Wenn du weiter redest, erschießen wird dich. Wir wissen, wo du wohnst und wir wissen wo du arbeitest.“ Daraufhin sei er ausgestiegen, schildert der Betroffene. Er habe drei Schläge mit der Faust in den Bauch gespürt, drei Schläge ins Gesicht, einen Schlag gegen den Ellenbogen. „Am Ende lag ich auf dem Boden.“ Die Unbekannten hätten ihn gefesselt und geknebelt, auch die Augen verbunden. Dann wurde sein Auto mit rassistischen Bemerkungen beschmiert. Die Dashcam wurde zerstört und die Speicherkarte mitgenommen, ein Mobiltelefon wurde ebenfalls demoliert. Außerdem wurde ein Zettel mit rassistischen Beschimpfungen an die Windschutzscheibe gesteckt, dazu ein KI-generiertes Foto.
Als die drei von ihm abließen, sei er unter Schock gestanden, sagt der 36-Jährige. „Ich hatte starke Kopfschmerzen.“ Zunächst fotografierte er den angerichteten Schaden – die Täter hatten sein Zweithandy, das sonst immer im Auto liegt zerstört, sein anderes Mobiltelefon konnte er verstecken. Doch dann habe er Angst bekommen, sei in sein Auto gestiegen und ganz automatisch Richtung Wörth gefahren. Seine Freundin habe ihn am Telefon aber überzeugt, umzudrehen. Auch alarmierte sie die Polizei, die schließlich noch direkt am Freitag einen Zeugenaufruf veröffentlichte.
Zettel mit Beschimpfungen auf Spanisch
Erst zwei Tage zuvor war der 36-Jährige bei der Polizei gewesen, um über zwei weitere rassistische Vorfälle auszusagen, die er im vergangenen Sommer angezeigt hatte. Am letzten Juni-Wochenende hatte er einen gelben Zettel in seinem Arbeitsrucksack gefunden, auf dem in Großbuchstaben Beschimpfungen standen – auf Spanisch, der Herkunftssprache des Betroffenen. Allerdings in einem Spanisch, das wenig idiomatisch klang, eher aus dem Deutschen übersetzt. Da es sich um den Rucksack handelte, den er bei der Arbeit im Lastwagenwerk dabei hatte, meldete er dies über einen Betriebsrat auch im Werk. Während das Unternehmen darauf verweist, dass man dem hauseigenen Regelwerk gefolgt sei, sah sich der 36-Jährige zu wenig unterstützt.
Wenige Tage darauf fand der Betroffene einen weiteren gelben Zettel, diesmal in seinem privaten Briefkasten. Der Text klang durchaus bedrohlich, da die Nennung verschiedener Lebensstationen darauf hinwies, dass der oder die Täter viel über den Betroffenen zu wissen scheinen. Schon diese beiden Vorfälle hatten den 36-Jährigen „fix und fertig“ gemacht und er war längere Zeit krankgeschrieben. „Ich bin komplett am Boden“, sagte er schon im Januar gegenüber der RHEINPFALZ.
Die Kriminalpolizei ermittelt
Nun also der Überfall und der dritte Zettel – wieder knallgelb, wieder mit Beschimpfungen in Großbuchstaben, wieder in eigenwilligem Spanisch. Mit der Drohung, dass man wisse, wo er wohne und ihn jeden Tag beobachte. Und einem KI-generierten Foto, das den Betroffenen in inniger Pose mit seiner Vorgesetzen aus dem Lastwagenwerk zeigt. Informationen der RHEINPFALZ zufolge hatte es auch gegenüber der Frau schon Schmähungen gegeben, allerdings auf dem Werksgelände selbst, weswegen dann auch der Werksschutz ermittelt hatte. In der Zwischenzeit kandidiert der Betroffene selbst bei den Betriebsratswahlen, tritt für eine unabhängige Liste an. Doch nun ist er erst einmal wieder krank geschrieben, kann nachts nicht schlafen, traut sich nicht mehr alleine aus dem Haus.
Inzwischen kümmert sich die Kriminalpolizei Ludwigshafen um den Fall. Man ermittle in alle Richtungen, heißt es am Donnerstagabend auf Anfrage der RHEINPFALZ. Auch die Staatsanwaltschaft hat sich der Fälle angenommen. Da aufgrund der Meldeorte einmal die Staatsanwaltschaft Landau und einmal die Staatsanwaltschaft Frankenthal zuständig sei, prüfe man nun, wo man die Fälle zusammenführe, hieß es.
Lastwagenwerk: Fehlverhalten kann Kündigung bedeuten
Auch bei Daimler Truck zeigt man sich auf Anfrage über den aktuellen Fall schockiert. „Daimler Truck steht für Toleranz und Vielfalt und duldet keine Diskriminierung und Rassismus am Arbeitsplatz“, heißt es in einer Stellungnahme. „Diskriminierung ist ein klarer Verstoß gegen unsere Werte und unsere Verhaltensrichtlinie, die für alle Beschäftigten weltweit bindend ist.“ Mit zahlreichen Formaten – wie verpflichtende Trainings, Schulungen und Infomaterial – sensibilisiere man die Beschäftigten und Führungskräfte rund um das Thema fairer Umgang am Arbeitsplatz. „Hinweise auf mögliche Verstöße nehmen wir sehr ernst und prüfen diese sorgfältig“, heißt es weiter. „Sollten wir Fehlverhalten von Beschäftigten feststellen, gehen wir diesem konsequent nach und ergreifen entsprechende Maßnahmen. Je nach Schwere des Falls können diese bis zu einer Kündigung oder Erstattung einer Strafanzeige reichen.“
Im aktuellen Fall stehe man im Austausch mit dem betroffenen Mitarbeiter und habe Unterstützung angeboten. Auch habe man Kontakt mit den zuständigen Behörden aufgenommen. „Wir unterstützen deren Ermittlungen vollumfänglich und hoffen auf eine schnelle Aufklärung.“
Kontakt
Hinweise von Zeugen nimmt die Kriminalpolizei Ludwigshafen, Telefon 0621 963- 23312 oder Mail an KDLudwigshafen.KI3.K31@polizei.rlp.de, entgegen.