Kandel „Crash-Kurs“: Schüler für Autounfälle sensibilisieren

Der 26-jährige Robin Hoffmann berichtet über die Folgen seines schweren Verkehrsunfalls. Im Hintergrund sind Bilder seines Beins
Der 26-jährige Robin Hoffmann berichtet über die Folgen seines schweren Verkehrsunfalls. Im Hintergrund sind Bilder seines Beins zu sehen, der Oberschenkelknochen war gebrochen.

Ein Autounfall hat Folgen. Das soll ein „Crash-Kurs“ Schülern der IGS Kandel in der Stadthalle vermitteln. Neben nüchternen Fakten wurde es emotional.

Die Stadthalle in Kandel ist gut gefüllt. 180 Schüler sitzen zusammen und warten, dass die Veranstaltung anfängt. Darunter Polizisten sowie Rettungssanitäter.

Auf zwei der Plätze sitzen die Schüler Louisiaena und Valentin. Beide sind 17 Jahre alt und von der Integrierten Gesamtschule in Kandel (IGS). Beide sind dabei, ihren Führerschein zu machen. Louisiaena hofft, dass die Veranstaltung, der sogenannte Crash-Kurs, lehrreich sein wird. Sorgen, dass sie die Inhalte erschrecken könnten, hat sie nicht.

Ihr Mitschüler Valentin rechnet mit informativen Inhalten. Er hat selbst schonmal einen Unfall miterlebt und weiß, wie sich sowas anfühlt. Wie beide am Ende des Kurses darüber denken werden, dazu später mehr.

Junge Fahrer stark betroffen

Zuvor treten die Polizisten Lena Wolff und Lukas Kern nach vorne. Sie moderieren durch diesen Crash-Kurs, der dazu da ist, angehende Fahrer für das Thema Verkehrsunfälle und ihre Folgen zu sensibilisieren.

Als Erstes spielen sie einen Film ab. Dieser zeigt Aufnahmen von Unfallautos. Man sieht Autowracks, die am Feldweg liegen, am Straßenrand und im Wald. Vor jeder Sequenz wird ein kurzer Text gezeigt, in dem erklärt wird, wer aus welchen Gründen einen Unfall hatte. Untermalt ist dieser Beitrag mit Musik der irischen Musikerin Enya. Das sorgt für eine traurige, gefühlsschwere Stimmung.

Viele der Unfallopfer sind junge Menschen. Das bestätigt der Beamte Kern, der den Schülern per Powerpoint-Präsentation die Fakten verdeutlicht: Junge Fahrer (18 bis 24 Jahre) sind am häufigsten für Unfälle verantwortlich (60 Prozent). Diese Anzahl nehme zu, sagt der Beamte und fügt an: „Die meisten Unfälle sind vermeidbar.“

Unfälle haben Folgen

Zu den häufigsten Ursachen zählen Alkohol, Drogen, Ablenkung durch das Handy oder zu viel Tempo. Kommt es zu einem Unfall, hat das Folgen: Neben Verletzungen droht ein Strafverfahren, der Führerscheinentzug und finanzielle Lasten, für die man aufkommen muss – sofern man überlebt.

Auf ein Fallbeispiel gehen die Beamten ein. Der Unfall fand 2021 auf der K15 von Schaidt in Richtung Langenberg statt. Wegen Nebel war die Sicht nicht gut. Ein 18-jähriger Fahrer versuchte auf der Straße ein Überholmanöver und raste einem 22-Jährigen ins Auto. Beide wurden schwer verletzt. Als Grund für seine Raserei gab der 18-Jährige an, er habe pünktlich zur Arbeit erscheinen wollen.

Der damals zuständige Polizeibeamte Marc Düring ist ebenfalls in der Stadthalle. Er schildert, was er am Unfalltag erlebt hat: „Ich war überrascht, dass Leute lebend aus den Autos rauskamen.“ Den Schülern rechnet er den Bremsweg bei nebligen Sichtverhältnissen vor. Dass der damalige „Unfallverursacher“, wie es im Polizeisprech heißt, nicht zur spät zur Arbeit kommen wollte, stimmt Düring fassungslos: „Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“

1000 Schutzengel gehabt

Ähnlich äußert sich Rettungssanitäter Florian Wagner, der für die Versorgung der zwei Verletzten mitzuständig war. Er hebt die Zeitangabe von 60 Minuten hervor – länger als das dürfe es nicht dauern, bis ein Patient in die Klinik kommt, sonst könne man sterben.

Zwischendurch sind die Schüler aufgerufen, Fragen zu stellen. Das machen sie aber erst, als der letzte Redner auftritt. Der 26-jährige Robin Hoffmann ist das Unfallopfer aus dem Jahr 2021. Er erzählt, wie es ihm ergangen ist. Von dem Unfall habe er nicht mehr viele Erinnerungen. Er weiß noch, als er im Krankenhaus aufgewacht ist, mit mehreren Brüchen.

Wochenlang konnte er sich nicht richtig bewegen, musste eine Schiene tragen. Die gezeigten Bilder dazu lösen ein Raunen aus. „Ich habe 1000 Schutzengel gehabt“, sagt der 26-Jährige. Seinem Wunschberuf kann der gelernte Schreiner nicht mehr vollumfänglich ausüben. Durch eine Weiterbildung kann er sich auf Bürotätigkeiten fokussieren, also mehr Sitzen und weniger Bewegung. Zu dem damals 18-jährigen Unfallverursacher hat er sporadisch Kontakt: „Ich hasse ihn nicht“, antwortet er auf eine Schülerfrage. Jeder mache Fehler. Hoffmanns Rat: Vorsichtig fahren und sollte ein Unfall passieren, dann helfe es, darüber zu reden. Nur so könne man lernen, damit umzugehen.

Schülerin: „Sieht, was passieren kann“

Schließlich wird es interaktiv. Die Schüler sollen sich mit dem Computer verbinden und per Handy schreiben, was ihre Zukunftswünsche sind. Deren Angaben tauchen auf dem Bildschirm über der Bühne auf. Darunter „Gesundheit“, „Familie“ und „Reisen“. Plötzlich sticht Beamtin Wolff in einen großen Ballon – ein Knall lässt alle zusammenzucken. „So schnell können Träume platzen“, fügt sie an.

Und was sagen die zwei IGS-Schüler. Valentin ist sicher, dass der Kurs Einfluss auf sein Fahrverhalten nehmen wird: „Ich kann meine Mutter jetzt besser verstehen, wenn sie davor warnt, zu überholen.“ Louisiaena fand den Kurs lehrreich. „Man sieht, was alles passieren kann.“ Sie möchte in Zukunft eine vorsichtige Fahrerin sein und rät beim Autofahren: „Nicht alles auf die leichte Schulter nehmen.“

Schüler der IGS Kandel versammeln sich in der Stadthalle, um an einem „Crash-Kurs“ teilzunehmen. Ziel: Die Sensibilität für Verk
Schüler der IGS Kandel versammeln sich in der Stadthalle, um an einem »Crash-Kurs« teilzunehmen. Ziel: Die Sensibilität für Verkehrsunfälle erhöhen.
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