Bellheim RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Protest: Demonstranten stehen sich gegenüber

Um den Hygieneabstand einzuhalten, mit Schals verbunden: die Menschenkette der Gegendemonstranten vor dem Rathaus.
Um den Hygieneabstand einzuhalten, mit Schals verbunden: die Menschenkette der Gegendemonstranten vor dem Rathaus.

Seit Wochen treffen sich montagabends jeweils um die 200 Kritiker der Corona-Auflagen vor dem Rathaus, um friedlich durchs Dorf zu marschieren. Erstmals sahen sie sich einer Menschenkette von rund 60 Gegendemonstranten gegenüber.

Die Begeisterung, bei einem Abendspaziergang die frische Bellheimer Abendluft zu genießen, hält an. Erneut trafen sich am Montagabend rund 200 Spaziergänger, um mittels eines einstündigen Rundgangs ihre Unzufriedenheit mit den Corona-Auflagen kund zu tun. Neu war allerdings, dass sich vor dem Rathaus rund 60 Bürger zu einer angemeldeten Menschenkette als Gegendemonstration versammelt hatten.

Kurz vor 18 Uhr ist für einen Montagabend mächtig viel los in der Schubertstraße. Gegenüber des Rathauses stehen bis an die Ecke Schulstraße bereits die ersten Spaziergänger. Auf dem Bürgersteig vor dem Rathaus hat sich eine Menschenkette gebildet, deren Glieder mit Schals, über die sie sich verbinden, den erforderlichen Hygieneabstand einhalten. Das Rathaus solle geschützt werden und überhaupt dürfe es nicht sein, dass „die“ hier alleine demonstrieren, sagt Organisatorin Renate, die ihren vollen Namen nicht erwähnt haben möchte. Über die Anzahl der rechts und links sich aufreihenden Menschen freut sie sich sehr. Denn mit so vielen hatte sie eigentlich gar nicht gerechnet.

Viele Auswärtige

Die Motivation, ein anderes Bellheim zu zeigen, hört man immer wieder. „Man sieht es doch alleine schon an den vielen Autos, dass viele von außerhalb hierherkommen! Und wenn ich als Bellheimer mir die Leute so angucke, dann erkenne ich kaum jemanden von hier“, sagt einer. Sein Nachbar ergänzt, dass ihn doch vieles an Kandel und das sogenannte Frauenbündnis erinnere, das dort vieles von außen hereingetragen habe.

Dann setzt sich der Pulk der Spaziergänger in Bewegung. Über Lautsprecher werden sie aufgefordert, sich an die aktuellen Auflagen der Versammlungsverordnung zu halten. Diese Ermahnung wird sich zwar noch mehrfach wiederholen, aber nicht alle Beteiligten überzeugen. Beamte begleiten den Zug, sprechen Personen an, die die Maskenpflicht nicht befolgen. In der Regel folgen aufgeregte Reaktionen und Diskussionen. Am Ende wird gegen 17 Personen, die keine Maske trugen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Bei der angemeldeten Demo vor dem Rathaus hat es nichts zu beanstanden gegeben, erläutert tags darauf ein Polizeisprecher.

Kritik an Medien

Als Journalist ist es an diesem Abend nicht einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Auch das namentliche Vorstellen sowie das Nennen der Zeitung, für die man hier ist, schafft wenig Vertrauen. Im Gegenteil. Viele möchten sich nicht äußern und unterfüttern ihre Ablehnung mit dem Vorwurf, dass sie ohnehin nicht richtig zitiert und die Unwahrheit geschrieben würde.

Und überhaupt, „die Medien“. Das Maskentragen von Schülern „während die Moderatoren von ARD und ZDF frei herumlaufen“ oder dass die Regierung angeblich Gelder für die Stiftung Warentest gestrichen habe, weil diese „alle FFP-2-Masken als ungenügend“ gewertet habe. – Tatsächlich war der Rückzug geplant, weil das Stiftungsvermögen gewachsen ist und zuletzt ohnedies nur noch drei Prozent des Etats zugeschossen wurden. – Nein, er möchte „nicht angelogen werden, aber dann war alles von Anfang an auf Lügen aufgebaut“, sagt er enttäuscht.

Erzürnte Bürger

Später gerät ein älterer Herr regelrecht in Rage, als er auf den Mitarbeiter dieser Zeitung aufmerksam wird. „Wie können Sie bei Ihren Lügen überhaupt noch nachts schlafen?!“, ruft er sehr erregt. „Wir sind mündige Bürger, und Ihr schreibt nicht die Wahrheit, wir fühlen uns angelogen“, sagt ein Paar. Auch ist oft zu hören, dass die Teilnehmerzahl gewiss nicht korrekt wiedergegeben werde.

Die Mitarbeiter des Ordnungsamts, die am Straßenrand stehen und die Vorbeikommenden zählen, bekommen die Kritik nicht mit. Die sich wiederholenden Einzeleindrücke des Abends weisen jedenfalls darauf hin, dass viele, viele Spaziergangsteilnehmer mit Medien, Wissenschaft und Politikern regelrecht gebrochen haben. Die Teilnehmer sehen aus wie die Kunden eines gewöhnlichen Supermarkts, die man ohne weiteres kurz auf den Einkaufswagen aufpassen lassen würde. Oder wie es zwei Männer sagen: „Wir sind keine Spinner, aber das Hüh und Hott der Maßnahmen reicht uns!“

Oft ist auch das Unverständnis zu hören, dass man schon als bloßer Teilnehmer einer Veranstaltung wie dieser als „Reichsbürger“ oder „Nazi“ bezeichnet werde. Auch Matthias Joa, vormals für die AfD und jetzt parteiloses Landtagsmitglied, läuft mit. Er habe sich einfach mal selbst ein Bild darüber machen wollen, wer bei einem solchen Spaziergang dabei sei, sagt er. Sein Befund ist negativ, stellt er fest. „Das sind alles ganz normale Bürger.“

Kleiner Menschenauflauf

Ein Mann fällt an diesem Abend besonders auf: das Germersheimer AfD-Mitglied Albert Breininger. Als Einziger trägt er ein Schild – in Herzform. Darauf steht „gesund ohne Zwang“. Irgendwann deuten ihn die Beamten wohl als vermeintlichen Organisator der Veranstaltung aus und möchten seine Personalien aufnehmen. Er weigert sich. Daraufhin entsteht an der Ecke Hauptstraße zur Blumenstraße ein kleiner Auflauf. Die Mehrheit läuft jedoch weiter. „Schämt Euch!“, ruft die Menge. Eine Frau ereifert sich, dass die Polizei bei Ausländern wegschaue. Aber „da traut sie sich!“ Breiniger genießt die Aufmerksamkeit und darf nach einigen Minuten weiterlaufen. Nach einer Stunde erreichen die restlichen Spaziergänger wieder den Ausgangspunkt. Es bilden sich noch kurz Gesprächsgrüppchen. Dann wird es immer kälter und alles wieder ruhig.

Am nächsten Tag möchte Thorsten Mischler von der Pressestelle des Polizeipräsidiums in Ludwigshafen nicht von einem „friedlichen“ Verlauf des Bellheimer Spaziergangs sprechen, auch wenn es zu keinen Straftaten gekommen sei. Die Spaziergänger unterlägen nun einmal der Versammlungsordnung, kämen dieser aber nicht nach. „Sie wollen Rechte, ohne die dazugehörenden Pflichten wahrnehmen zu wollen“, bedauert er.

Gegen 17 Kritiker der Corona-Auflagen wurden Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet, weil sie keine Maske trugen.
Gegen 17 Kritiker der Corona-Auflagen wurden Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet, weil sie keine Maske trugen.
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