Kandel
Briefkästen und Feldpost: Neues Stationentheater mit berührenden Geschichten
Mit Blick auf das geplante Stationentheater wollte der Verein von den Bürgern wissen, wie genau es um ihre Liebe zur Stadt steht und startete dafür eine Interview-Aktion. „Es ist halt schön hier, oder praktisch“ – so oder so ähnlich lauteten typische Antworten. Schwieriger sei es gewesen, das besondere Lebensgefühl in Kandel zu beschreiben, informiert Kukuk-Organisatorin Petra Krumm. Die eigentliche Herausforderung, aus Erzählungen Spielszenen zu schaffen, obliegt der Theaterwissenschaftlerin und Autorin Sabine Daibel-Kaiser. Sie arbeitet derzeit am fünften und wohl letzten Stationentheater des Vereins.
In früheren Stationentheatern hatte es immer historische Szenen nach Vorlagen aus der Literatur, von Bildern oder aus Erzählungen von Menschen gegeben. Den Hobbyhistoriker und RHEINPFALZ-Mitarbeiter Werner Mühl nennt Daibel-Kaiser in dieser Beziehung eine unerschöpfliche Quelle. Noch gebe es einige Anekdoten von Kandeler Originalen, die einen kurz in die Vergangenheit blicken ließen. Doch mit der Bürgerbefragung soll das Theater nun ganz in der Gegenwart ankommen. Und da gibt es allgemeines Lob für Kandel. Insbesondere die lebhafte Atmosphäre des Städtchens, die Geschäfte, aktiven Vereine und kulturellen Angeboten kommen bei den Leuten gut an.
Gelbe Kästen als Treffpunkte
Für Theaterszenen eigne sich das alles aber erst, wenn man die Seiten wechsele, also die Geschäfte über ihre Kunden befrage und sich auch direkt bei den Künstlern und Aktiven in der Stadt erkundige. Gesagt, getan. Deren Aussagen will Daibel-Kaiser mit Blick auf das Besondere und Witzige in ihren Szenen nun Leben einhauchen. Etwa wenn es um Kundengespräche oder Künstlerallüren geht. Und da kam auch Kurioses zutage. So nannte etwa ein Künstler als Bedingung für ein Engagement, dass jeweils ein Stapel weißer und schwarzer Handtücher in der Garderobe bereitzuliegen habe. Der Grund dafür ist unbekannt, die Autorin hat aber bestimmt Ideen.
Erfrischend neu waren Daibel-Kaiser zufolge oftmals die Perspektiven Kandeler Kinder. So sind die gelben Briefkästen der Post für Paula und Sophia gute Treffpunkte für Verabredungen. Und falls sich Sophia zuvor noch einen Überblick über das Stadtleben verschaffen will, reitet sie den steinernen Löwen – mit Blick auf das Treiben auf dem Plätzel. Ob griechisch, italienisch oder indisch – für eine kleine Feinschmeckerin ist die Vielfalt an Kandeler Restaurants das Beste. Und wenn Kandeler in die Fremde ziehen, dann bleiben sie ihrer Heimat verbunden. „Nach dem berufsbedingten Wegzug bin ich einfach Mitglied im hiesigen Tennisverein geblieben, das hat mir meine Rückkehr später sehr erleichtert“, hat etwa ein Rückkehrer erzählt.
Sehnsucht und Rückkehr nach Kandel – das war auch das Thema eines längst verstorbenen Soldaten, der aus dem Krieg seiner Familie viele Feldpostbriefe geschrieben hatte. Die sind nun bei Daibel-Kaiser gelandet. „Es war sehr berührend, von diesem Wunsch nach Frieden und Rückkehr ins geliebte Heimatstädtchen Kandel zu lesen“, sagt die Autorin.
„Kandel – du liegst mir am Herzen“ hat aber auch mit Ankommen zu tun. „Die Leute sind sehr offen“, das gute Gefühl komme oft schnell, sagt eine Neubürgerin, die einst wegen der Liebe herzog. Als diese Liebe verflogen war, blieb der Frau das Wohlgefühl, „in dieser schönen Stadt zu leben“.
Diesmal mit viel Musik
Dass man eigens der Fliegen wegen nach Kandel kommt, das sei schon erklärungsbedürftig, findet der Biologe Norbert Rapp. Bei ihm sei tatsächlich die Schnakenplage – genauer deren Auswirkungen und Bekämpfung – der Grund gewesen. Damit habe er sich Ende der 70er-Jahre in seiner Diplomarbeit beschäftigt, erzählt er. „Wir sind aus dem schönen Heidelberg nach Kandel gezogen. Die Natur rundum ist ganz wunderbar.“ Zusammen mit seiner Frau Siggi Schweers, die seit vielen Jahren einen Second-Hand-Laden führt, engagiert sich Norbert Rapp im Naturschutz. Lange war er auch Beigeordneter der Stadt.
Theaterautorin Sabine Daibel-Kaiser ist derzeit damit beschäftigt, aus Erzählungen Theaterszenen entstehen zu lassen. Bereits im Juni 2026 soll „Kandel – du liegst mir am Herzen“ am Schwanenweiher aufgeführt werden. Und das mit viel Musik. Der Chor „Modern Voices“ und weitere Solisten werden mitwirken.
Info
Für das Stationentheater werden noch weitere männliche Darsteller bis etwa 40 Jahre gesucht. Wer Interesse hat, bei dem Stück „Kandel – du liegst mir am Herzen“ mitzuwirken, kann sich per E-Mail an stationentheater@kukuk-kandel.de melden.