Kreis Germersheim Blickpunkt: 200 Jahre Landkreis Germersheim: Nach Wiener Kongress Kreisgrenzen festgelegt
Am 1. April des Jahres 1818 schlug die Geburtsstunde des Landkreises Germersheim. Im Hauptort dieser neu gebildeten Verwaltungseinheit nahmen an diesem Tag Landkommissär Peter Anton Müller, Aktuar Adalbert Dilg und Bote Heinrich Werden die Arbeit auf. Zeitgleich wurden im Gebiet der Pfalz elf weitere Landkommissariate ins Leben gerufen.
Nach dem Einmarsch französischer Revolutionstruppen in der Pfalz im Herbst des Jahres 1792, den sich anschließenden Kriegen und der endgültigen Abtretung der Gebiete an Frankreich, gehörten große Teile der heutigen Pfalz ab 1798 zum französischen „Département Donnersberg“ („Département du Mont Tonnerre“) mit Verwaltungssitz in Mainz. Im Anschluss an den Sieg über Napoléon Bonaparte übernahm mit Beginn des Jahres 1814 zunächst eine gemeinschaftliche österreichisch-bayerische Kommission in Kreuznach die Verwaltung. Als Entschädigung für größere Gebietsabtretungen an das Habsburgerreich erhielt das Königreich Bayern nach dem Wiener Kongress (1815) die linksrheinische Pfalz. In der Folge erließ der bayerische König Max I. Joseph am 30. April 1816 ein „Besitzergreifungspatent“, mit dem er die „überrheinischen“ Gebiete zum 1. Mai 1816 in das Königreich Bayern eingliederte. Die oberste Leitung der Besitznahme der Pfälzer Lande und deren Verwaltung übertrug der König dem Geheimen Rat und Hofkommissär Franz Xaver von Zwackh, der als erster Regierungspräsident der Pfalz gilt. Die der Regierung der Pfalz in Speyer nachgeordneten Bezirksdirektionen – ein Relikt aus der Zeit der alliierten Verwaltung – blieben zwar noch bis zum 31. März 1818 in Funktion. Doch bereits am 6. November 1817 hatte Max I. Joseph eine Verfügung unterzeichnet, in welcher die Schaffung von 12 Landkommissariaten im Bereich der Pfalz, die nun den achten bayerischen Regierungsbezirk bildete, bestimmt worden war. Dabei behielt man auch die Verwaltungsgliederung in die bis dahin existierenden „Kantone“, die nach französischem Vorbild entstanden waren, bei, so dass sich das Landkommissariat Germersheim aus den Kantonen Germersheim im Norden und Kandel im Süden zusammensetzte. Untergebracht war das Landkommissariat – die Behörde führte die gleiche Bezeichnung wie der ihr unterstehende Verwaltungsbezirk – in den ersten Jahrzehnten im heute so genannten „alten Rathaus“ in der Marktstraße. Später befand sich das Landkommissariat über lange Zeit in dem Eckgebäude Königstraße/Königsplatz, in dem sich heute das Finanzamt befindet. Erst weitaus später bezog die Behörde das ehemalige Offizierswohngebäude am Luitpoldplatz, das zunächst als Landratsamt bezeichnet wurde und heute als „Kreishaus“ bekannt ist, in dem die Kreisverwaltung Germersheim, abgesehen von ihren Außenstellen, ihren Dienstsitz hat. Von den vielfältigen Aufgaben einer modernen Kreisverwaltung im Sinne einer bürgernahen Leistungsverwaltung war man anno 1818 natürlich noch meilenweit entfernt. Zu dieser Zeit war der Landkommissär der ranghöchste staatliche Beamte in seinem Bezirk und verkörperte in erster Linie die Obrigkeit. Zur Bewältigung der noch überschaubaren Aufgabenfülle reichten noch wenige angemietete Räume, in denen die Schreiber hauptsächlich Bekanntmachungen, Verfügungen und den übrigen Schriftverkehr zu Papier brachten beziehungsweise vervielfältigten und archivierten. Im Jahr 1862 gab es eine formale Änderung: Aus dem Landkommissariat Germersheim wurde das „Bezirksamt Germersheim“ und der vormalige Landkommissär führte nun die Amtsbezeichnung „Bezirksamtmann“. 1939 wurde aus dem zwischenzeitlich „Bezirksoberamtmann“ genannten Amtsvorstand der „Landrat“ und aus dem Bezirksamt der „Landkreis Germersheim“. Erst im Jahr 1974 erhielt das „Landratsamt“ die Bezeichnung „Kreisverwaltung“. Weitaus weniger Veränderungen gab es übrigens in räumlicher Hinsicht: Am 16. März 1974 wurde die Gemeinde Hayna im Zuge der rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform dem Gebiet des Landkreises Südliche Weinstraße zugeschlagen und in die Verbandsgemeinde Herxheim eingemeindet. Ansonsten blieb der Landkreis Germersheim weitestgehend in den räumlichen Grenzen des Jahres 1818. Gravierendere Veränderungen gab es hingegen in wirtschaftlicher Hinsicht: War der Landkreis Germersheim bis weit in die 1950er Jahre überwiegend landwirtschaftlich ausgerichtet, so führte insbesondere die Ansiedlung des LKW-Montagewerks der Firma Daimler Benz in Wörth in den frühen 1960er Jahren dazu, dass sich der Landkreis wirtschaftlich entwickelte. Neue Arbeitsplätze im industriellen Bereich entstanden und die Landwirtschaft nahm bald schon eine weitaus geringere Rolle ein, auch die Zahl der einst traditionellen Berufsfischer - und Berufsschiffer in den Rheinorten ging rapide zurück. Diese strukturelle Entwicklung galt gleichermaßen auch für Germersheim im Norden des Landkreises, wo es ab der Mitte der 1950er Jahre – und dann verstärkt in den 1960er und 1970er Jahren - gelang, Industriebetriebe rund um den Industriehafen anzusiedeln. Ein Überbleibsel aus den Zeiten, in denen die „Kantone“ den Landkreis noch gliederten und eigene Strukturen begründeten, findet sich heute noch in der Tatsache, dass es zum Beispiel ein Krankenhaus in Germersheim und eins in Kandel gibt. Auch die Sparkasse war früher in die Gebiete Kandel und Germersheim unterteilt und die Linie der Berufspendler verläuft heute ungefähr auf der Höhe von Rülzheim. Die Einwohnerzahl des Landkommissariates belief sich bei der Gründung auf etwa 45.000. Seither ist der Landkreis ordentlich gewachsen. In den 1970er Jahren waren es rund 70.000 Einwohner, heute leben etwa 130.000 Menschen im Landkreis Germersheim, der immer noch weiter wächst.