Kreis Germersheim „Bitte sagt nicht, wer ich bin“

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Eine Art Adventskalender sollte es werden: 24 Tage lang wollte die RHEINPFALZ-Redaktion jeden Tag einen Menschen vorstellen, der als Asylsuchender in den Landkreis gekommen ist. Doch schnell war klar, dass viele dieser Frauen und Männer die Öffentlichkeit scheuen. Sie wollen ihren vollen Namen nicht nennen, kein Foto von sich in der Zeitung sehen. Ein Phänomen, das auch unter ehrenamtlichen Helfern zu beobachten ist. Deshalb gibt es eine andere Geschichte – eine über Bedrohungen, die aus dem Nahen Osten und Afrika bis nach Europa reichen. Und eine über das Klima in Deutschland, das vor allem im Internet von Menschen vergiftet wird, die vorgeben, sich um deutsche Werte zu sorgen. Besonders sparsam mit ihren Daten sind Menschen, die aus Eritrea geflohen sind. Dort können Männer ab dem Alter von 18 Jahren unbefristet zum Militär eingezogen werden, Frauen unter 28 müssen für wenig Geld für den Staat arbeiten. „Wer das Land verlässt, macht sich strafbar und riskiert, an der Grenze erschossen zu werden“, sagt Eden Mengis. Wird eine Flucht bekannt, bedroht oder inhaftiert das Regime oft Angehörige oder Kollegen, sagt die 29-jährige Tochter eritreischer Eltern. Der lange Arm des Regimes reicht bis nach Deutschland: Bei der Anhörung im Asylverfahren werden Dolmetscher benötigt, die der eritreischen Amtssprache Tigrinya mächtig sind. Einige von ihnen stehen offensichtlich auf der Gehaltsliste des eritreischen Staates, sagt Mengis. Die Konferenzdolmetscherin hat in Germersheim studiert und für ihre Masterarbeit dieses Thema untersucht. Für die Asylsuchenden sind solche Dolmetscher gleich in mehrfacher Hinsicht ein Problem: Manchmal geben sie sich direkt als Handlanger des Regimes zu erkennen und übersetzen Fluchtgründe schlicht nicht. Oder sie verhalten sich unauffällig und korrekt, bekommen aber dank ihrer Funktion im Asylverfahren „alle Daten auf dem Silbertablett serviert“, sagt Mengis. Doch auch Menschen aus dem Nahen Osten, wie Mohammad, sind mit ihren Daten vorsichtig. Der junge Mann hatte in Syrien gerade seinen Wehrdienst beendet, als der Bürgerkrieg ausbrach. „Damals wollte die Regierung mich nicht entlassen“, erinnert er sich. Doch der Bürgerkrieg war nicht sein Krieg, er wollte weder andere töten noch selbst getötet werden. Also entschied der heute 24-Jährige, sein Heimatland zu verlassen. Mit allen Konsequenzen: „Wenn sie mich verhaften, bin ich tot, weil ich für sie ein Verräter der Heimat bin und zu sterben verdiene.“ Seine Eltern und Geschwister blieben zurück. Deshalb ist er im sozialen Netzwerk Facebook nur unter einem Spitznamen zu finden: „Wegen meiner Entscheidung könnte meine Familie auch in Gefahr sein“, sagt der junge Mann, der vor eineinhalb Jahren nach Deutschland gekommen ist und nach einer Zwischenstation in Germersheim jetzt in einer süddeutschen Großstadt eine Ausbildung zum Koch absolviert. In nicht-digitalen Gesprächen diskutiert der junge Mann gerne über seine Religion und seine Herkunft. Facebook meidet er lieber. Doch auch aus anderen Gründen haben Flüchtlinge – aber auch ehrenamtliche Helfer – immer mehr das Gefühl, sich schützen zu müssen. Der Sturm tobt vor allem im Netz, wann immer es um das Thema „Flüchtlinge“ geht. Die Internet-Zeitung pfalzexpress.de berichtete über eine Aktion von Asylsuchenden, die den Kandeler Friedhof gereinigt hatten. Im Forum unter dem Text spielen sich Teilnehmer unter Pseudonymen wie „Deutscher Patriot“, „Spassbremse“ und „Kopfschüttler“ gegenseitig die Bälle zu. Immer haarscharf an der Grenze des verfassungsmäßig Erlaubten, stets unter dem Deckmäntelchen der Sorge um das Vaterland und mit dem Verweis darauf, „dass man das ja alles nicht sagen darf“. Und fast ausnahmslos mit abfälligen Bemerkungen in Richtung der Helfenden, die als „Gutmenschen“ diffamiert, oder Asylsuchenden, die gerne mal als Volksverräter tituliert werden. Das hat im Landkreis Spuren hinterlassen. Im Internet und vor allem auf Facebook würden die jungen Männer massiv bedroht, berichtet eine Helferin von der Stimmung unter ihren Schützlingen. „Das geht immer weiter.“ Die jungen Männer seien sehr bedrückt. „Das erschüttert die, weil sie feststellen, dass es nicht nur Freunde gibt und Menschen, die es gut finden, dass sie da sind.“ In die Öffentlichkeit wollen sie lieber nicht, auch wenn es über ihre Integration Geschichten zu erzählen gäbe. Von einem krassen Beispiel berichtet ein Ehrenamtlicher: Mit einem manipulierten Foto hatte ein Deutscher auf Facebook einem Flüchtling aus dem Landkreis Tod und Verderben an den Hals gewünscht. Hier soll es inzwischen eine Anzeige wegen Volksverhetzung geben, heißt es. Von „massiven Äußerungen“ und „giftigen Blicken“, erzählt der Ehrenamtliche. Seine Erfahrung: Auch Menschen, die Gebäude an Asylsuchende vermieten, meiden die Öffentlichkeit. „Der wird schon immer vom Stammtisch angegangen“, sagt er. Immer wieder kursierten Gerüchte, zum Beispiel dass über Nacht 200 Flüchtlinge in einer Halle im Ort untergebracht werden sollen. „Es gibt das ganze Spektrum“, sagt er seufzend. Ein Artikel über ehrenamtliches Engagement? Besser nicht, sagen deshalb viele. „Wir begeben uns in Gefahr.“ Nun gehe es darum, sich und die Familie zu schützen. Oder wie es eine Ehrenamtliche besonders drastisch formuliert: „Ich habe keine Lust, dass vor unserem Haus die Polizei Streife fahren muss.“

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