Kandel Bienwald: Über die Hälfte des Waldes ist bald Maikäfer-Land
Dieses Jahr fliegen extrem viele Maikäfer? – Wer dieses Gefühl hat, liegt vollkommen richtig. Zwar fliegen die Maikäfer alle vier Jahre, aber dieses Jahr wurden bei den regelmäßigen Probegrabungen im Vorfeld extrem viele Larven im Boden gefunden. „Drei bis vier Larven pro Quadratmeter gelten als kritische Dichte“, sagt Astrid Berens, Leiterin des Forstamts Bienwald (Kandel): „Gezählt wurden 76.“
Gegen die Maikäfer ist kein Kraut gewachsen, und auch die Industrie hilft nicht weiter. „Es gibt zur Zeit kein zugelassenes Mittel, die Insektizide holen alles aus den Bäumen“, sagt Berens. „Wir haben ein FFH-Gebiet, wir haben Bäche, wir sind auch dem Naturschutz verschrieben.“
Auf 1000 Hektar wächst nur noch Gebüsch
Die Folge: „Es gibt Bereiche im Bienwald, da habe ich keinen Wald mehr“, sagt Berens. Sie geht von etwa 1000 Hektar aus, auf denen nur noch Gebüsch wächst. Darunter viele Neophyten, invasive Arten, die hier eigentlich nicht heimisch sind. Manche davon, wie die Kermesbeere, hemmen zusätzlich die natürliche Waldverjüngung.
Rund 12.000 Hektar ist der Bienwald groß, knapp die Hälfte hat der Maikäfer schon für sich gesichert. Im sogenannten trockenen Bienwald östlich der B9, also Richtung Rhein, findet er ideale Bedingungen: sandige, trockene Böden und Laubbäume.
Drei Jahre als Larve im Boden
Die längste Zeit seines vierjährigen Lebens verbringt der Maikäfer als Larve im Boden. Drei Jahre dauert es, bis die Engerlinge sich in Maikäfer verwandeln und ausschwärmen. Ihr Ziel: Laub fressen, um Energie für die Fortpflanzung zu haben. Wobei der derzeit überall zu beobachtende Laubfraß den Bäumen nicht wirklich schadet, so Berens: Die Bäume treiben danach neu aus.
Den eigentlichen Schaden richten die Engerlinge an: Sie ernähren sich von den feinen Wurzeln der Bäume. Übe diese Wurzeln nehmen die Pflanzen Wasser und Nährstoffe auf. Fehlen die, sterben die Bäume ab. Typisches Merkmal an älteren Buchen sind viele abgestorbene Äste im oberen Kronenbereich, so Berens.
Am stärksten betroffen sind junge Laubbäume
Am stärksten betroffen sind junge Laubholzbestände. „Einzeln bis gruppen- und truppweise fallen hier oft nachwachsende junge Buchen und Eichen, aber auch andere Baumarten aus“, so Berens. Über einen längeren Zeitraum könne dabei zum kompletten Ausfall der nachwachsenden Waldgeneration kommen. „Bei wiederkehrendem Engerlingsfraß und weiteren Stressfaktoren wie zunehmender Sommertrockenheit können auch ältere Bäume absterben.“
Und der Stress für die Bäume wird womöglich noch größer als durch den Klimawandel zu erwarten ist. Denn bisher sind die Verbreitungsgebiete der beiden Maikäfer-Stämme in der Südpfalz getrennt. Der Nordstamm lebt in der Bellheimer Gegend, der Südstamm im Bienwald. Sie haben einen unterschiedlichen Zyklus. Jetzt wurden im Bienwald auch Engerlinge im 2. Jahr gefunden, der Südstamm befindet sich aber im 4. Jahr. „Die Generationen scheinen sich zu überlagern, womöglich ist ein Stamm gewandert“, befürchtet Berens. Die Hintergründe sollen jetzt genau untersucht werden.
Sprung über die B9 erwartet
Beim Südstamm erwartet Berens, dass er in diesem Jahr über die B9 springt. Denn auch im sogenannten „nassen“ Bienwald gebe es trockene Flecken. Das sind die Reste eiszeitlicher Sanddünen, wie man sie beispielsweise bei Schaidt findet. Am Ende wird mehr als die Hälfte des Bienwalds Maikäfer-Land sein – zumindest nach dem Wissensstand von heute.
„Wir haben keine Ahnung, wie es weiter geht, wir wissen sehr wenig über das Ökosystem Wald“, sagt Berens. Wichtig sei es, genau zu beobachten und nicht in Hektik zu verfallen. Es könnte sein, dass „der Wald vielleicht mehr Stabilität hat als wir glauben.“ Ansonsten zeigen die ersten Erfahrungen mit Kastanien, dass diese nicht nur mit der Trockenheit besser zurecht kommen. Sie werden vielleicht auch weniger vom Maikäfer in Mitleidenschaft gezogen.
Rezept
Schnelle Maikäfer-Suppe: 30 Maikäfer oder Engerlinge, 1 Liter Gemüsebrühe oder Hühnerbrühe, 2 Esslöffel Butter, 2 Esslöffel Mehl, Salz und Pfeffer. Die Maikäfer zunächst von Flügeln und Beinen befreien und dann im Mörser zerstoßen. Die Masse in Butter anrösten. Mehl dazugeben und leicht anbräunen lassen. Mit der Brühe aufgießen. Etwa 20 Minuten köcheln lassen. Die Suppe passieren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Heiß servieren.
