Was Leser ärgert
Betrug: Abzocke mit Pflegeboxen für Senioren
Immer wieder klingelt das Telefon bei einer 85-jährigen Frau aus Kandel. Mehrere Tage lang versucht es eine Nummer mit der Vorwahl 0221. Die Frau erwartete keinen Anruf aus dem Kölner Raum und ließ es klingeln. Irgendwann wollte sie doch wissen, wer so hartnäckig versucht, sie zu erreichen. Am Ende der Leitung war eine Frau, die sich als Pflegevorsorgedienst meldete. Ihre erste Frage: „Haben Sie einen Pflegegrad?“ Als die pflegebedürftige Frau das bejahte, begann die Agentin eine Beratung. Der Kandelerin stünden gesetzlich für sie kostenlose Pflegehilfsmittel zu. Sie könne dies ganz bequem per Paket nach Hause erhalten. Die Kosten würden von der Krankenkasse übernommen. Die Agentin zählte verschiedene Varianten solcher Pflegeboxen auf, die Einmalhandschuhe, Windeln, Betteinlagen oder Desinfektionsmittel beinhalten würden.
Sie brauche so etwas nicht, sagte die Frau. Doch die Verkaufsagentin blieb auch hier hartnäckig. „Ich schicke Ihnen mal was. Es kostet Sie ja nichts.“ Irgendwann wehrte sich die 85-Jährige nicht mehr und gab ihre Versichertennummer durch. Die Adress- und Geburtsdaten lagen der Anruferin schon vor. Schon kurz darauf kommt ein erstes Paket. Darin befanden sich Pflegehilfsmittel wie Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel oder Schutzschürzen im angegebenen Wert von etwa 46 Euro. Bis zu 40 Euro pro Monat werden von den Krankenkassen an Pflegebedürftige erstattet. Die zusätzlichen sechs Euro sollte die Frau aus Kandel privat tragen, stand auf der beiliegenden Rechnung.
Krankenkasse bestätigt Antrag
Bei der Frau handelt es sich um die Mutter von Elisabeth Regner. Durch einen Fernsehbeitrag hatte Regner wenige Tage zuvor von Anrufen vorgeblicher Pflegekassen erfahren und war entsprechend sensibilisiert. Von der zuständigen Krankenkasse erfuhr sie, dass ein Antrag ihrer Mutter auf Pflegemittel vorliege und schon genehmigt wurde. Regner wollte es genauer wissen und entdeckte auf dem Antrag eine vermeintliche Unterschrift ihrer Mutter, die diese nie geleistet hat und offensichtlich gefälscht war. Bei der Vielzahl an Anträgen pro Tag und ohne die tatsächliche Unterschrift zu kennen, könne die Echtheit von Unterschriften nicht immer kontrolliert werden, hörte sie von der Krankenkasse. Als Bevollmächtigte ihrer Mutter konnte sie den Vertrag aber rückgängig machen.
Obwohl ihrer Mutter kein direkter Nachteil entstanden ist, ärgert sich Regner sehr über das Vorgehen der vorgeblichen Pflegekassen. „Jeden Monat 500 Handschuhe und 100 Pflegeschürzen. So viele Pflegemittel braucht kein Mensch.“ Doch es ist nicht nur die Verschwendung, sie ärgert sich vor allem über den finanziellen Schaden für die Allgemeinheit. „Das geht auf Kosten von uns allen“, sagt Regner. Für die aus ihrer Sicht nicht sämtlich brauchbaren Pflegehilfsmittel müsse schließlich die Gesamtheit aller Versicherten aufkommen. „Die Pflegeversicherungen sind ohnehin schon am Limit. Alte Menschen werden getäuscht und in die Falle zu Ungunsten der Pflegekassen gelockt.“
Teure Hilfsmittel
Die Pflegehilfsmittel seien teurer als in Sanitätshäusern, Apotheken oder Drogerien, sagt Regner. Die Regelungen der Krankenkassen erlauben Pflegebedürftigen, die notwendigen Produkte bei Bedarf auch selbst dort zu kaufen und sie im monatlichen Wert von bis zu 40 Euro mit der Krankenkasse abzurechnen. Die Angebote von sogenannten „Pflegeboxen“ hält Regner daher nur für eine „Methode, um Geschäfte zu machen.“
Das Paket mit Pflegehilfsmitteln wurde von der „Pflegehilfe Pflegedienst Paket UG“ in Hamburg verschickt. Ihr Geschäftsführer Christian Schade äußerte sich auf RHEINPFALZ-Anfrage nicht zum Einzelfall. Seine Firma betreibe selbst keinen Telefonvertrieb und habe auch keinen Zugriff auf die Daten von Personen, die möglicherweise angerufen werden. Für die Akquise würden Dienstleister genutzt. „Unsere Kooperationspartner sind jedoch dazu verpflichtet, im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zu handeln“, sagt Schade. Wenn Unterschriften fehlten, würden die bei den Dienstleistern angefordert. Die Firma selbst würde am Telefon immer unter der eigenen Firmenbezeichnung auftreten. Die von der Firma geschickten Pflegeboxen würden für gesetzlich Versicherte den Wert von 40 Euro nie übersteigen. Sein Angebot von Pflegeboxen richte sich an alle pflegebedürftigen Menschen. „Leider sind viele pflegebedürftige Menschen nicht ausreichend über ihre Ansprüche informiert“, sagt Schade. „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, in diesen Fällen Unterstützung zu leisten. Unser Service ist für Versicherte nahezu kostenfrei, und die meisten Menschen, mit denen wir in Kontakt treten, sind dankbar für unsere Hilfe.“
Pflegebedürftige müssen kontaktieren
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen hat auf solche „Kaltakquisen“ inzwischen aber reagiert und neue Regelungen erlassen, sagt die Sprecherin der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Rheinland-Pfalz. „Seit dem 1. Juli 2024 dürfen Pflegebedürftige danach nicht mehr proaktiv von Anbietern kontaktiert werden, die Kontaktaufnahme muss von den Pflegebedürftigen ausgehen.“ Wie der Fall aus Kandel zeigt, wurde die Praxis der Kaltakquise damit aber nicht beendet.
Regner ist es wichtig, dass andere von der Praxis erfahren und gewarnt sind. Eine ursprünglich als Unterstützung vorgesehene Leistung werde „von skrupellosen Geschäftemachern pervertiert“, sagt sie. Wegen der gefälschten Unterschrift hat sie mittlerweile auch Anzeige bei der Polizei wegen Urkundenfälschung gestellt. Dies sei der erste Fall in der Gegend, sagte der Polizeibeamte in Wörth. Obwohl ihre Mutter jetzt aus dem Abonnement raus ist, ärgere sie sich noch immer, dass sie beim Telefonat nicht aufmerksamer war oder den Anruf überhaupt erst angenommen hat. „Eigentlich ist sie immer sehr vorsichtig, um genau solche Aktionen zu vermeiden“, sagt Regner.