Kreis Germersheim Betriebsrat muss eigene Ideen entwickeln

Dass es im Betriebsrat des Daimler-Lkw-Werks knirscht und bisweilen sogar kracht ist nicht neu (wir berichteten mehrfach). Dass die Uneinigkeit unter den Arbeitnehmervertretern nun aber Mitte Mai in der Abwahl des langjährigen Betriebsratsvorsitzenden Ulli Edelmann kulminierte, war dennoch überraschend. Wie es zu dem in der 51-jährigen Werksgeschichte in Wörth einmaligen Vorgang gekommen ist, wie die heillos zerstrittenen Fraktionen in dem 41-köpfigen Gremium befriedet werden sollen und wie – vielleicht noch wichtiger – das erschütterte Vertrauen der Beschäftigten in ihre gewählten Vertreter wieder hergestellt werden soll, dazu äußern sich der neue Betriebsratsvorsitzende Thomas Zwick und sein Vorgänger nun erstmals öffentlich. Dass seine Abwahl auch für ihn persönlich ein schwerer Schlag war, daraus macht Ulli Edelmann keinen Hehl. „Das war für mich keine einfache Situation“, gibt er unumwunden zu. Vor allem die Art und Weise wie seine Absetzung betrieben wurde hat den 52-Jährigen, der seit 1992 der Arbeitnehmervertretung angehört und seit 2008 als Vorsitzender fungierte, offensichtlich schwer getroffen. „Ich war gerade mit meinem Sohn im Auto unterwegs, als ich telefonisch von dem Abwahlantrag unterrichtet wurde.“ Für einen solchen genügten laut Betriebsverfassungsgesetz die Stimmen von einem Viertel der Arbeitnehmervertreter. „Mir wurde dabei nahegelegt, mich auf der anstehenden Betriebsversammlung am Montag und Dienstag der dritten Juniwoche von der Belegschaft zu verabschieden. Das habe ich nicht getan“, sagt Edelmann. Stattdessen habe er versucht, bei der Betriebsratssitzung am Mittwoch eine Mehrheit für seinen Verbleib an der Spitze zu bekommen. „Das habe ich leider nicht mehr geschafft.“ Als Vorsitzender könne man es nicht allen Recht machen, begründet Edelmann den Niedergang des Vertrauensverhältnisses zwischen ihm und einer knappen Mehrheit der Betriebsräte. Zumal in einer so heterogenen Körperschaft „mit neun Listen, ist es schwierig, Einigkeit zu erzielen“. Dazu klafften die Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber angesichts des anhaltenden Rationalisierungsdrucks immer weiter auseinander. „Ich habe immer einen konsequenten Kurs für die Belange der Belegschaft gefahren. Das hat der Führung natürlich nicht gefallen“, sagt Edelmann. Andererseits bringe „nur Nein sagen auch nichts“. „Aber die Belegschaft hätte sich da vielleicht mehr gewünscht“, gibt sich Edelmann selbstkritisch. Dennoch: „Ich habe mein Bestes gegeben“, resümiert er. Auch als einfaches Betriebsratsmitglied will sich Edelmann zukünftig für seine 11.800 Kollegen und eine positive Entwicklung des Werks einsetzen. Wenn auch weniger umfassend: „Vielleicht kann ich jetzt sogar mal einen Urlaub ohne Unterbrechung machen.“ „Ich habe großen Respekt vor Ulli, dass er weiter mitmachen will“, betont der neugewählte Vorsitzende Thomas Zwick, der ebenfalls der IG-Metall angehört. Das Verhältnis zu Edelmann sei ungetrübt, ja freundschaftlich, fügt er hinzu. Die Situation im Gremium mit seinen „verschiedenen Meinungsgruppen“ sei indes „nicht einfach“, konstatiert der 48 Jahre alte Kfz-Mechaniker aus Landau. „Aber wir müssen uns einigen, wenn wir für die Belegschaft etwas erreichen wollen“, gibt er die zukünftige Marschrichtung vor. „Das kann aber nur gelingen, wenn jeder mitmacht“, appelliert Zwick an die Betriebsräte. Wie ein Fußballtrainer will er „viele Einzelgespräche führen“, um aus dem zerstrittenen Haufen wieder eine schlagkräftige Mannschaft zu machen. Was möglich sei, wenn alle an einem Strang ziehen, habe sich in jüngerer Vergangenheit beim umstrittenen Thema der Fremdvergaben gezeigt (wir berichteten). „Da ging es um 550 Arbeitsplätze und wir hatten Geschlossenheit“, sagt Zwick. „Das wünsche ich mir auch für die Zukunft. Jeder im Betriebsrat soll sich besinnen, wofür wir gewählt sind: Die Interessen der Belegschaft zu vertreten!“ Um das erschütterte Vertrauen der Belegschaft zurückzugewinnen, will Zwick auch die Kommunikation nach außen verbessern. „Wir müssen mehr mit den Leuten diskutieren und manche Entscheidungen erklären“, glaubt der neue Betriebsratsvorsitzende. Angesichts immer anspruchsvolleren Vorgaben aus Stuttgart würden die Spielräume weiterhin nicht größer. „Es ist eine Welt der Kompromisse“, verdeutlicht Zwick. „Nur mit Nein sagen ist es da nicht getan.“ Trotzdem müsse die Belegschaft zukünftig wieder sagen können, „der Betriebsrat hat alles für mich getan“. Der Betriebsrat müsse dazu eine eigene Idee entwickeln, „wie das Werk in fünf, sechs Jahren dastehen soll“, fordert Zwick. Als weitere wichtige Zukunftsthemen nennt er eine Senkung des Krankenstandes, der im Moment knapp unter zehn Prozent liege, und die Entlastung der Mitarbeiter angesichts zunehmender Arbeitsverdichtung. (fex)