Germersheim / Kandel
Bereitschaftsarzt kommt bald zum Hausbesuch
Ärzte und medizinisches Personal warten in den Bereitschaftspraxen, doch kein Patient kommt. Das sei immer wieder zu beobachten, vor allem nachts, heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung. Doch diese ungenutzten Arztarbeitsstunden könne man sich schlicht nicht mehr leisten. Stichworte sind hier zum Beispiel der Hausärztemangel, aber auch die Konkurrenz durch benachbarte Bundesländer. Deshalb gibt es eine Reform der Bereitschaftsdienste, die in vielen Teilen von Rheinland-Pfalz schon umgesetzt wurde.
Erst anrufen, dann zur Praxis kommen
Dabei läuft die Umstellung auch in der Südpfalz schon eine Weile im Hintergrund. Die erste Stufe sei die Einführung der Telefonnummer 116117 gewesen, erläutert Pressesprecher Rainer Saurwein. Die Patienten sollten die Bereitschaftsdienstzentralen also bitte nicht mehr direkt aufsuchen, sondern erst anrufen. Dann gibt es am Telefon eine erste Einschätzung einer Fachkraft, deren Ergebnis zum Beispiel sein kann, dass überhaupt kein Praxisbesuch notwendig ist. Oder dass vielleicht direkt der Rettungswagen losgeschickt wird, weil die geschilderten Symptome auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hinweisen.
Anderen Patienten wird möglicherweise der Besuch der nächstgelegenen Bereitschaftsdienstpraxis empfohlen. Besonders ältere Menschen werden hingegen Besuch bekommen, vom „aufsuchenden ärztlichen Bereitschaftsdienst“, ein Fachbegriff für Hausbesuche.
Öffnungszeiten werden sich ändern
Vor allem beide Elemente sind es, die in einigen Wochen im Landkreis spürbar werden: Bereitschaftsdienstzentralen werden kürzer geöffnet sein. Dafür werden Ärzte zu Besuchen nach Hause kommen. „Wir brauchen weniger Mediziner, um die gleiche Anzahl an Patienten zu behandeln“, umschreibt Saurwein. Deshalb gibt es keine Aussage zu etwaigen Standort-Schließungen. Aber man müsse über die Besetzungszeiten reden.
Schließlich muss natürlich immer gewährleistet sein, dass Notfälle versorgt werden. Dass es nicht leicht ist, alle Zeiten abzudecken, ist in der Südpfalz immer wieder spürbar. Jüngst gab es Probleme mit der Besetzung der Bereitschaftspraxis in Landau, um Ostern 2020 hatte die Einrichtung in Kandel zeitweise schließen müssen.
Denn die junge Mediziner-Generation sei zu 70 Prozent weiblich. Entsprechend spiele die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle. „Bereitschaftsdienste sind bei jungen Familien ganz unbeliebt“, sagt Saurwein. Entsprechend komme als Frage bei Gesprächen mit jungen Ärzten oft die Frage: „Wie viele Dienste muss ich denn bei euch machen?“ Als KV in Rheinland-Pfalz sehe man sich der Konkurrenz in den benachbarten Bundesländern gegenüber. „Es gibt nur noch in Rheinland-Pfalz und angrenzenden Regionen Praxen, die nachts geöffnet haben“, sagt Saurwein. „Wir hatten noch über 40 Praxen, die nachts geöffnet hatten – das ist ein Wettbewerbsnachteil.“
Ein Arzt-Auto für zwei Landkreise
Eine der Lösungen: Hausbesuche. Im Idealfall soll ein Auto mit einem Arzt ein, zwei Landkreise abdecken können. Dabei komme es natürlich auf die Bevölkerungsdichte an, betont Saurwein. Die KV hoffe, dann auf Freiwillige zurückgreifen zu können, statt Ärzte zu Diensten verpflichten zu müssen. Bayern habe so die benötigte Arzt-Arbeitszeit auf ein Drittel reduzieren können.
Allerdings müssten diese Veränderungen „breit kommuniziert werden“, kündigte Saurwein an. Denn vielleicht sind die Praxistüren dann zu den bisher gewohnten Zeiten geschlossen. Wer das dann nicht bekommen hat, findet dann einen Zettel an der Tür vor: „Bitte wenden Sie sich an die 116117.“