Jockgrim
Beim Cola-Rot die Liebe gefunden: Erinnerungen an die „Palz“
„Es war vor 45 Jahren, dass ich als Jüngling, reich an Haaren, in Jockgrim meine Liebste fand“, erzählt Anton Schäfer aus Rülzheim. Wir hatten Leser gebeten, uns ihre Erinnerungen an die Gaststätte mit Disco und Kinosaal mitzuteilen. „In de Palz, am Samstagabend, an Cola-Rot und Schorle mich labend, knüpft' ich der Liebe zartes Band.“ Der Rülzheimer findet schöne Reime dafür: „Ist heut' die Stirn auch voller Runzeln, muss ich doch in Erinnerung schmunzeln, zählen wir auch schon zu den Alten – diese Liebe hat gehalten!“
Auch für Ingrid und Jürgen Keiber spielte die Jugend-Disco Schicksal: „Es war Mitte Dezember 1973, Sonntagsfahrverbot wegen der Ölkrise. In de Palz war für Teenager schon sonntags ab 14 Uhr Disco. Meine Freundinnen und ich machten uns zu Fuß auf von Kandel nach Jockgrim in d'Palz“, erzählt Ingrid Keiber. „Es hatte geschneit und die Straßen waren weiß.“ Es sei die Zeit von „Nutbush City Limit“ von Ike und Tina Turner und „Without you“ von Neil Young gewesen. „Tja, der Junge mit den langen Locken ist mir schon länger aufgefallen. Ich ihm wohl auch“, fährt die Jockgrimerin fort. „Auf jeden Fall hat er mich gegen Abend zu Fuß auf meinem Heimweg nach Kandel begleitet. Seit dem sind wir zusammen und seit fast 41 Jahren verheiratet, haben zwei wundervolle Töchter und drei tolle Enkelsöhne.“ An die „Palz“ denken beide noch heute im Ruhestand gerne zurück.
So stark wie Bruce Lee
Die erste Disco, die Andrea Busché aus Berg als Jugendliche Ende der 1970er-Jahre besuchte, war die „Palz“. Von Raufereien hatte man damals gehört und sie habe sich bei jedem Besuch einen möglichen Fluchtweg gesucht. „Den habe ich nie gebraucht, denn ich habe auch nie eine Schlägerei mitbekommen. Es war eine schöne Zeit“, erinnert sie sich.
In die „Palz“ gingen Generationen von Heranwachsenden aber nicht nur zum Tanzen und Feiern. Die Gaststätte hatte neben einer Metzgerei und Disco auch einen Kinosaal. Der Haupttermin für die Vorstellungen war der Sonntagnachmittag. „Mein erster Film im Jockgrimer Kino war ,Ben Hur’“, erinnert sich Michael Breining. „Es muss 1974 gewesen sein. Mein Bruder und ich haben jeweils 1,50 D-Mark Eintrittsgeld von zuhause bekommen.“ Das Geld habe nicht gereicht, weil der Film fast vier Stunden lang war. „Da wir jedoch zeitig dran waren, liefen wir nach Hause um das restliche Geld zu holen. Zufällig hatten wir Besuch gehabt, die uns dann jeweils noch eine D-Mark für den Eintritt dazu gaben. So liefen wir wieder ins Dorf und konnten dann unseren ersten tollen Kinofilm genießen.“
Als die Brüder das Kino verließen, war es schon dunkel und die Mutter hatte sich Sorgen gemacht. Auf dem Nachhauseweg kam sie den Jungs aufgeregt entgegen. „Diese Erinnerung verbinde ich immer mit dem Kino und Jockgrim“, erzählt der Herxheimer. Auch Filme mit Bruce Lee und Chuck Norris hat Michael Breining mit Freunden dort gesehen: Actionreiche Sonntagnachmittage seien das gewesen. „Und montags hat der Ein oder Andere Bruce Lee nachgeahmt.“
Klebriges Popcorn im Haar
Unseren Artikel (erschienen am 19. Februar) über den Abriss der legendären Adresse habe sie mit „einer kleinen Träne im Knopfloch gelesen“, schriebt Tanja Eichenlaub aus Hatzenbühl. „Aber das ist wohl der Lauf der Zeit.“ Ihr erster Film war „Saturday Night Fever“ mit John Travolta. Sie seien immer sehr früh im Kino gewesen, um Plätze in der hinteren Reihe zu bekommen. Diese Sitze waren nicht nur wegen der Sicht auf die Leinwand begehrt: „An der Kinokasse gab es farbiges Popcorn zu kaufen, das total klebrig war, und so mancher Spaßvogel hat das dann nach vorne geworfen“, erzählt Tanja Eichenlaub. „Wenn man Pech hatte, klebten diese Dinger dann in den Haaren und man hatte das Gelächter auf seiner Seite.“
Noch ein weiterer Film ist der Hatzenbühlerin im Gedächtnis geblieben: „Ein Zombie hängt im Glockenseil“. Als der Film vorbei war, sind die jungen Leute „nach Hause gerannt vor lauter Angst und Grusel. Vor ein paar Jahren kam dieser Film im Fernsehen und ich hab mich halb tot gelacht.“
Noch ein Eis auf die Waffel
1967 hat Ludwig Pfanger den Film „Unter fremden Sternen“ mit Freddy Quinn vorgeführt. „Der damalige Hauptvorführer war Peter Schulz“, berichtet der Kandeler. Die Vorführgeräte funktionierten noch mit Kohlebogenlampen und die Spulen wurden erst vor Ort aufgerollt. „Viele der jungen Buben und Mädchen saßen damals auf der kleinen Erhebung mit den etwas besseren Sitzen“, erinnert sich Ludwig Pfanger. „Nach dem Kinobesuch ging es meistens noch ins Nebenzimmer, wo die Musikbox stand, um ein Cola zu trinken.“ Dort wurde auch bequatscht, wann die Clique sich am Abend im Tanzsaal trifft. Später gab’s Live-Musik mit der Kapelle „Edelweiß“, den „Kolibris“ oder den „Magnets“ gab.
Auch an einem Softeis bei der „Klärle“ kamen einige nach dem Kinobesuch nicht vorbei. Es war aber nicht der einzige Eisladen, erinnert sich Ludwig Pfanger: Schräg gegenüber war „der kleine Eisstand von Albert, der auch mal für zehn Pfennig etwas mehr auf die Waffel machte“.
Gebäude stand leer
Der Gebäudekomplex in der Maximiliansstraße wurde Mitte Februar abgerissen. 18 Wohnungen sollen entstehen. Filme liefen hier schon gut 30 Jahre keine mehr. Die Anfänge des Wirtshauses reichen bis ins Jahr 1921 zurück. Mitte der Fünfziger übernahmen Luise und Hans Hammer die Gaststätte. Sie verkauften 1980 das Anwesen. Metzgerei, Gaststätte und Kino wurden einige Jahre weitergeführt, später wurden die Räume nur noch gastronomisch genutzt. Seit vielen Jahren stand das Gebäude leer. Seit 2008 gab mehrere „Palz-Revival-Partys“ in der TSG-Turnhall’.