Hagenbach
Bei Geothermie bleibt immer ein Risiko
Das Thema „Geothermie und Lithiumförderung im Oberrheingraben“ bewegt die Menschen. Rund 100 Stühle standen bei einer Infoveranstaltung im Hagenbacher Kulturzentrum bereit – sie reichten bei Weitem nicht aus. Und obwohl weitere Sitzgelegenheiten herbeigeschafft wurden, mussten einige Zuhörer stehen. Sie hielten zweieinhalb Stunden trotz tropischer Temperaturen durch. Denn es gibt rund um die Geothermie einfach zu viele offene Fragen. Gekommen waren Mitglieder von Bürgerinitiativen aus der Region, die sich im Kampf gegen weitere Geothermie-Bohrungen befinden, aber auch viele Bürger, die Wissenslücken stopfen wollten. Eingeladen hatten der CDU-Landtagsabgeordnete Martin Brandl und der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Gebhart.
„Wir geben an diesem Abend der Wissenschaft das Wort, die politische Diskussion wird folgen“, versprach Brandl. Die Geothermie beschäftige ihn, seit er vor 13 Jahren Abgeordneter in Mainz geworden sei. Fast sei das Thema schon durch gewesen, aber nachdem sich der Lithiumpreis seit Jahresbeginn verdoppelt habe, sei die Geothermie aktueller denn je. Von vielen Hoffnungen und ebenso vielen Enttäuschungen sprach Gebhart beim Blick auf die Werke in Insheim und Landau. Er erinnerte daran, dass es 2010 eine Gesetzesänderung gegeben habe. Bei Gebäudeschäden gelte nun eine Beweisumkehr. Unternehmen müssen demnach belegen können, dass sie nicht verantwortlich sind. Beim Fracking stehe der Grundwasserschutz im Vordergrund und in den Erdbebenzonen 1 bis 3 sei es verboten. „Der Oberrheingraben ist Erdbebenzone 1“, betonte Gebhart.
„Sicherheit der Bürger steht im Vordergrund“
Im Vorfeld sei man nicht darüber informiert worden, dass für das Suchfeld „Catharina Werde“, zu dem das komplette Gebiet der Verbandsgemeinde Hagenbach gehört, Aufsuchungsanträge eingereicht worden seien, sagte Verbandsbürgermeisterin Iris Fleisch (CDU). Die Neue Energie Wörth, an der je zur Hälfte die Stadt Wörth und die Pfalzwerke beteiligt sind, hat dieser Tage die Aufsuchungserlaubnis erhalten. Die Diskussionsveranstaltung lege den Grundstein für viele weitere Veranstaltungen. „Die Sicherheit der Bürger muss immer im Vordergrund stehen“, sagte Fleisch, die Transparenz, Offenheit und Klarheit versprach, „und das während des gesamten Prozesses“.
Frank Schilling ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Dekan an der Fakultät Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften. Auf dem Gebiet der Tiefengeothermie ist er eine Kapazität. Deshalb wird er auch immer wieder als unabhängiger Berater nach seiner Meinung gefragt, etwa vom Bergamt. Ob die Behörden im Fall Landau überfordert gewesen seien, wollte ein Zuhörer wissen. „Nein“, antwortete Schilling. Er brach eine Lanze für die Aufsichtsbehörde. Das seien alles Fachleute, so Schilling, „aber ich glaube, da fehlt es einfach an Personal“. Man ärgere sich zwar häufig über die vielen Vorschriften in Deutschland, „aber wir sollten dankbar für unsere Behörden sein“, meinte Schilling, der lange Zeit in den USA gelebt und gearbeitet hat. Dort herrschten ganz andere Verhältnisse gerade in Sachen Umweltschutz.
Weltweit neuntgrößte Lithiumvorkommen
Für die Wärmegewinnung könne Geothermie in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, betont Schilling. Für die Stromgewinnung sei sie deutlich unwichtiger. Das Grundwasserproblem sei besonders zu beachten, so Schilling. Tiefenwasser dürfe nicht ins Grundwasser geraten. Man profitiere bei künftigen Bohrungen von den Erfahrungen der Vergangenheit, Risiken könnten minimiert werden „Auch wenn das heute alles sehr sicher ist, eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben“, betonte Schilling.
Deutschland habe weltweit die neuntgrößten Lithiumvorkommen, gefördert würden aber null Prozent, sagte Rebekka Reich, Doktorandin am KIT bei der Professur für Geothermie und Lagerstättenkunde. Es gebe verschiedene Wege der Lithiumgewinnung, einer davon ist aus Thermalwasser. Bei Geothermiewerken, wie sie in Landau oder Insheim stehen, könne pro Jahr das Lithium für 25.000 bis 30.000 Batterien gewonnen werden, rechnete Reich vor. Batterien für E-Autos wohlgemerkt. Reich beschrieb die verschiedenen Möglichkeiten der Lithiumgewinnung. Im heißen Thermalwasser ist die Lithiumkonzentration besonders hoch. Das sogenannte Adsorptionsverfahren, bei dem die Lithiumionen aus dem heißen Wasser gewonnen werden, sei eine klimafreundliche und ökologisch saubere Alternative zu den Importen etwa aus Bolivien. Dort wird das Lithium aus Salzseen gewonnen. Dabei wird die Umwelt schwer geschädigt. Genaue Auskünfte, etwa über die Wirtschaftlichkeit, konnte Reich nicht geben, denn derzeit liefen in Deutschland nur einige Pilotprojekte zur Lithiumgewinnung.
Lithiumionen-Batterien auch in Zukunft wichtig
Ob Lithium auch in Zukunft noch eine so große Rolle spielen wird, wollte ein Zuhörer wissen, schließlich würden in China bereits Natrium-Batterien produziert, die schon 80 Prozent der Leistung einer Lithiumionen-Batterie erreichen würden. Die Batterien-Forschung sei eines der spannendsten und dynamischsten Gebiete, sagte Schilling. „Da passiert derzeit unglaublich viel.“ Er verwies auf das vom KIT gegründete Helmholtz-Institut in Ulm, das führend in der Batterien-Forschung sei. „Ganz ohne Lithiumionen-Batterien wird es aber auch in Zukunft nicht gehen“, sagte Schilling.