Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Bahnsuizide: Ein Gespräch kann Leben retten

Sollte es zu Beispiel an einer Bahnstrecke zu einem Unglück kommen, sind die Ehrenamtlichen der Krisenintervention schnell vor O
Sollte es zu Beispiel an einer Bahnstrecke zu einem Unglück kommen, sind die Ehrenamtlichen der Krisenintervention schnell vor Ort.

Immer wieder kommt es zu den sogenannten Personenunfällen auf Bahnstrecken. Wie die Augenzeugen vor Ort versorgt werden und warum wir über Bahnsuizide reden müssen.

Die Meldung klingt immer gleich: Personenunfall auf einer Bahnstrecke, der Zugverkehr ist unterbrochen. Das Schicksal dahinter ist immer ein anderes. Betroffen von einem Bahnsuizid sind oft viele Menschen, wie der Lokführer, mögliche Augenzeugen im Zug oder am Bahnsteig, und natürlich die Angehörigen des Verstorbenen.

Die Deutsche Bahn hat für solche Fälle ein Notfallmanagement. „Eigene Mitarbeiter sind vor Ort und kümmern sich“, sagt Klaus Walter vom Kriseninterventionsteam des DRK und häufig in solchen Situationen selbst vor Ort. „Der Lokführer wird sofort rausgenommen, sie haben eine klare und gute Struktur“, lobt er. Walter und sein Team werden von Polizei oder Rettungsdienst informiert. Da die Fahrgäste auf offener Strecke nicht aussteigen dürfen, gehen die Ehrenamtlichen zuerst in die Waggons und sichten die Lage. Dabei stehen Grundbedürfnisse im Vordergrund, wie die Versorgung mit Getränken. Später muss man sich vielleicht um eine Evakuierung kümmern, wie bei einem Bahnunfall nahe Minderslachen im Sommer 2022.

Hilfe für Augenzeugen

„Wir versuchen, die Zeit so gut es geht zu nutzen“, sagt Walter. Dabei erkennen die erfahrenen Helfer oft schon, wer danach eventuell einen Beratungsbedarf haben könnte. „Wer so etwas vielleicht schon einmal erlebt hat, wer etwas gesehen hat“, umschreibt Walter. Besonders schlimm ist es bei einem Suizid direkt am Bahnsteig, wie Anfang des Jahres in Maximiliansau. Dann gibt es viele Augenzeugen. „Wir versuchen direkt Angebote zu machen“, sagt Walter, alle bekommen auch die Kontaktdaten des Teams weitergegeben.

„Erst hat man das Adrenalin, dann nimmt man die Bilder mit“, sagt Walter. Auch nach einem solchen Ereignis könne man jederzeit bei Polizei oder Rettungsleitstelle anrufen. Betroffene sollte sich in jedem Fall Hilfe suchen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jeder eine komplette Therapie benötigt. „Nicht jeder Mensch, der so ein Ereignis erlebt, ist traumatisiert“, betont Walter. „Es ist normal, dass das Gehirn des Erlebte erst sortieren muss. Es ist normal, dass das belastet, doch bei den meisten regelt es sich nach ein paar Tagen“. Manchen Menschen hilft es, darüber zu reden. „Wir ordnen die Bilder dann ein.“ Denn diese Bilder können immer wieder hochkommen – wenn man sich hinlegt, wenn man nachts nicht schlafen kann. „Eine normale Reaktion von normalen Menschen auf ein unnormales Ereignis.“ Eine psychische Erste Hilfe „hilft in über 90 Prozent der Fälle“, sagt Walter.

Aufklärung ist wichtig, um Suizide zu vermeiden

Über Suizide wird in der RHEINPFALZ, wie in anderen Medien, gemäß dem Pressekodex nur in Ausnahmefällen berichtet. Ein Grund dafür ist, dass man den sogenannten Werther-Effekt, also einen möglichen Nachahmereffekt, vermeiden möchte. Der erfahrene DRK-Mann sieht diesen Effekt nicht. Stattdessen wünscht er sich eine Berichterstattung – nicht sensationsheischend, sondern als Prävention. „Fast alle Menschen, die Suizid begehen, haben eine Vorgeschichte“, sagt er. „Aufklärungsarbeit ist wichtig.“

Dabei räumt er gleich mit einem Vorurteil auf: „Der Spruch ,Wer darüber redet, tut es nicht’ - das ist fatal“, sagt Walter aus Erfahrung. Vielmehr gelte: „Erst reden sie, dann schweigen sie, dann tun sie es.“ Je früher man als Angehöriger das Thema ernst nehme und Hilfe hole, desto höher sei die Chance auf Genesung. „Man muss die Menschen so früh wie möglich erreichen. Da sehe ich das ganze Umfeld in der Verantwortung.“

Keine Angst vor ernsten Gesprächen

Doch wie spricht man so ein sensibles Thema an? „Man kann sagen: Ich sehe, du hast dich verändert. Ich habe wahrgenommen, du hast dich zurückgezogen. “ Dann: „Hast du dir Gedanken gemacht, dass du ...“ Und sollte hier die Antwort lauten: Ja, ich habe schon über Suizid nachgedacht, müsse man darüber sprechen, wie weit diese Gedanken schon sind. „Lass’ uns gemeinsam schauen, wo du Hilfe bekommst. Dann eine klare Verabredung treffen: Wir gehen gemeinsam zum Arzt.“ Dabei haben viele Angehörige die Sorge, allein durch die Nachfrage jemanden auf den Gedanken zum Suizid zu bringen. „Ich gebe mit der Frage niemanden einen Gedanken, der vorher nicht da war“, versichert Walter. „Die meisten Menschen sind froh, dass jemand ihre Not wahrnimmt. “

Das Team der Krisenintervention des DRK umfasst 18 ausgebildete Ehrenamtler. 2022 hatte das Team der sogenannten Psychosozialen Notfallversorgung 145 Einsätze, „98 Prozent konnten wir abarbeiten“, sagt Walter. Dabei reicht das Einsatzgebiet von der Südpfalz bis in den Rhein-Pfalz-Kreis.

Für das gesamte Jahr 2022 hatte die Bundespolizei im Bereich Neustadt/Kaiserslautern/Bienwald insgesamt sechs Bahnsuizide verzeichnet: Im März auf den Strecken Bobenheim-Frankenthal und im Bereich Germersheim, im Mai auf den Strecken von Insheim und Hassloch nach Neustadt, im Dezember bei Rülzheim und Winden. In den ersten Monaten 2023 waren es schon allein vier Fälle, auf der Strecke Homburg-Landstuhl, bei Maximiliansau, zwischen Germersheim und Wörth sowie zwischen Neustadt und Hassloch. Die Sprecherin der Bundespolizei weist darauf hin, dass nur die Bahnunfälle erfasst werden, die sofort tödlich waren. Etwaige Unfälle, bei denen ein Mensch später an den Verletzungen stirbt, sind nicht erfasst.

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