Lingenfeld
Bahnstrecke nach Landau: Was Reaktivierung bedeuten würde
In einem Schreiben an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hat der Germersheimer Landrat Fritz Brechtel (CDU) jüngst gemeinsam mit Kollegen aus benachbarten Kreisen und Städten die schnelle Reaktivierung der Schienenstrecke Landau-Germersheim gefordert. Die Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Untersuchung hätten längst gezeigt, wie positiv sich die Wiederinbetriebnahme der Regionalverbindung auswirken würde. Außerdem bräuchten Bahnfahrer Ausweichmöglichkeiten, wenn 2029 die Bahnstrecke von Mannheim über Neustadt und Kaiserslautern nach Saarbrücken wegen Sanierungsarbeiten für rund sechs Monate gesperrt wird.
Wenn die alte Bahnstrecke tatsächlich wieder in Betrieb genommen werden sollte, so würden die Züge mitten durch Lingenfeld rollen, denn die Trasse zweigt nördlich der Berliner Straße von der bestehenden Schienenverbindung ab, quert dann die Germersheimer Straße und verläuft schließlich parallel zur Straße Lauxengarten bis zum Ortsausgang. Nördlich und südlich der Trasse stehen Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe. Ob es tatsächlich zu einer Reaktivierung der Strecke kommt, ist allerdings noch völlig offen und wird gegebenenfalls noch Jahre dauern.
Beschwerde über Lärm
Erst vor wenigen Tagen hat die Bahn sogar die Gleise, die über die Germersheimer Straße führten, entfernt. „Die Deutsche Bahn erhielt Anwohnerbeschwerden, dass ein Überfahren des Bahnübergangs zu lauten Geräuschen führen würde. Um hier kurzfristig eine Verbesserung zu erzielen, werden die Schienen ausgebaut und eine durchgehende Straßendecke hergestellt“, teilt das Unternehmen auf Anfrage dazu mit.
Allerdings bedeutet das nicht, dass eine Reaktivierung ausgeschlossen ist – zumal die Strecke nach wie vor für den Bahnverkehr gewidmet ist: „Auf die angedachte Reaktivierung hat das keinen Einfluss“, schreibt die Bahn zu der aktuellen Entfernung der Gleise. „Längere Nichtnutzung/Streckenzustand würden eine Gleiserneuerung erforderlich machen, bei der dann der Bahnübergang wieder hergestellt werden würde.“
Und wie beurteilen die politisch Verantwortlichen vor Ort die Pläne: „Allgemein sehen wir eine Verlagerung des Individualverkehrs von der Straße auf die Schiene durch Vermeidung von Emissionen aber auch durch die Reduzierung des Verkehrsaufkommens als klimafreundlicher an“, teilt die Verbandsgemeinde Lingenfeld mit Bürgermeister Frank Leibeck (SPD) an der Spitze auf Anfrage mit.
Ob die Maßnahme in den nächsten Jahren umgesetzt werden könne, werde sich im Planungsprozess zeigen. Planungsprozesse und -dauer für solche Infrastrukturprojekte seien in der heutigen Zeit sehr komplex und langwierig. Die Verbandsgemeinde geht von „mindestens fünf bis zehn Jahren“ alleine für die Planung aus.
„Mammutaufgabe für die Kommunen“
Als Herausforderung sieht die Verbandsgemeinde Lingenfeld folgende Punkte: Bahnübergänge müssten aktiviert und sicher gestaltet sowie „attraktive Bahnzusteige“ auf der gesamten Strecke geschaffen und auch behindertengerecht ausgebaut werden. Für Bahnreisende müssten Parkplätze in ausreichender Anzahl und Nähe zum Bahnsteig geschaffen werden. „Dies ist eine Mammutaufgabe für die Kommunen. Wer zahlt da in Zeiten knapper Gemeindekassen?“, fragen die Verantwortlichen im Rathaus. Außerdem würden eine Mehrgleisigkeit beziehungsweise Ausweichstrecken benötigt. „Diese sind noch nicht vorhanden und müssen zusätzlich geplant werden.“
Eine Elektrifizierung der Strecke sei sehr aufwendig und teuer, aber „sicherlich sinnvoll und notwendig“. Für die Lingenfelder könne ein beschrankter Bahnübergang in der Germersheimer Straße zu hohen Stoßbelastungen und damit verbundenen Emissionen und Lärm führen. „Hier braucht es gute Lösungen“, fordert die Verbandsgemeinde. Ihr Fazit: „Wenn wir die Mobilitätswende ernst nehmen, dann braucht es in unserer Gesellschaft ein Umdenken in unserer Individualmobilität. ÖPNV kann hier ein Puzzleteil sein, es sollten aber auch andere Möglichkeiten der zukünftigen Mobilität gerade in ländlichen Gebieten geprüft und ausgebaut werden.“
Klage wäre zu teuer
Zurückhaltender äußert sich Lingenfelds Ortsbürgermeister und Landtagsabgeordneter Markus Kropfreiter (SPD) zu Reaktivierungsplänen für die Bahnstrecke. „Die Sache steht noch ganz am Anfang“, sagt der Ortschef, den auch schon Lingenfelder deswegen angesprochen haben. Klar ist für ihn: „Ich habe bei dem Thema immer meine Bürger im Blick. Einige wären extrem davon betroffen.“ Die alte Trasse sei „massiv nah“ an Wohngebieten dran. Allerdings sieht er wenig Möglichkeiten, eine Reaktivierung zu verhindern, wenn dies politisch gewollt wird. Eine Klage der Gemeinde dagegen käme wohl schon aus finanziellen Gründen nicht in Frage.