Kandel
Bahnstrecke bald wieder frei
Nur noch wenig erinnert an den schweren Unfall, der sich am 21. Juli auf dem unbeschrankten Bahnübergang zwischen dem Ortsteil Kandel-Höfen und Kandel ereignet hat. Ein paar weiße Striche auf dem Asphalt und eine demolierte Leitplanke – ansonsten sieht alles schon ziemlich neu aus. Bis voraussichtlich 20. August sollte die Bahnstrecke zwischen Kandel und Winden gesperrt sein, hatte die Deutsche Bahn kurz nach dem Unfall mitgeteilt. „Material und Spezialkräfte sind wie geplant verfügbar. Daher ist gegebenenfalls auch ein früherer Abschluss der Arbeiten möglich“, hieß es in der vergangenen Woche. Auf ihrer Serviceseite informiert die Bahn ihre Kunden mittlerweile, dass die Strecke voraussichtlich bis 9. August gesperrt sein werde.
Ein 22-Jähriger war mit seinem Kleintransporter mit einem Nahverkehrszug, der in Richtung Kandel unterwegs war, zusammengestoßen. Wobei der Wagen nicht vom Zug erfasst wurde, sondern vielmehr in einen Anhänger krachte. Der Autofahrer wurden lebensgefährlich verletzt, auch sechs der 132 Zuginsassen mussten im Krankenhaus behandelt werden. „Der Kleintransporter muss auch ein ganz schönes Tempo drauf gehabt haben, denn so leicht bringt man einen Zug nicht zum Entgleisen“, sagt einer der Arbeiter, die bereits vier Tage nach dem Unglück mit den Reparaturen begannen.
770 Schwellen müssen ausgetauscht werden
Zu tun gibt es reichlich. Denn der Zug kam erst rund 500 Meter nach dem Bahnübergang endgültig zum Stehen. 770 Schwellen müssen ausgetauscht werden. Obwohl diese auf den ersten Blick noch völlig intakt aussehen. Erst nach einem Hinweis des Fachmannes erkennt auch der Laie, dass die Schwelleschrauben verbogen sind. Außerdem werden auf einer Länge von rund 1000 Metern die alten Schienen ausgebaut und durch neue ersetzt. Etwa zehn Mitarbeiter, zwei Bagger und jede Menge Spezialgerät sind im Einsatz. „Wir gehen derzeit von über 400.000 Euro an Reparaturkosten aus“, informiert eine Bahnsprecherin.
Grund für die hohen Kosten ist auch, dass der ebenfalls in Mitleidenschaft gezogene Bahnübergang aus- und wieder eingebaut werden muss. Die Signalanlage am Bahnübergang hat übrigens einwandfrei funktioniert. Das haben Experten bestätigt, wie die Bahn weiter mitteilt. Das Rotlicht muss der 22-Jährige demnach auch übersehen haben.
460 Bahnübergänge sind technisch nicht gesichert
In Rheinland-Pfalz gibt es insgesamt 1063 Bahnübergänge. Laut Deutscher Bahn sind 603 davon technisch gesichert: 434 mit Voll- oder Halbschranken mit und ohne Lichtzeichen, 78 mit Blinklicht oder Lichtzeichen und 91 mit sonstiger Technik, beispielsweise wärterbedient oder mit Anrufschranken versehen. 460 Bahnübergänge sind nicht technisch gesichert. „Diese Bahnübergänge kommen fast ausschließlich an verkehrsärmeren Strecken vor. Der Straßenverkehrsteilnehmer muss sich hier vor Überqueren am Andreaskreuz Übersicht auf die Bahnstrecke verschaffen und auch auf hörbare Signale der Eisenbahnfahrzeuge achten“, betont die Bahnsprecherin.
Generell hängt die Sicherung eines Bahnübergangs insbesondere von der Art der Bahnstrecke (Hauptbahn/Nebenbahn), der Geschwindigkeit des Zuges sowie der Verkehrsstärke auf der kreuzenden Straße ab. Unbeschrankte Bahnübergänge sind bei Strecken, auf denen Züge schneller als 160 Stundenkilometer fahren, nicht erlaubt. An Hauptbahnen ist eine technische Sicherung grundsätzlich für alle Bahnübergänge vorgesehen.
„Jeder Unfall ist einer zu viel“
Seit 1950 konnte die Zahl der Kreuzungen von Schiene und Straße mehr als halbiert werden. Mitte der 1990-Jahre gab es laut Bahn noch 28.000 Bahnübergänge, über 50 Prozent davon ohne technische Sicherung. Ende 2020 waren es noch 16.098 Anlagen.
Unfälle wie in Kandel sind äußerst selten. Die kontinuierliche Beseitigung von Bahnübergängen, Aufklärung, aber auch eine zunehmende technische Sicherung wirkten sich positiv aus. „2020 ereigneten sich 114 Unfälle an den Bahnübergängen der DB, 7 davon in Rheinland-Pfalz. 1995 waren es bundesweit noch 603“, teilt die Bahn auf Anfrage mit. Klar sei: „Jeder Unfall ist einer zu viel.“ Es werde alles getan, um Kollisionen an Bahnübergängen weiter zu reduzieren. „Wie im Straßenverkehr, gelten auch an Bahnübergängen klare Regeln: Rot heißt Stopp, ebenso wie geschlossene Voll- oder Halbschranken. Die Praxis sieht jedoch leider oft anders aus: Die Bedeutung des Andreaskreuzes und der Sicherungsanlagen sind vielen Verkehrsteilnehmern nicht oder nicht richtig bekannt. Zudem verleiten Leichtsinn und Ungeduld zu riskanten Aktionen“, informiert die Bahn.