Kreis Germersheim Bürokratie bremst Gastronomie

. Die Neupotzer Gastwirte treffen sich gerne, tauschen Erfahrungen aus oder besprechen Probleme. Eines, das die Gastronomie derzeit stark belastet, ist die Dokumentationspflicht aufgrund des neuen Mindestlohngesetzes, das am 1. Januar in Kraft getreten ist. Die Wirte befürchten, dass die damit verbundenen Dokumentationspflichten ihnen die Flexibilität nehmen, was ihre Öffnungszeiten angeht. Das Gesetz legt eine maximale Arbeitszeit von täglich 10 Stunden fest. Bei Betriebs- oder Familienfeiern beispielsweise kämen die Mitarbeiter aber schnell einmal auf 12 Stunden Arbeitszeit. Vorher seien diese Überstunden mit Freizeit oder zusätzlichem Entgelt vergütet worden. Das sei jetzt nicht mehr möglich. Daniela Gehrlein-Bauer vom „Karpfen“ in Neupotz beklagt nicht die Höhe des Stundenlohns, sondern die Flexibilität bei der Ableistung der Stunden, die nicht mehr vorhanden ist. „Ich kann nicht meine Gäste um 21 Uhr nach Hause schicken, weil meine Bedienung ihre Stundenzahl erreicht hat“, sagt sie. Durch die Planung, die nun notwendig ist, verbringt sie ein Drittel ihrer Arbeitszeit im Büro. „Da hätte ich mir gleich einen Bürojob suchen können“, meint sie etwas sarkastisch. Der Verwaltungsaufwand sei enorm hoch. Anstatt zu kochen, sitze man jetzt immer häufiger am Schreibtisch, um den Papierkrieg zu erledigen. Gastronomiebetriebe haben in der Regel keine Bürokraft, die diesen Job mit übernehmen könnte. Das Gastgewerbe, das ohnehin mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, habe nun eine weitere Hürde zu bewältigen, heißt es beim Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Viele Gastwirte überlegten nun, ob sie ihre Öffnungszeiten kürzen oder sogar ganze Tage schließen. Durch notwendiges zusätzliches Personal sei darüber hinaus mit Preissteigerungen zu rechnen. Dies sieht Arno Wilken vom Neupotzer „Anglerheim“ genauso. Auch für ihn ist der Lohn selbst nicht das Problem. Auch die Büroarbeit sei zu bewältigen. Schließlich seien die Gastwirte keine Analphabeten, wie schon abschätzig bemerkt worden sei. Er sagt dazu: „Im Gastgewerbe gibt es Tage mit weniger und Tage mit mehr Arbeit und dies zu dokumentieren, fällt schwer“. Wenn das Wetter schlecht ist, brauche er eben weniger Personal und dies gleiche sich dann bei schönem Wetter wieder aus. Da würde er schon mehr Flexibilität bei der Dokumentation erwarten. Der Kreisvorsitzende des Dehoga Kreisverbandes Kandel, Manfred Kreger vom „Lamm“ in Neupotz, sagt, dass der Kreisverband große Bedenken bezüglich des Fortbestandes einiger gastronomischer Betriebe habe. An vorderster Stelle seien die neue Pflicht zur Aufzeichnung und Dokumentierung der täglichen Arbeitszeit sowie die Vorbereitung auf die Überprüfungen durch den Zoll als problematisch zu nennen. „Was hier vorgegeben wird, ist von vielen nicht zu bewältigen, weil es erschwert wird, Personal in Stoßzeiten kurzfristig einzusetzen, was vorher immer möglich war“, sagt Kreger. Die neue Regelung sei kontraproduktiv für das Gastgewerbe. Ähnliche Kritik am Bürokratiewust, der mit dem Mindestlohn zusammenhängt, übte bereits die Schreinerinnung Germersheim (wir berichteten). Der Dehoga-Bundesverband Berlin sieht den Mindestlohn als gigantisches, arbeitsmarktpolitisches Experiment, wie Geschäftsführerin Sandra Warden mitteilt. Der Personalkostenanteil liege mit 25 bis 40 Prozent besonders hoch. Gerechnet auf den gleichen Umsatz, würden in der Gastronomie sechsmal so viele Arbeitnehmer beschäftigt wie zum Beispiel im Lebensmitteleinzelhandel. Gastronomie und Hotellerie hätten sich in den letzten Jahren als wahrer Jobmotor erwiesen. Es bleibe zu hoffen, so die Geschäftsführerin, dass der gesetzliche Mindestlohn diese positive Entwicklung nicht gefährdet und nicht Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet werden. (hci)