Rülzheim
Azubis stellen Azubis für „ihr“ Unternehmen ein
Gab es im Zuständigkeitsgebiet der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südpfalz 2013 noch rund 5150 eingetragene Ausbildungsverhältnisse, so waren es im vergangenen Jahr rund 1000 weniger, ein Verlust von knapp 20 Prozent. Das sagte IHK-Regionalleiter Thorsten Tschirner am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Rülzheim. Er ist zuständig für die 20.000 Mitgliedsbetriebe in den Städten und Kreisen Landau, Germersheim, Südliche Weinstraße, Neustadt und Bad Dürkheim von denen 522 ausbildeten. Als Gründe für den Rückgang nennt er die Demografie, sprich, es gibt weniger junge Leute, den Trend zu akademischen Ausbildungswegen und Corona, als es schulische Probleme gab, Berufsorientierung verloren ging und wegen der Kontaktbeschränkungen keine Praktikumsplätze angeboten wurden. Letzteres habe zu Verzögerungen auf dem Weg ins Berufsleben geführt, zumal einige sicherheitshalber ihre Schullaufbahn verlängerten oder sich nach der Schule eine Auszeit gönnten, zum Beispiel für einen längeren Auslandsaufenthalt.
Doch nun gebe es einen Aufwärtstrend: „Es gibt wieder mehr Azubis als zu Corona-Zeiten, aber immer noch zu wenig“, sagt Tschirner. In den Bezirken Ludwigshafen, Landau und Kaiserslautern-Pirmasens habe es im Jahr 2021 4050 neue Ausbildungsverträge gegeben (davon 1090 im Bezirk Landau), im Jahr 2022 3447 (940) und in diesem Jahr (bis 31. August) 3840 (1055). Im Regionalausbildungsmarkt Landau wurden laut Tschirner zwischen Anfang Oktober 2022 und Ende August 2023 rund 2400 Ausbildungsstellen gemeldet, von denen knapp 800 unbesetzt geblieben sind. Und von den rund 2400 gemeldeten Bewerbern hätten 540 nicht vermittelt werden können.
Vielfalt der Berufswelt oft unbekannt
Tschirners Fazit: Die Hälfte der Unternehmen findet keine geeigneten Azubis – trotz großer Anstrengungen!“ Wobei nach seiner Aussage die meisten Betriebe in der Südpfalz ihre Ausbildungsplätze besetzen konnten. Ein Problem ist in vielen Fällen, dass die jungen Leute gar nicht um die Vielfalt der unterschiedlichen Berufsfelder wüssten, die ihnen offenstehen. Das Gros beiderlei Geschlechts konzentriere sich in erster Linie auf die kaufmännischen Berufe, Verwaltungsjobs, Kfz-Mechatroniker, Elektroniker und Mechaniker. Deshalb besuche die IHK regelmäßig Schulen und Ausbildungsmessen, um zu informieren. Angesichts dieser Situation sei von den Arbeitgebern Kreativität gefragt, wenn sie erfolgreich junge Leute finden und an sich binden wollen.
Wie das gehen kann, zeigte MTS Marken Technik Service mit Sitz in Rülzheim, wo die Pressekonferenz stattfand. Das Unternehmen hat vor vier, fünf Jahren einen neuen Weg sowohl bei der Azubi-Suche als auch bei der Ausbildung eingeschlagen. Die Schlagworte lauten: „Azubis werben Azubis“ und „Verantwortung übertragen“. So wunderte es wenig, als der stellvertretende Personalchef von MTS, Markus Rohrbacher, nach wenigen einleitenden Sätzen das Wort an zwei Azubis übergab, die das neue System vorstellten, das sie selbst durchlaufen haben: Laura Traxel, im dritten Ausbildungsjahr zur Groß- und Außenhandelskauffrau, und Thomas Meyer, ebenfalls im dritten Ausbildungsjahr zum Kaufmann für E-Commerce.
Bei der Azubi-Suche beschreitet MTS neben den klassischen Wegen wie Arbeitsamt, Ausbildungsmessen, Schulbesuche und Prospekte auch neue Wege, berichtet Traxel. Dazu zählt das Projekt „Azubis werben Azubis“, in das die MTS-Azubis ab dem zweiten Lehrjahr eingebunden sind. Hinzu komme Werbung in sozialen Medien wie „Instagram“ und „LinkedIn“; „TikTok“ werde derzeit auch ins Auge gefasst. Dabei seien die Azubis ebenso eingebunden wie in den kompletten Einstellungsprozess bis hin zum Ausbildungsbeginn. So würden gemeinsam mit den Personalern die Bewerbungen gesichtet und überlegt, wer ins Team passen könnte. Auch die Entscheidung, wer letztlich eingestellt wird, werde gemeinsam gefällt.
Die Erfahrungen seien sehr gut. Die Fehlerquote von Management und Azubis ist in etwa gleich, sagte Rohrbacher. Er verwies darauf, dass lediglich bei zweifelhaften Fällen auf beiden Seiten eine verstärkte Absprache erfolge. Die Übernahmequote liege bei 90 Prozent. Manche setzten auf ihre Ausbildung noch ein Studium. Seines Wissens sei MTS das einzige Unternehmen in der Region, das bei Einstellungen so verfährt.
Azubis entscheiden bei Einstellungen mit
Laut Traxel sind die Azubis sowohl bei den Assessment-Centern, den Gruppen-Bewerbersichtungen dabei, als auch bei den Gesprächen mit denen, die zu einem weiteren Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Auch hier dürften die Azubis mitentscheiden. Der Vorteil daran ist, hier erinnert sie an eigene Erfahrungen an diesem Vorgehen, dass man sich „in lockerer Atmosphäre“ und „auf Augenhöhe“ begegnet, die Aufregung nicht so groß sei, wie bei den Gesprächen mit den Personalern. Zudem besuchten die Azubis auch Schulen und Ausbildungsmessen, um für ihren Ausbildungsbetrieb zu werben, der nicht nur die klassische Ausbildung, sondern auch duale Studiengänge anbiete; insgesamt gebe es neun Ausbildungsangebote. Ein Patenprogramm, in dem ältere Mitarbeiter jüngere betreuen, gebe es auch. Zum besseren Kennenlernen gebe es regelmäßige Treffen für Bewerber und Azubis sowie einen Tag im Jahr, an dem Angehörige die Ausbildungsstätte besichtigen und sich ein Bild machen könnten. Darüber hinaus gebe es das Programm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“, das im Erfolgsfall eine Prämie vorsehe.
Laut Meyer haben es kleinere und mittelständische Betriebe auf dem Ausbildungsmarkt oft schwer, sich gegenüber namhaften Großbetrieben zu behaupten, obwohl sie gute Angebote hätten.
MTS-Steckbrief
Die MTS Marken Technik Service GmbH & Co. KG hat ihren Sitz in Rülzheim. Unter dem Dach der Gruppe mit rund 600 Mitarbeitern, davon 35 Azubis, befinden sich die Marken Nigrin (Autopflegemittel), Fischer (Elektro-Fahrräder und Zubehör), Cartrend ( Auto- und Werkstattzubehör) und Unitec Electronic Innovation (Elektroinstallationsmaterial und Arbeitsbekleidung). Das Unternehmen hat Standorte/Partner in Deutschland, der Schweiz, in Polen und Hongkong und beliefert 15 Länder. Von den 2022 erzielten 450 Millionen Euro Umsatz wurde ein Viertel mit dem Auslandsgeschäft erwirtschaftet. 70 Prozent des Geschäfts mit über 20.000 Artikeln wird über den klassischen Vertrieb (Märkte und Fachhandel) abgewickelt und 30 Prozent online, informierte MTS-Azubi Thomas Meyer.