KANDEL
Ausnahmezustand ab dem ersten Tag
Seit Anfang Oktober hat die Musikschule Kandel eine neue künstlerische Leitung. Inmitten von Corona hat die Geigerin Margarete Mildner einen nicht ganz einfachen Start hinlegen müssen. Geglückt ist er aber, dank guter Ideen, allemal.
Es war nicht die beste Zeit, um den neuen Job anzutreten. Wegen Corona lernte Margarete Mildner viele Kolleginnen, Schüler, Eltern und die dazugehörigen Gesichter lediglich unter Masken kennen. Instrumentalunterricht war nur unter Auflagen möglich, Gruppenunterricht durfte gar nicht stattfinden. Bedingt durch die Pandemie lief kaum etwas normal, so dass Margarete Mildner als neue Leiterin der Musikschule Kandel von ihrem ersten Arbeitstag an mit dem Ausnahmezustand konfrontiert war. Viele Kurse mussten schließen.
Sorgenvoller Blick ins Kassenbuch
„Das macht sich jetzt auch durch fehlende Einnahmen bemerkbar“, sagt Mildner mit sorgenvollem Blick ins Kassenbuch. Dass die Zahlen einer Musikschule stimmen müssen, weiß sie aus Erfahrung. Schließlich leitete sie zehn Jahre lang im norddeutschen Cloppenburg eine private Musikschule, die sie mit ihrem Mann, ebenfalls Musiker, gegründet und aufgebaut hatte. Dass sie einmal eine staatliche, sprich kommunale Musikschule leiten würde, war nicht zuletzt ein großer Wunsch von ihr. Margarete Mildner ist eine richtige Künstlerinnentype. Musik ist ihr Leben. Privates und Berufliches gehen bei ihr, umgeben von Musik, Hand in Hand.
Aufgewachsen im niedersächsischen Vechta entschied sie sich fürs Musikstudium an der Folkwang Universität der Künste und der Mannheimer Musikhochschule, wo sie Geige studierte und 2006 mit Diplom abschloss. Die Welt stand ihr offen, was sie, gemeinsam mit ihrem Mann, mit dem sie viel im Kammermusikensemble spielte, voll auskostete. Eine Konzertreise führte sie nach Chile, wo sie unter anderem am Aufbau einer Musikschule mitwirkten und Kinder unterrichteten. „Das war eine unglaubliche Erfahrung, deren leuchtende Augen zu sehen, wenn man ihnen etwas auf der Violine gezeigt hat“, erinnert sich Margarete Mildner.
Zehn Jahre voller Einsatz für eigene Musikschule
Beflügelt davon, beschloss das Paar, zuhause in Norddeutschland 2008 eine eigene Musikschule aufzubauen. Das lief sehr gut, forderte allerdings als selbstständiges Unternehmen vollen Einsatz, auch abends und am Wochenende. „Es war großartig, aber nach zehn Jahren war es genug“, sagt Margarete Mildner. Tatsächlich arbeiten in Deutschland viele freiberufliche Musikpädagogen unter extrem angespannten, teilweise auch prekären Verhältnissen.
Bei Mildners waren inzwischen zwei Töchter geboren und ihnen wollte man etwas anderes bieten als den anstrengenden Alltag mit ständig erschöpften Eltern. Es kam zu einem harten Wechsel: Zu viert ging es auf Weltreise nach Südostasien, wo Margarete Mildner – die Geige immer im Gepäck – tolle Begegnungen erlebte. Jedoch – alles hat ein Ende, auch jede Weltreise. Zurückgekehrt stand man vor der Frage, was nun? Zu allem Unglück trennte sich Mildners Mann von ihr und den Kindern. Deshalb begann sie, Initiativbewerbungen loszuschicken, versuchte es auch in Kandel, weil dort eine gute Freundin von ihr lebt. Dass sie prompt genommen wurde, hat sie enorm gefreut, sie packte ihre Koffer und zog in die Südpfalz.
Über 800 Schülerinnen und Schüler werden an der Musikschule Kandel von mehr als 60 Lehrkräften unterrichtet, zumeist in Schulgebäuden der insgesamt zehn teilnehmenden Gemeinden. Ihre ersten Wochen hat Margarete Mildner genutzt, um Online-Auftritte der Musikschule einzurichten. Es gibt jetzt einen Youtube-Kanal und im Dezember war ein musikalischer Internet-Adventskalender geschaltet. Insofern war ihr Start doch noch gut geglückt. In Kandel fühlt sie sich wohl, und die beiden Töchter, 9 und 11 Jahre alt, auch.
Offiziell gilt der Unterrichtsstopp nun bis 15. Januar. Wie es danach weitergeht, weiß niemand. Die Arbeit von Chor und anderen Ensembles der Musikschule ruht wegen Corona seit letztem Frühjahr. „Nach Corona muss man da wahrscheinlich noch mal ganz neu anfangen“, sagt die frisch gebackene Leiterin. So ein Start im neuen Job kann sich in Coronazeiten lange hinziehen.