Mein Kriegsende RHEINPFALZ Plus Artikel Aufgewachsen als einer der „Bastarde der Nation“

Eleanore wuchs bei den Großeltern auf.
Eleanore wuchs bei den Großeltern auf.

Ihre Mutter begegnete im Mai 1945 einem in ihrem Heimatdorf stationierten französischen Soldaten. Und sie ist das Kind, das daraus hervorging. Die wirklichen Begebenheiten kennt die 74-jährige Eleonore aber bis heute nicht.

Irgendwann, nachdem die 7. US-Armee und französische Truppen die Südpfalz befreit hatten, muss es passiert sein. „Ich bin im Februar 1946 im Krankenhaus in Landau zur Welt gekommen“, sagt Eleonore: „Da kann ich mir meine Zeugung neun Monate zurück ausrechnen.“ Die eigentliche Besatzungszone gab es da noch nicht. Die erhielt Frankreich formell erst sechs Wochen nach Kapitulation der Wehrmacht, im Juni 1945. Davor ordnete die französische Militärverwaltung nach und nach das öffentliche Leben. Ihre Soldaten hatten striktes Verbot, sich mit deutschen Frauen „einzulassen“. Wobei: Nur kurze Zeit zuvor, vor dem 8. Mai, herrschte gewaltsames Chaos und französische Offiziere ließen ihre Truppen teilweise gewähren, wenn die Soldaten plünderten und vergewaltigten. Eines der Opfer war Eleonores Mutter.

Mutter weint und schweigt

Die damals 21-Jährige war gelernte Bankangestellte und arbeitete bis Kriegsausbruch in Kandel bei der Sparkasse. Was ihrer Mutter genau widerfuhr, ist Eleonore unbekannt: „Vielleicht war es auch eine einvernehmliche, so genannte sanfte Vergewaltigung, als Gegenleistung für irgendwas. Die deutschen Frauen hatten ja auch alle Hunger.“ Das jedenfalls war das Einzige, das Eleonores Mutter – bereits dement und im hohen Alter kurz vor ihrem Tod – einmal angedeutet hatte. Ansonsten schwieg sie beharrlich darüber und verriet nie etwas über den Vater. „Wenn ich danach gefragt habe, hat sie geweint und dann erst recht geschwiegen“, erzählt Eleonore. Mit dem Kriegsende begann ihr Leben, aber auch das psychische Leid der Familie, das noch heute nachwirkt.

Bei Großmutter aufgewachsen

Die Mutter vertraute das Kind ihrer Mutter an. So wuchs Eleonore bei ihrer Großmutter in ihrem Südpfälzer Heimatdorf auf. Aber die Oma hüllt sich in Schweigen, was Eleonores Herkunft betrifft. Über die vermeintliche Schande, dass ihre Enkelin ein „Besatzungskind“ ist, spricht sie nicht. Auf dem Dorf, wo viel getratscht wird, ist das eine häufige Reaktion. Auch in der Schule bekommt Eleonore die soziale Kälte von Lehrern und Mitschülern zu spüren. „Wir Besatzungskinder waren die Bastarde der Nation“, sagt sie: „So lief das immer, mein ganzes Leben lang.“

Stiefvater wird Vormund

Nur ab und an sieht Eleonore ihre in Landau lebende Mutter, die schließlich heiratet, und zwar einen Franzosen. Der Stiefvater wird Eleonores Vormund. Er veranlasst, dass Eleonore mit 10 Jahren ohne Vorwarnung ihr Heimatdorf verlassen muss, um im elsässischen Haguenau auf ein Internat zu gehen. Dort ist sie für viele eine von den verhassten Deutschen. Sie muss binnen kürzester Zeit Französisch lernen. Nach drei Jahren geht es nach Baden-Baden aufs französische Gymnasium, dann in die Nähe von Mâcon, dann wieder in die Pfalz.

Unstet, unruhig, ohne verlässliche Bindung verläuft ihr Leben. Eleonore heiratet, wird selbst Mutter. Doch die Ehe geht in die Brüche und sie kämpft sich als Alleinerziehende durch, macht eine Ausbildung als Fremdsprachenassistentin und arbeitet fortan, mit Wohnsitz in Karlsruhe, fleißig und erfolgreich in einer Unternehmensgeschäftsleitung. Aber urplötzlich, als sie vor knapp zehn Jahren in Rente ging, war das Kriegsende wieder da!

Das unbestimmte Gefühl, nicht geliebt zu sein, meldete sich zurück. Eleonore machte später eine tiefenpsychologische Therapie. Vermutlich wurde sie von Unrast und Schlaflosigkeit heimgesucht, als die Frage nach ihrem leiblichen Vater immer drängender wurde. Auf Anraten des ehemaligen Landauer Stadtarchivars machte sich Eleonore schließlich an die Recherche. Was sie persönlich bis dato nicht wusste: Frankreich hat über die von seinen Soldaten in Deutschland gezeugten Kinder Statistik geführt.

Massenvergewaltigungen und „illegale“ Beziehungen

Eleonore war keineswegs ein Einzelfall. Es gab Massenvergewaltigungen und viele „illegale“ Beziehungen. Aus einem Archiv in Colmar erhielt Eleonore eine Kopie von Unterlagen. „Darin ist meine Existenz dokumentiert und von meiner Mutter unterschrieben, dass meine Großmutter sich um mich kümmert“, berichtet sie. Auch der Name ihres französischen Vaters, Robert Montet, war dort eingetragen. Wohnort nahe Paris, genaue Adresse unbekannt. Der französische Verein „Cœurs sans Frontières – Herzen ohne Grenzen“, der sich 2005 als Interessensgemeinschaft deutsch-französischer Kriegskinder gegründet hatte, riet ihr, an das Verteidigungsministerium in Paris eine Anfrage zu starten. Von dort kam aber nur die enttäuschende und widersprüchliche Antwort, dass ein Robert Montet nicht existiere. „Dort ist alles unter Verschluss. Die geben Unterlagen und Details bis heute nicht raus“, sagt Eleonore. So bleibt für Eleonore das Kriegsende ein blinder Fleck.

In Zusammenhang mit ihrer Geschichte als Besatzungskind möchte Eleonore nicht mit vollem Namen genannt werden. Sie will auch kein aktuelles Foto von sich öffentlich machen. „Die mich von früher kennen, würden mich ja auslachen“, sagt Eleonore. Würden Sie wirklich?

Eleonores Mutter arbeitete zeitweise als Telefonistin bei französischen Streitkräften im heutigen Rathaus in Landau.
Eleonores Mutter arbeitete zeitweise als Telefonistin bei französischen Streitkräften im heutigen Rathaus in Landau.
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