Kreis Germersheim Arme Leute auf Leseholz angewiesen

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Wörth/Hagenbach. Noch bis in die 1950er Jahre spielte Brennholz zum Heizen und Kochen bei der Bevölkerung der Bienwaldregion eine zentrale Rolle. Auf der Grundlage von jahrhundertealten Forstberechtigungen durfte Raff- und Leseholz, im Wesentlichen totes am Boden liegendes Holz und vom Wind abgeschlagene Äste, welche ohne Verwendung von Axt und Säge für den Eigenverbrauch unentgeltlich gesammelt werden.

Das Leseholz war insbesondere für die ärmere Bevölkerung von großer Bedeutung, denn das höherwertige Scheitholz musste man bezahlen und war relativ teuer. Erste Regelungen zur Raff- und Leseholzgewinnung sind im Bienwald schon seit dem 15. und 16. Jahrhundert dokumentiert. Ein Indiz dafür, dass Brennholz schon damals nicht beliebig zur Verfügung stand und deshalb in seiner Gewinnung sehr früh reglementiert werden musste. Offensichtlich spielten solche „hoheitlichen“ Nutzungsbeschränkungen im Wald auch eine Rolle bei den Bauernaufständen des 16. Jahrhunderts, die in der Bienwaldregion ebenfalls belegt sind (A. Ritter/Ortschronik Büchelberg). Als Forstberechtigung besteht das Raff- und Leseholzrecht im Bienwald noch heute. Berechtigt sind die Einwohner der Gemeinden Steinfeld, Kapsweyer, Schweighofen im Bereich Südliche Weinstraße, sowie die Gemeinden Schaidt, Jockgrim und Lauterbourg im östlichen, zum Kreis Germersheim gehörenden Teil des Bienwaldes. Die Ausübung des Rechts setzt eine Einweisung durch den vor Ort zuständigen Revierleiter voraus. Windwurf-, Schnee- und Eisbruchholz, stehendes Dürrholz, sowie absterbende Stämme unterliegen nicht dem Raff- und Leseholzrecht. Zur leichteren Kontrollierbarkeit durfte das Recht früher nur an bestimmten Waldtagen ausgeübt werden. Bis in die 1950er Jahre blieb das Raff- und Leseholz für die regionale Bevölkerung ein wichtiger Brennstoff, um den teilweise noch mit den Forstämtern prozessiert wurde. Erst mit dem Aufkommen der Ölöfen ab den 1960er Jahren ging das Interesse an Raff- und Leseholz drastisch zurück. Auch die Bauholzgewinnung spielt im Bienwald von altersher eine große Rolle, schon im 16. Jahrhundert gab es erste Reglementierungen. Dokumentiert ist eine Regelung aus dem Jahr 1509, welche die Bauholzabgabe beschränkte, wenn in den Dörfern größere Leerstände an Häusern und Scheunen vorhanden waren (A. Friedmann). Offensichtlich war also auch Bauholz zu dieser Zeit ein knappes Gut, mit dem sparsam umgegangen werden musste. Mit dem Frühkapitalismus nahm der Holzverbrauch deutlich zu. Enorm war der Bedarf in Glas- und Eisenhütten, in Bergwerken und Salinen nicht nur am Werkstoff Holz, sondern auch an Holzkohle. Letzteres änderte sich erst im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Verwendung von Steinkohle. Waldortsbezeichnungen wie „Abteilung Kohlplatte“ oder der Wegename „Kohlplattallee“ deuten auf frühere Köhlerei hin. Der „Pottaschgraben“ nordwestlich von Büchelberg deutet auf die Gewinnung von Pottasche hin, welche früher zur Glasherstellung benötigt wurde. Begehrt war auch das haltbare und vielfältig verwendbare Eichenholz. Für den Schiffsbau wurde es über den Rhein bis nach Holland geflößt. Davon zeugen im Bienwald heute noch Waldortsnamen wie „Holländerschlag“ und „Holländerbrück“. Durch die Erbfolge- und napoleonischen Kriege war der Bienwald Ende des 17. und im 18. Jahrhundert von wiederkehrenden Verwüstungen betroffen. Die folgende Säkularisierung des bis dahin im Eigentum des Bistums Speyer beziehungsweise des Klosters Weißenburg stehenden Waldes war von zeitweise anarchischen Zuständen begleitet. So kam es insgesamt zu einer starken Übernutzung des Bienwaldes, wobei die Randbereiche massiver betroffen waren als der innere Teil. Letzteres war wohl auch maßgeblich durch militärische Ziele bedingt. Im 18. Jahrhundert war der innere Bienwald in Verbindung mit den Lauterlinien gezielt vernässt worden, um so den „Durchmarsch von militärischem Fuhrwerk zu verhindern“ (H. Foetsch 1912). Sicher spielte dabei auch der Saugraben eine Rolle. Mit der Vernässung wurde auch der Holzeinschlag eingeschränkt, und damit eine flächenhafte Waldzerstörung, wie sie im Schwarzwald, im Hunsrück, im Westerwald und in der Eifel im Gefolge des Frühkapitalismus vorkamen, verhindert. Die flächenhaften Waldzerstörungen waren das Symbol des geschichtlichen „Tiefpunkts“ der Wälder Deutschlands und waren auch im übrigen Mitteleuropa anzutreffen. Die durchgehende Walderhaltung in dieser kritischen Zeit könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass der Bienwald heute ein deutlich größeres ökologisches Artenspektrums aufweist als standörtlich ähnliche Wälder anderer Regionen, in denen der Wald bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zum Teil vollständig verschwunden war und die Wiederbewaldung zunächst oft mit Nadelholz erfolgte.

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