Immobilienreport
Anwohner wehren sich gegen Nachverdichtung
Grün, wohin man blickt. Zwar verwehren meist Mauern oder Holz- oder Naturzäune Spaziergängern oder Autofahrern einen Einblick in das Gelände. Wer sich einen besseren Eindruck verschaffen möchte, der muss entweder „Google-Earth“ nutzen oder aber von einem Haus in der Nachbarschaft über das Gebiet blicken. Dann wird einem augenfällig, warum der neue Verein und eine von ihm getragene Bürgerinitiative sich für die Bezeichnung „Grüne Lunge“ entschieden haben.
Zwischen dem Hotel „Zur Pfalz“ im Osten und der Scheffelstraße im Norden befindet sich ein Gelände mit durchweg altem Baumbestand, eine Grünzone, wie sie es sie in Kandel nicht noch einmal gibt. Den größten Teil davon macht das sogenannte „Justgelände“ aus, jene Fläche zwischen einer an der Marktstraße gelegenen alten Villa und dem Bungalow, den sich der inzwischen verstorbene Firmenerbe Hubertus Just in den 1960-er Jahren im nördlichen Teil errichten ließ. Diese Fläche gehört seiner Witwe und den beiden Töchtern, die weit weg von Kandel wohnen. So mancher Investor dürfte in der Vergangenheit Interesse an diesem Filet-Stück gezeigt haben.
Das Filetstück umfasst über 7700 Quadratmeter
In den vergangenen Wochen wurde deutlich: Es gibt mit der INWO-Bau aus dem badischen Sandhausen einen konkreten Investor. Dieser hat nicht nur eine Tochterfirma M&M Bau begründet, deren Geschäftsführer Dominik Machmeier ist. Sondern er ist auch gut vernetzt in der Südpfalz, hat in Germersheim das Einkaufszentrum in der Stadtkaserne ein Vorhaben umgesetzt und will in Kandel eng mit der Sparkassentochter S-Baugrund-Südpfalz zusammen arbeiten.
Machmeier und Vertreter der Sparkasse Südpfalz stellten ihr Projekt für eine Wohnbebauung auf den 7758 Quadratmetern denn auch erstmals in einer Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung, Klima- und Umweltschutz Anfang November vor. Für das seniorengerechte und betreute Wohnen sieht man 20 Wohnungen vor, 40 sollen für „familienfreundliches Wohnen“ reserviert werden. Sie verteilen sich auf mehrere Gebäude, die jeweils zweigeschossig mit einem Staffelgeschoss errichtet werden sollen. Jedes Objekt wird maximal fünf Wohneinheiten erhalten, so Machmeier. Vorgesehen ist eine Tiefgarage mit zwei Zufahrten, damit auf dem Gelände kein Autoverkehr stattfindet. Alle Wohnungen werden über diese Tiefgarage mit Aufzügen zu erreichen und damit barrierefrei sein. . Gedacht ist an Miet- und Eigentumswohnungen, nähere Angaben hierzu können zu diesem Zeitpunkt der Planung noch nicht gemacht werden, so Dominik Machmeier. In einer weiteren Sitzung im Dezember wurde erneut beraten, und bei der letzten Sitzung des Stadtrates 2021 wollte man sogar einen Grundsatzbeschluss zugunsten des Projektes fassen lassen. Dazu kam es jedoch nicht.
Ein Kollaps sei vorhersehbar, fürchten die Anwohner
Zwischenzeitlich hatte sich Widerstand gegen eine dichte Bebauung dieser „grünen Lunge“ formiert. Mehr als eine Stunde lang nutzten Mitglieder des Vereins, dessen Eintragung als e.V. derzeit vorbereitet wird, die Plattform „Einwohnerfragestunde“, um kritische Punkte anzusprechen. Der Verein, dem derzeit 68 Mitglieder angehören – gut 230 haben eine zusätzlich gestartete Online-Petition bereits unterschrieben –, hat mit Dieter Mächerle und Hubert Nuss zwei Vorstandsmitglieder, die in der Nähe zum Just-Gelände wohnen. Alexander Balschuns Anwesen in der Eichendorffstraße, das er vor zwei Jahren bezogen hat, grenzt direkt an die „Grüne Lunge“ an. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ erläutern sie die Bedenken .
Eine so dichte Bebauung würde die Gefahren für die Kinder, die hier auf dem Weg zur Grundschule sind, weiter erhöhen. In unmittelbarer Nähe befinde sich nicht nur die Asklepios-Klinik, es werde auch ein Ärztehaus entstehen oder das eben begonnene „Haus der Familie“ des DRK. Schon jetzt gebe es ein riesiges Parkplatzproblem für Besucher und Mitarbeiter. Ein Kollaps sei vorhersehbar, prophezeien Mächerle und Nuss. Zu befürchten sei auch eine Überlastung des Kanalisationssystems. Rückstaus mit Wasser im Keller habe man ja bereits jetzt erlebt. Durch die geplante Tiefgarage unter dem gesamten Gelände gebe es weitere Versickerungsverluste. Und außerdem sei im Starkregenkonzept der Stadt doch vorgesehen, keine Tiefgaragen mehr zu bauen, so Mitglieder der Initiative bei der Stadtratssitzung.
Vor allem aber drohe der Verlust einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt, die sich hier in aller Ruhe habe entwickeln dürfen. Von den Bäumen, genannt werden Gingko, Amber, Blutbuche, Eiche und Kastanie, die Ende der 1950-er Jahre gepflanzt wurden, angefangen bis hin zu vielen weiteren Gehölzen, die das Gelände so wertvoll machen. Angesiedelt habe sich hier auch eine Tierwelt. So hätten sich in einem alten und bisher leer stehenden Gebäudeteil an der Marktstraße seit mehreren Jahren auch Fledermäuse angesiedelt und auch eine Eichhörnchen-Familie fühle sich auf dem Gelände wohl. Deshalb hat sich die „Grüne Lunge“ auch an die Regionalstelle Süd des Naturschutzbundes (NABU) gewandt.
Anwalt: Nachverdichtung bringt immer wieder Ärger
Die Bedenken der Kandeler Anwohner sind indes kein Einzelfall. Anwalt Gerhard Götz, Vorsitzender des Haus- und Grundeigentümervereins Neustadt äußerte jüngst im Gespräch mit der RHEINPFALZ ganz ähnliche Bedenken. „Letztlich sind die Folgen verheerend“, so Götz. „Bei der Nachverdichtung entsteht eine massive Zusammenballung von Wohnraum, die keiner gewohnt ist und keiner will, Wohnblocks mit Autos auf der Straße, die vorher nicht da waren, Nachbarn regen sich auf, immer wieder Ärger“, sagt der Anwalt. Sein Fazit: „Ich halte Nachverdichtung nur für ein bedingt geeignetes städtebauliches Instrument.“ Gleichwohl schreibt der Landesentwicklungsplan (LEP) IV eine Nachverdichtung vor.
Die Vorstandsmitglieder der BI in Kandel betonen indes, nicht grundsätzlich gegen eine Nutzung des Geländes zu sein, zumal die Erbengemeinschaft mit M&M Bau bereits einen Vorvertrag abgeschlossen hat. Die Bürgerinitiative leistet jedoch massiven Widerstand gegen eine „Mammutbebauung“ mit 60 Wohneinheiten sowie mindestens 100 Stellplätzen in der Tiefgarage. Geplant seien sieben Gebäude mit einer Höhe von bis zu 12 Metern, die die umliegende Bebauung überragen würde. Das Argument „Sozialer Wohnungsbau“ könne angesichts der vorgelegten Planungen durch die Machmeier-Gruppe nicht ziehen. Menschen mit eher niedrigem Einkommen könnten sich so aufwendige Wohnungen ganz bestimmt nicht leisten, argumentieren Mächerle und Balschun. Außerdem müsse man die Wohnbaurichtlinien der Stadt beachten, die demnächst verabschiedet werden sollen.
Die „Grüne Lunge“ hat ihre Forderungen an eine Umnutzung des Geländes intern diskutiert und so formuliert: Es dürfe keine künstlichen Anpassungen (Aufschüttungen) des Areals geben, man verlangt ein unabhängiges Tierschutz- und Naturschutzgutachen, wobei die Baumschutzsatzung der Stadt und alle weiteren Verordnungen zu berücksichtigen ist. Die Gebäude dürften höchstens zwei Stockwerke und eine maximale Höhe von acht Metern (statt 12, wie vorgesehen) haben. Alle Bäume an den Grundstücksgrenzen müssten als Sicht- und Lärmschutz erhalten werden. Man verlangt eine „realistische“ planerische Darstellung der baulichen Situation und vor allem legt man größten Wert auf eine frühzeitige Beteiligung der Bürger und der Öffentlichkeit.
Diese hat Stadtbürgermeister Michael Niedermeier in der jüngsten Sitzung des Stadtrates bereits zugesagt. Was sicherlich als ein erster Erfolg der Bürgerinitiative zu werten ist. Denn auch das beschleunigte Bebauungsplanverfahren, das Investor und auch S-Bauland gewünscht haben, stößt auf den Widerstand nicht nur der „Grünen Lunge“. Auch im Stadtrat formiert sich Widerstand, wohl nicht nur bei der Opposition.
Info
Bürgerinitiative Grüne Lunge, Dieter Mächerle, Vorsitzender, Tel. 07275 61122, Hubert Nuss, Stellvertretender Vorsitzender, 07275 3550, E-Mail Kontakt: info@grüne-lunge-kandel.de, Bürgerinitiative „Grüne Lunge Kandel“ - Petitionen.com
Der Report
Der Immobilienmarkt in der Südpfalz ist heiß umkämpft. Grundstücke, Häuser und Wohnungen sind begehrt, die Preise hoch. Auch günstiger Wohnraum ist knapp. Der RHEINPFALZ-Report beleuchtet in unregelmäßiger Folge verschiedene Aspekte dieser Entwicklung.