Germersheim
Anschlag auf Sparkassen-Filiale: Mit Zivilcourage Schlimmeres verhindert
In Handschellen betritt ein Mann am Montagmorgen den großen Saal des Landauer Landgerichts. Der Angeklagte, betagt und von kleinerer Statur, macht einen fahrigen und verwirrten Eindruck. Bei seinem Verteidiger muss er sich erstmal nach dessen Namen erkundigen. Auf den ersten Blick schwer vorstellbar, dass dieser Mann vor knapp fünf Monaten eine ganze Bankfiliale in Angst und Schrecken versetzt hat – im Zustand der Schuldunfähigkeit. Er leidet unter paranoider Schizophrenie.
Riesige Stichflamme auf Video
Der Vorfall ereignete sich am 7. Juli diesen Jahres in der Germersheimer Sparkassenfiliale. Der 76-jährige Angeklagte war mit einem Kanister Benzin in die Bank marschiert, sprach wüste Drohungen aus und bedrohte einen Mann mit einem großen Küchenmesser. Den Treibstoff leerte er im Kundenservicebereich aus und setzte ihn in Brand. Videoaufnahmen konnten die riesige Stichflamme festhalten, die dabei entstand. Schlimmeres konnte durch das beherzte Eingreifen zweier Männer verhindert werden, die den Brand mit Feuerlöschern bändigten.
Der Angeklagte ist seit dem Vorfall im Pfalzklinikum in Klingenmünster untergebracht. Weil er durch sein seelisches Leiden keine Kontrolle über sein Verhalten hatte, muss er sich nicht einem Strafprozess, sondern einem sogenannten Sicherungsverfahren stellen. Dort wird entschieden, ob und wie lange er in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie verbleiben muss.
Mehrere Tankstellen überfallen
Dem Mann macht es sichtlich Mühe, den Fragen von Richter Jochen Pohlit zu folgen. Die Antworten, die kommen, scheinen aber ehrlich und ohne größere Ausflüchte. Er leidet bereits seit Jahrzehnten unter seiner Krankheit. 2009 musste er sich bereits einmal vor Gericht verantworten, weil er eine Reihe von Tankstellen in Kandel ausgeraubt hatte – eine nach der anderen, am gleichen Tag. Damals hatte ein Gutachter erklärt, der Mann sei in seinem Zustand überzeugt gewesen, er könnte sich durch Atemübungen unverwundbar machen. Und das er einen imaginären Begleiter habe, der ihm Anweisungen gebe.
Zur Vorgeschichte des Sparkassen-Vorfalls gehört, dass der Angeklagte im Januar wohl aufgrund von strukturellen Änderungen in einer Klinik in Landau seinen Psychotherapieplatz verloren hatte. Für Ersatz wurde nicht gesorgt. Er selbst war offenkundig nicht in der Lage, auf sich alleine gestellt einen neuen Therapeuten zu finden. Eine Sozialbetreuerin gibt im Zeugenstand an, er habe sich seit längerer Zeit immer mehr zurückgezogen und Hilfe ausgeschlagen. Das Problem mit dem Therapieplatz habe er ihr gegenüber nie erwähnt. Die Konsequenz war, dass er nun keine weiteren Medikamente bekommen konnte, seine mentalen Probleme so immer schlimmer wurden. Im selben Monat versuchte er, sich das Leben zu nehmen, und wurde temporär ins Pfalzklinikum eingeliefert.
Ärger über neue Konditionen
Die Sparkasse zog sich seinen Unmut zu, weil sie ihr Kontoführungsmodell geändert und die Gebühren erhöht hatte. Die Schreiben, in denen die Kunden zur Zustimmung zu den neuen Konditionen aufgefordert werden, sind bekannt. Beim Angeklagten lösten sie großes Unverständnis und Ablehnung aus. Seiner Aussage nach habe eine Bankangestellte ihn vor die Wahl gestellt, sein Einverständnis zu erklären oder eine neue Bank zu finden. Nachdem der Versuch, bei einer anderen Bank ein Konto zu eröffnen, gescheitert sei, habe ihn die Wut gepackt. Dazu habe er am selben Tag einen Streit mit einem Mitbewohner in seiner Wohneinrichtung gehabt, der ihn noch weiter in Rage brachte. „Den Plan hab ich in zwei Minuten gefasst. An die Tankstelle, einen Kanister mit Sprit füllen, zur Sparkasse, dann ist Schluss“, so der Angeklagte. Er habe jemanden verantwortlich machen wollen. „Ich wollte die schädigen. In dem Moment war auch egal, welches Institut das war.“ Kunden und Mitarbeiter habe er verängstigen wollen.
Im wahrsten Sinne des Wortes einen kühlen Kopf bewahrte der Fahrer eines Geldtransporters, der zufällig gerade vor Ort war. Im Zeugenstand erklärte er, wie er der dramatischen Situation zu einem den Umständen entsprechend glimpflichen Ende verhelfen konnte. Der Angeklagte habe vor dem Brandanschlag wild um sich geschrien. „Ich stech’ euch alle ab“ und „Ihr brennt in der Hölle“, soll er gerufen haben. „Als ich mich bei ihm erkundigt hatte, was den los sei, zog er ein großes Messer hervor“, so der Zeuge. Erst da sei ihm die Gefährlichkeit der Situation klar geworden. Dann habe er „geguckt, wie ich reagiere, damit keine anderen verletzt werden“. Das mal einer herumschreit, das komme vor. Auch bei dem Benzinkanister habe er sich erst mal nichts gedacht. „Das hätte von der Farbe her auch Pfälzer Wein sein können.“
Richter spricht Zeuge Respekt aus
Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der Angeklagte den Mann für einen Augenblick um einen Bankschalter jagt. Der sagte vorher, er habe niemanden verletzen, den anderen nur verscheuchen wollen. Diesen Eindruck hatte der Zeuge auch. „Er hat das Messer dann abgelegt, um an den Benzinkanister zu gehen. Da habe ich mir das Ding geschnappt, bin rausgegangen und habe es in sicherem Abstand abgelegt.“ Danach ging der Zeuge zurück, um des Täters habhaft zu werden, und musste sehen, wie dieser gerade das Benzin auf dem Teppich und dem Bankschalter verteilte. Besonders gefährlich: Auch der Zeuge selbst bekam etwas von dem Brandstoff ab.
Gemeinsam mit einem Bankmitarbeiter schaffte der Fahrer es schließlich, den Zündler außerhalb der Sparkasse zu fixieren – aber erst nachdem dieser die Benzinpfütze bereits in Brand gesteckt hatte. Er war es dann auch, der sofort zum Feuerlöscher griff. Für seine Zivilcourage sprach ihm Richter Pohlit seinen Respekt aus.
Der Prozess wird fortgesetzt. Eine Entscheidung wird Anfang kommenden Monats erwartet.