WÖRTH
Alte Mercedes-Laster ziehen nach Wörth um
So einen Konvoi sieht man auf der B9 ebenso wenig alle Tage, wie dass man sich durch einen solchen gerne entschleunigen lässt. Dessen geschwindigkeitsbegrenzende Wirkung ist jedenfalls bemerkenswert und garantiert hübscher als ein schnödes Verkehrsschild. Eigenständig oder auf Tiefladern rollen historische Fahrzeuge nun also zum Ziel Branchen-Informationszentrum, das dem Eingang zum Werk 1 gegenüberliegt. Darunter ein Exemplar des legendären „Tausendfüßler“ LP 333 aus dem Jahr 1960 oder sogar der erste im seinerzeit neuen Werk in Wörth produzierte LP 608.
Als er die Kolonne erspäht, reagiert Claws Tohsche besonders begeistert: „Die Autos kommen!“ Aufgrund des Berufs seines Vaters sei er auf Staudämmen und daher mit LKWs groß geworden, beginnt der heutige Pressesprecher später in einem Nebensatz zu erzählen. Völlig ungeschützt habe er damals mit den Geschwistern zwischen den gewaltigen Kippern, „Sechzig-, Siebzigtonnern“, gespielt, erinnert er sich. Seither hätten ihn die Riesen nicht losgelassen und erlebt mit der Nähe zu ihnen heute wohl noch immer einen schönen Teil seiner Kindheit.
Präsentationsform noch unklar
Und der wird in den kommenden Wochen noch sehr viel bunter werden. Schließlich wird Daimler Truck die Sammlung historischer Exponate in den kommenden Wochen vor allem im Umfeld der-Truck- und Bus-Standorte und daher auch in Wörth unterbringen. Auf die Frage nach der künftigen Präsentationsform der Objekte möchte sich Peter Smodej, als Abteilungsleiter Tohsches Chef, noch nicht festlegen lassen: „Eins nach dem anderen, obwohl ich nichts ausschließen möchte. Aber jetzt werden die Fahrzeuge erst einmal nach Hause geholt“, sagt er und fügt hinzu, dass das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart-Untertürkheim für LKW und Busse auch weiterhin der zentrale Anlaufpunkt für die Öffentlichkeit bleiben werde.
Derweil klettert Ulrich Kilian aus dem spektakulären „Tausendfüßler“ mit der Aufschrift „Mauxion-Schokolade“. Auf dem Kopf trägt er eine schneidige Elbsegler-Mütze. „Das war die typische Fernfahrermütze der Nachkriegszeit bis in die Siebziger Jahre, während Chauffeure und Herrenfahrer eine Prinz-Heinrich-Mütze getragen haben“, klärt er die Umstehenden darüber auf, dass er das Teil für den heutigen Zweck extra angeschafft habe. Der Verdacht auf einen kürzlich ganz besonders gelungenen Urlaub an der Nordsee erweist sich also als unbrauchbar. Dafür weiß Kilian, der von seinem Arbeitgeber Daimler für seine Tätigkeit als Leiter Kundendienst bezahlt wird, umso mehr über die jetzt im Innenhof vor dem Restaurant aufgereiht stehende Flotte. Darunter OE Diesel Schlepper aus dem Jahr 1926, ein Traktor und in gewisser Hinsicht auch Vorgänger des Unimog. Dessen viertes Exemplar wiederum wurde auf demselben Tieflader transportiert und steht also direkt hinter ihm. Gebaut worden war der Ur-Unimog 1946 noch in Schwäbisch-Gmünd bei Erhard und Söhne. Über Göppingen kam die Unimog-Produktion erst 1951 nach Gaggenau im Murgtal.
„Zeitzeugen auf Rädern“
Ein absoluter Blickfänger ist aber auch der Panoramabus aus dem Jahr 1962. Wun-der-schön, mehr will einem bei dessen Anblick einfach nicht einfallen. Trotz der sentimentalen Wärme über diesem Ort wird den Anwesenden allerdings nicht wärmer. Umso größer ist die Erleichterung, als Sven Gräble, der Chef von Mercedes-Benz-Trucks zur Begrüßung das Wort ergreift. Die Hände zur Merkel-Raute vereint, weist er daraufhin, dass man auch nach der Trennung „weiterhin eine gemeinsame Geschichte voller Pioniergeist, Ideenreichtum und Mut“ habe. Er spricht von „Zeitzeugen auf Rädern, die künftig in direkter Nachbarschaft zur Fertigung unserer Zukunftsprodukte untergebracht“ sein würden.
Das sind gute Worte, die eine letztendlich sensationelle Geschichte einzufassen vermögen. Vor 125 Jahren habe „Daimler den LKW erfunden“, hatte Tohsche ganz am Anfang des Tages noch gesagt: „Und jetzt am 1. Dezember wird eine LKW-Firma gegründet, mit der wir also die jüngste LKW-Fabrik der Welt mit der allerdings längsten Erfahrung sein werden.“ Dann gleitet die Veranstaltung bei Fleischkäse und veganen Frikadellen langsam in den gemütlichen Teil über. Gewiss unbeabsichtigt steht also auch der Imbiss ganz im Zeichen von Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte. Wer vor 125 Jahren von fahrerlosen und elektrobetriebenen LKW, in denen man fleischlose Fleischküchle essen würde können, gesprochen hätte, hätte von Umstehenden jedenfalls bestimmt eine äußerst ungünstige Sozialprognose erhalten.