Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Alleine schmeckt das Essen nicht

Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot: In Gesellschaft schmeckt das Essen besser.
Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot: In Gesellschaft schmeckt das Essen besser.

Oft fehlt es an Gesellschaft und Kochkunst: Alleine schmeckt das Essen nicht so gut, viele Witwer haben wenig Erfahrung am Herd. Nun sollen „Nachbarschaftstische“ zu gemeinsamen Speisen einladen.

Einsamkeit und Ernährung sind zwei Dinge, die alleinstehenden älteren Menschen Probleme bereiten. Diese Themen sind nicht neu, haben aber durch Corona noch an Brisanz gewonnen. Das Projekt der Nachbarschaftstische ist schon seit 2018 für den Kreis ein möglicher Lösungsansatz, die Idee stammt von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.

Die Geschäftsstelle für Senioren der Kreisverwaltung suchte nun nach engagierten Menschen, die sich vorstellen könnten, einen solchen Nachbarschaftstisch auszurichten. Dem Aufruf gefolgt waren unter anderem die Landfrauen Winden, Ehrenamtliche des Pflegestützpunkts Kandel/Wörth/Rülzheim und Vertreter vom Haus der Familie Kandel. Die Nachbarschaftstische werden von Projektkoordinatorin Anne von Laufenberg-Beermann, Ilona Berg und Julia Bohlender von der Geschäftsstelle Regionale Pflegekonferenz betreut.

Wegen Pandemie sind viele Angebote weggebrochen

Das es noch einiges an Hürden gibt, wird beim gemeinsamen Diskutieren deutlich. Die Hemmschwelle, jemanden Unbekannten ins Haus zu lassen, wird angeführt. Dann die verschiedenen Ernährungsgewohnheiten oder die eingeschränkte Mobilität vieler Senioren. Es ist schnell klar, dass es verschiedene Ansätze geben muss, um den zahlreichen Anforderungen gerecht zu werden. Warum ist das Thema überhaupt so wichtig? Durch Corona fehlt es an Essen auf Rädern, lautet die Erfahrung. „Von mehreren Seiten Angeboten sind drei Anbieter geblieben“, sagt Rosa Pfirrmann vom Pflegestützpunkt.

Während Corona ist der Mittagstisch vieler Restaurants weggebrochen, viele Restaurant haben außerdem aufgegeben. Einige Metzgereien haben ihren Lieferservice eingestellt, weil sich die Kosten nicht gelohnt hätten. Das Einkaufen und Kochen gehört zur Selbstversorgung, bei eingeschränkter Mobilität sei das das Erste, das wegbricht. Für Frauen ist das weniger ein Problem, aber viele alleinstehende männliche Senioren könnten nicht kochen, weil das früher die Frau übernommen habe.

Ältere Menschen waren lange isoliert

Wie wichtig die Gemeinschaft ist, lässt aus der Erzählung von Bürgermeister Michael Niedermeier schließen: „Wir hatten letzten Samstag unseren ersten Seniorennachmittag seit Corona. Manche der Teilnehmenden waren den Tränen nahe.“ Denn während Corona waren ältere Menschen als Risikogruppe besonders isoliert, die Heime praktisch dicht. „Die haben sich vielleicht mal beim Einkaufen, oder beim Besuch auf dem Friedhof getroffen.“

Keine Stammtische und kein Seniorennachmittag. Und das über ein Jahr. Die Seniorenbeauftragte von Jockgrim, Renate Rieke, erzählt von viel Hilfe, die Studenten während Corona für die Älteren geleistet hätten. Sie formuliert vorsichtig, wie man Senioren motivieren könnte, denn der Wunsch nach Kontakt sei spürbar. Da meldet sich die Zielgruppe zu Wort: Eine Dame erzählt, wie sehr sie es genossen habe, als es noch möglich war, einmal in der Woche in der Berufsschule zu essen, ob es nicht möglich wäre, so etwas wieder anzubieten.

Zuerst an öffentlichem Ort „beschnuppern“

Und die Möglichkeiten sind zahlreich, wie der Nachmittag zeigt. Dabei spielt es keine Rolle, welches Essen geboten wird, vom Frühstück bis Abendessen, Brunch oder Imbiss, alles ist denkbar. So wird deutlich, dass ein erstes Kennenlernen am besten an einem öffentlichen Ort stattfinden sollte, damit die Menschen sich „beschnuppern“ können. Eine kleine Aufwandspauschale legt der Gastgeber später selbst fest. Diese sei umsatzsteuerfrei, hieß es, denn wer in sein Zuhause zum Essen einlädt, tut dies aus privaten Gründen, und muss sich wegen einer Besteuerung keine Sorgen machen – zumindest bis 22.000 Euro im Jahr, das wären allerdings um die 150 Essen täglich, erläutert Anne von Laufenberg-Beermann. Ebenso verhalte es sich mit Hygienevorschriften, ein privater Gastgeber habe hier keine besonderen Auflagen.

Eine frisch nach Rülzheim gezogene Frau fühlte sich von der Idee angesprochen, sie koche sehr gerne, hat Zeit. Als gelernte Hotelfachangestellte kommt sogar noch eine professionelle Komponente hinzu. Scheib sagt, es seien solche Menschen, die man Bord haben muss, für ein solches Vorhaben. Junge Leute, die wiederum andere junge Menschen anziehen. Der nächste Termin der Arbeitsgruppe ist im Oktober. Je nach Beteiligung könnte es schon im März 2022 einen ersten offiziellen Nachbarschaftstisch geben, hofft Julia Bohlender.

Info

www.digitalvital.de.

Auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=nY_XhlQjzIE

Zur Sache

Die Nachbarschaftstische sind Bestandteil des Projekts „digital.vital“, in dessen Rahmen auch ein digitales Seniorenportal entwickelt wird. Gefördert werden Seniorenportal und Nachbarschaftstische mit Fördermitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

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