RHEINPFALZ-Sommeraktion
Abstieg in die Krypta: Vom Buddeln in Schutt und Staub
Ansgar Mohr steht mittig im Kirchenschiff. „Hier stand, als ich Ministrant war, der Betstuhl des Dekans Sauer“, sagt der Germersheimer. Seit Jahrzehnten engagiert er sich in der Pfarrei. Sein Vater war Organist und Mohr schon als Bub oft mit ihm im Gotteshaus. Der 78-Jährige kennt es wie seine Westentasche. Am Dienstag führt er zusammen mit dem Historiker Rüdiger Ehrsam 20 RHEINPFALZ-Leser durch die Kirche – und einen Stock tiefer.
1976 wurde die Kirche gründlich renoviert. Auch da war Ansgar Mohr hautnah dabei. Deutsches und amerikanisches Militär und örtliche Firmen hätten Bagger und Geräte beigeschleppt und mitangepackt, um den ursprünglichen Boden und die schönen Säulenfüße freizulegen. Die waren irgendwann in den Wirrungen der vorigen Jahrhunderte zugeschüttet worden. Als die Kirche „eingerüstet, so richtig staubig und dreckig war“, habe sein Vater auf der Empore das passende Lied angestimmt: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub der Christenschar, das Herz zu dir, oh Gott erhöht“. Mohr hat viele persönlichen Erinnerungen auf Lager, die die historischen Fakten von Ehrsam anreichern. Christliche Zahlensymbolik, die Bedeutung der Teppichfenster, der Skulpturen und Architektur – Ehrsam liefert die Hintergründe. „Die beiden ergänzen sich sehr gut“, sagt Liane Zechiel aus Kandel, eine Teilnehmerin der Sommeraktion.
Mit Taschenlampen hinunter
Rüdiger Ehrsam bietet einen fundierten Streifzug durch die Geschichte der Jakobuskirche, die zunächst der Gottesmutter geweiht war. Das verwundert nicht, denn sie wurde im 14. Jahrhundert als Kirche der Serviten erbaut. Die Marienverehrung sei ein Leitmerkmal dieses Bettelordens, erklärt Ehrsam. Der älteste Teil, der Chor, stammt noch aus dieser Zeit. 1527 wurde das Kloster in ein weltliches Chorherrenstift umgewandelt, das aber wegen der Reformation nicht lange existierte. Erst 1703 kehrten Mönche zurück, Franziskaner, die ein neues Kloster errichteten. Die vormalige Anlage war während des Dreißigjährigen Krieges teilweise zerstört worden. Einige wertvolle marianische Bücher konnten damals gerettet werden, berichtet Ehrsam. „Ein Stück Germersheim ist nun in Rom.“ Die Handschriften werden im Vatikan aufbewahrt.
Das neue Kloster hatte eine Krypta. Die war allerdings 1899 verschlossen worden und geriet in Vergessenheit. Wo sie genau war, wusste bis zur großen Renovierung 1976 niemand. „Man hat hinten gebuddelt, plötzlich ist was runtergekracht“, erinnert sich Ansgar Mohr. Die Gruft kam zum Vorschein. Mit Taschenlampen seien die Entdecker hinabgestiegen. „Die Sargnischen waren fast alle leer.“ Neben einem Sargfuß wurden wenige Knochen gefunden. Sie wurden später in einer feierlichen Zeremonie in vier Kammern bestattet.
Mit der Zahnbürste gebuddelt
Es waren nicht die einzigen Funde während der Bauarbeiten. „Man hatte vermutet, dass auch im Chorraum Ordensmänner bestattet waren“, so Mohr. Schließlich sei dort eine schwere Grabplatte gefunden worden. Heinrich Allmann, der damalige Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, habe vorsichtig mit dem Zahnbürstel weitergebuddelt und sei auf Stoffreste gestoßen. Er hatte ein Skapulier entdeckt, ein Schultertuch, das die Servitenmönche trugen. Es war eine kleine Sensation. „Wir sind frühmorgens nach Hause und mussten das erstmal verdauen“, sagt Mohr. Da sei bestimmt erstmal ein Schoppen fällig gewesen, meint ein Zuhörer. Er liegt nicht ganz falsch: Nur statt Wein war es Bier, mit dem die Männer auf den Fund angestoßen haben.
Wenige Meter gegenüber, in der Stengelkaserne, war in den Siebzigern Dieter Schwarzmann stationiert. Von all dem habe er damals „nichts mitgekriegt“, erzählt der Altbürgermeister von Ramberg. Erst durch die RHEINPFALZ-Sommeraktion habe er erfahren, „dass hier solche Gewölbe gefunden“ wurden. „Wow, wir haben viel gelernt“, pflichtet Leserin Liane Zechiel bei. Mysteriös bleibt, was Dekan Eugen Sauer über die Mönchsgruft wusste: Denn sein Betstuhl stand schon in den Fünfziger Jahren genau über dem früheren Zugang zur Krypta, der erst 1976 ausgegraben wurde.