Kreis Germersheim Abschied von einem Stück Stadtgeschichte

Attraktive Architektur, aber nicht barrierefrei und mit Lücken beim Brandschutz. Der „Pfälzer Hof“ hat keine Zukunft und schließ
Attraktive Architektur, aber nicht barrierefrei und mit Lücken beim Brandschutz. Der »Pfälzer Hof« hat keine Zukunft und schließt.

Wenn die Gaststätte „Pfälzer Hof“ heute ihre Pforten schließt(wir berichteten), verliert Kandel eines seiner ältesten Gasthäuser und in Oberkandel, das ja Kandels größter Stadtteil ist, kann man keine großen Feste und Jubiläen mehr feiern. Es besteht keine Möglichkeit mehr zu Vorträgen, Musikabenden, zu Advents- und Weihnachtsfeiern einzuladen und selbst der Männergesangverein Frohsinn, der ja mit dem „Pfälzer Hof“ eng verbunden ist, muss sich eine neue Unterkunft suchen.

Erstmals erwähnt wurde das „Rote Haus“, so der frühere Name des „Pfälzer Hofes“, im Jahr 1832 als der aus Ilbesheim stammende Nikolaus Kerth in Oberkandel nicht nur eine Gastwirtschaft, sondern auch eine Ziegelei einrichtete. Dieser Ziegelei verdankt die Gastwirtschaft auch ihren Namen, wurden dort doch nur rote Ziegel gebrannt. Im „Dritten Reich“ sollte der Namen, so ein Erlass des Landratsamts Germersheim aus dem Jahr 1937, geändert werden, waren damals doch „die Roten“ alle verboten. Doch anscheinend ist der Erlass verlorengegangen, denn die Umbenennung in „Pfälzer Hof“ erfolgte viel später, nämlich im Jahr 1956. In einem 1908 erschienen Festbuch zum „4. Bundes-Feste des Speyergau-Sängerbundes“, war zu lesen, dass Otto, der Sohn von Nikolaus Kerth, das Gasthaus „Zum Roten Haus“ neu eingerichtet hat und so neben einer guten Küche und aufmerksamer Bedienung auch „große, freundliche Lokalitäten für Vereine und Ausflügler“ anbieten kann. Möglich gemacht hatte dies ein Umbau im Jahr 1907. Das „Erste Kalk- und Ziegelwerk am Platze“, auf das in dem Festbuch auch hingewiesen wird, wurde nach dem Ersten Weltkrieg stillgelegt. Seltsam ist, dass in einer um die Wende vom 19. zum 20, Jahrhundert erstellten Liste der Kandeler Gasthäuser beim „Roten Haus“ nicht wie bei seinen Konkurrenten auf die Zahl der Pferdestallungen hingewiesen wurde, obwohl die doch damals so wichtig war wie heute die Zahl der Parkplätze. Dass dennoch viele Stallungen vorhanden waren, konnte man noch bei Umbauarbeiten in den 50er-Jahren feststellen. Doch die wurden wohl der Ziegelei zugerechnet. Nach Otto Kehrts Tod führte seine Witwe Luise das Gasthaus weiter, unterstützt von ihrer Tochter Liesel, die, obwohl sie nach ihrer Heirat den Familiennamen Walther führte, immer noch „d’ Kerthe Lies“ genannt wurde. Im Jahr 1962 wurde der „Pfälzer Hof“ so der neue Name des „Roten Hauses“ an deren Tochter Waltraud und ihren Schwiegersohn Walter Nuß übertragen und seit 1998 führen deren zu Köchen ausgebildete Söhne Steffen und Frank den Betrieb, zu dem inzwischen auch ein Hotel gehört. Bis zu den Zeiten von „de Kerthe Lies“ war das Restaurant „Rotes Haus“/„Pfälzer Hof“ eine gutgehende „Bauernwirtschaft“. Sie wurde von der Oberkandeler Bevölkerung gerne besucht, obwohl es im Stadtteil mit dem „Grünen Baum“ und dem „Engel“ noch zwei weitere Gasthäuser gab. Bekannt wurde die Gastwirtschaft vor allem seit der Gründung des Männergesangvereins „Frohsinn“, der dort nicht nur seine Chorproben abhielt, sondern und auch zu seinen Weihnachts- und Faschingsfeiern sowie zu seinen ersten Konzerten und Theaterabenden einlud. Liesel Walther war übrigens auch eine Mitbegründerin des „Frohsinns“ und wurde später auch zu dessen Ehrenmitglied ernannt. Ganz Kandel machte sich auf den Weg zum „Pfälzer Hof“, wenn dort die „Owerkannler Kerwe“ gefeiert wurde. Zum Tanz im großen Saal des Hauses spielten zu Zeiten von Traudel und Walter Nuß abwechselnd mit dem „Metze Gustel“ in Minderslachen, sonntags die weithin bekannte „Banatkapelle“ auf. Dass es dabei gelegentlich auch zu Streitereien zwischen den Ober- und Unterkandeler Burschen gab, gehörte zu den „Kandeler Gepflogenheiten“. Bekannt im ganzen Land wurde der „Pfälzer Hof“ damals aber auch, weil viele Busunternehmen ihre Pfalzfahrten dort mit einem zünftigen Pfälzer Abendessen beendeten. Die Zeit des Tanzens und der Busbesuche ist zwar vorbei, aber im großen Saal und den Nebenzimmern des „Pfälzer Hofs“ war jedoch immer etwas los. Nicht nur weil er für den „Frohsinn“ und den ADAC zum Clublokal wurde, sondern weil die Räume auch von anderen Gruppen genutzt wurden und vor allem, weil viele Leute dort ihre Feste feierten. Sogar Kandeler Stadtpolitik wurde im Pfälzer Hof gemacht, wenn man sich dort traf um Wahllisten zu erstellen oder um den verschiedenen Abgeordneten zuzuhören. Das alles ist jetzt vorbei. Übrig bleibt nur die Erinnerung an die schöne Stunden, die man im „Pfälzer Hof“ erlebt hat.

x