Kandel
875 Jahre Kandel: Ein Festakt komplett ohne Reden
Etwa 280 geladene Gäste und Bürger strömen am Freitagabend zur Bienwaldhalle. Zuerst heißt es: Warten, Schlange stehen. Doch das mindert die gute Stimmung nicht. Die Spannung ist groß, denn die Organisatoren hatten das Programm bis zum Schluss geheim gehalten. In der Halle verteilen sich die Gäste nach einem Platzkartensystem an die Tische – so sitzen zum Beispiel die ehemaligen Bürgermeister Günther Tielebörger und Volker Poß zusammen. Innenminister Michael Ebling wird später am Tisch von Stadtbürgermeister Michael Gaudier und Landrat Martin Brandl Platz nehmen. Eine durchaus launige Runde, obwohl Kreis und Stadt, beide CDU-geführt, derzeit wegen der nicht genehmigten Haushalte, mit dem SPD-geführten Land im Clinch liegen.
Die erste Überraschung: Der Abend startet mit einem großen Buffet. Erst um 19.45 Uhr beginnt mit einem Gong das Geschehen auf der Bühne. Die Kombination aus 875 Jahren und geladenen Gästen birgt viel Potential für Historisches und lange Reden. Doch es kommt anders: „Rückblicke würden langweilen, wir konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt“, kündigt Bürgermeister Gaudier an.
Statt Reden gibt also es drei sehr kurze Gesprächsrunden, die um aktuelle Herausforderungen kreisen. Landrat Brandl lobt Kandel als einen der Mittelpunkte des Kreises, was natürlich in der Halle gut ankommt. „Die Heimat hat Zukunft, wir sind in verrückten Zeiten unterwegs“, gibt Innenminister Michael Ebling zu bedenken. Doch ansonsten müssen die Krisen draußen bleiben. Es wird viel gefrotzelt und gelacht, die ist Stimmung gelöst. „Seit wir gemeinsame Automaten haben, passt kein Blatt mehr zwischen uns“, sagt Svend Larsen, Sparkasse Südpfalz, mit einem Schmunzeln in Richtung Christian Bauchhenß, VR Bank Südpfalz.
Eine Ehrung und drei Filme
In einer anderen Runde erkundigt sich der Moderator nach den Nachwuchsproblemen in Kandeler Vereinen. Gibt es keine, die Fasnachter müssten sogar eher anbauen. Und wer war noch nicht auf einer Prunksitzung der Bikage?, fragt Präsident Markus Jäger-Hott streng in den Saal. Schüchtern heben sich zwei Hände. Eine davon gehört dem Innenminister, der sofort zu einem Besuch in der nächsten Kampagne verpflichtet wird.
Es gibt, stellvertretend für alle, die zu ehren wären, genau eine offizielle Ehrung: Gerda Keppel von den Landfrauen bekommt ein Präsent überreicht. Das Jubiläumsbrot von der Zille-Bäckerei wird genauso dezent übergeben, wie auf den Jubiläumswein hingewiesen wird.
Drei Filmeinspieler lockern zusätzlich auf. Bekannte Kandeler äußern sich mit viel Augenzwinkern über für sie wichtige Orte in der Stadt. So zum Beispiel „die zwei G’s, Legenden der Kandeler Kommunalpolitik“, die ehemalige Beigeordnete Gudrun Lind und Ex-Bürgermeister Günther Tielebörger über die Stadthalle. Buchhändler Guido Pausch lobt auf der Leinwand, „dass wir noch Parkplätze haben, die kostenlos zur Verfügung stehen“, was mit einem Zwischenruf „aber nimmi lang!“ vom Tisch der Beigeordneten und lautem Gelächter im Saal quittiert wird. Schließlich wissen alle, dass die geplanten Gebühren kontrovers diskutiert werden.
Der Saal fordert Zugabe
Dazu kommt viel Musik: Erst darf die Stadtkapelle zeigen, was sie kann. Dann - Überraschungsauftritt eins - treten Marcus Zimmermann und Alfred Kritzer von der Band von Herbert Grönemeyer auf. Instrumentalmusik und Coverversionen von Billy Joel und natürlich Grönemeyer begeistern, doch eine Zugabe lässt der Zeitplan nicht zu. Zum Abschluss bringt – Überraschungsauftritt zwei – Roland Ohmer die Halle mit dem Kandeler Lied zum Toben. Alle stehen auf, klatschen mit. Wer textsicher ist, singt lautstark. Die Polit-Promis zieht es auf die Bühne, Landrat Martin Brandl macht ein Selfie mit Ohmer. Danach gibt es ausschließlich strahlende Gesichter und viel Lob für die ungewöhnliche Geburtstagsfeier. Und noch eine Runde Nachtisch am Buffet.