Kreis Germersheim
1200 Menschen in Quarantäne
Seit dem Anstieg um 119 Fälle über das Wochenende ist der Kreis mit einer 7-Tage-Rate von knapp 180 Infizierten pro 100.000 Einwohner im Land vorne. Von Montag auf Dienstag gab es 26 Neuinfektionen, nun sind 334 Menschen im Kreis nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. 12 Patienten werden wegen einer Erkrankung an Covid-19 in den Kliniken behandelt. Drei dieser Patienten liegen auf der Intensivstation, einer von ihnen wird beatmet.
Ein Schwerpunkt der Infektionen ist laut Kreisverwaltung aktuell die Senioren-Einrichtung in Bellheim. Ansonsten verteilten sich die Fälle über den gesamten Kreis. Dabei würden derzeit sehr häufig Menschen positiv getestet, die schon vorher als Kontaktpersonen der Kategorie 1 in Quarantäne waren. „Sonstige Anlässe, die Ursprung für die Verteilung des Virus gewesen sein könnten, sind aktuell nicht auszumachen“, heißt es auf Anfrage vom Kreis. Derzeit befinden sich zirka 1200 Menschen in Quarantäne.
27 Fälle im Umfeld des Seniorenheims
Nachdem der Corona-Test eines Bewohners des Haus Edelberg Senioren-Zentrums Bellheim, der sich im Krankenhaus befand, positiv ausgefallen war, rollte die Maschinerie an: Am 29. Oktober wurden alle Bewohner und Mitarbeiter des Haus Edelberg präventiv auf das Coronavirus getestet. Das Ergebnis: 20 positive Tests bei Bewohnern, sieben positive Tests bei Mitarbeitern. Seitdem sind zwei Bewohner im Krankenhaus verstorben.
Im Haus Edelberg wohnen insgesamt 121 Senioren. „Die Altersstruktur ist gemischt“, sagte Pressesprecher Bernhard Rössler. Die 18 positiv getesteten Bewohner im Senioren-Zentrum seien „stabil“. Sie werden „in einem dafür eingerichteten Quarantäne-Bereich auf ihren Zimmern von dafür geschulten Mitarbeitern gepflegt“, so der Pressesprecher. Diese Mitarbeiter pflegten nur die positiv getesteten Bewohner und seien mit zusätzlicher Schutzausrüstung ausgestattet. Seit des ersten positiv ausgefallenen Tests sei das Haus für Besucher geschlossen.
Den sieben positiv getesteten Mitarbeitern gehe es gut. Sie befänden sich in häuslicher Quarantäne und müssten nicht aus Personalmangel vor Ort einspringen, sagte Rössler auf Nachfrage. In der kommenden Woche sollen alle Bewohner und Mitarbeiter erneut getestet werden.
Elf Schulen im Kreis betroffen
Aktuell sind elf Schulen betroffen. Aussagen darüber, wie viele Schüler derzeit positiv getestet sind, seien nicht möglich, so die Kreisverwaltung. Die Grundschule Büchelberg ist die erste Schule im Kreis, die seit den Sommerferien ganz geschlossen wurde. Zwei Einrichtungen sind am Dienstag neu dazu gekommen: An der Realschule plus Kandel wurde eine Person positiv getestet. Die Ermittlungen des Gesundheitsamts dauern an. Am Europa-Gymnasium Wörth sind derzeit zwei Klassen in Quarantäne.
Auch an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Wörth ist der Schulalltag stark betroffen: Dort waren am Dienstag 85 Schüler und zwölf Lehrer in Quarantäne. Vier Kinder aus unterschiedlichen Klassen und eine Kollegin seien mit dem Coronavirus infiziert, sagte der stellvertetende Schulleiter Michael Trauthwein auf Anfrage.
2100 Anrufe beim Bürgertelefon
Seit die Infektionszahlen im Kreis rasant steigen, häufen sich die Anrufe beim Bürgertelefon des Kreises. Bis zu sechs Leute seien damit beschäftigt, die Telefonate entgegenzunehmen, sagte Landrat Fritz Brechtel im Kreisausschuss am Montag. Dennoch seien die Leitungen häufig überlastet. Die Kreisverwaltung möchte das Bürgertelefon personell verstärken, appelliert aber an die Menschen Infos auf der Webseite zu nutzen, insbesondere wenn es um Fragen um die neuen Verordnungen geht. Allein vergangene Woche haben die Mitarbeiter rund 2100 Anrufe am Bürgertelefon entgegengenommen.
Auch das Gesundheitsamt „arbeitet am Limit“, heißt es von der Kreisverwaltung. Für die Unterstützung durch die Bundeswehr in der Nachverfolgung sei man sehr dankbar. Schließlich muss das Gesundheitsamt nach jedem positiven Test die betroffenen Strukturen einordnen, Kontaktpersonen in Quarantäne schicken und über Testungen entscheiden. Das sorgt manchmal für Unverständnis, etwa wenn Coronatests an den betroffenen Schulen nicht alle nach dem gleichen Muster ablaufen.
Das Gesundheitsamt teste nicht nach „Schema F“, sagte Landrat Fritz Brechtel deshalb in der Sitzung des Kreisausschusses. Ob und welche Personen getestet werden, sei von der Art des Kontakts mit dem Infizierten abhängig. Germersheims Bürgermeister Marcus Schaile hatte zuvor Beschwerden von Eltern wegen unterschiedlichen Teststrategien in die Diskussion eingebracht: An der Richard-von-Weizsäcker-Realschule sei nach einem Corona-Fall die ganze Klasse getestet worden. Am benachbarten Goethe-Gymnasium seien die Klassenkameraden eines infizierten Schülers zwar in Quarantäne geschickt, aber nicht getestet worden, so Schaile. Das Gesundheitsamt entscheide nach der individuellen Situation, erläuterte Brechtel. Es gebe in jedem Fall genügend Testkapazitäten.
Weitergehende Maßnahmen, wie eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen sind derzeit laut Kreisverwaltung noch nicht spruchreif. „Wir stehen in engem Austausch mit dem Land, und beraten in diesem Zusammenhang auch über weitergehende Maßnahmen, die zu gegebener Zeit dann zu treffen sein werden.“
Leitartikel
von Nicole Tauer
Einer für alle, alle für einen. Das war offensichtlich das Motto, unter dem Landrat Fritz Brechtel, sein SÜW-Amtskollege Dietmar Seefeldt und der Landauer Bürgermeister Thomas Hirsch (alle CDU) vor eine Woche vorgeprescht sind. Ihre Pressekonferenz zum „Südpfälzer Maßnahmenbündel zur Bekämpfung der Corona-Pandemie“ lief, während in einer digitalen Schalte zwischen Bundeskanzlerin und Länderchefs noch um eine gemeinsame Linie gerungen wurde.
Diese Linie hatten die drei Südpfälzer Verwaltungschefs für sich schon längst gefunden. Die schwarzen Musketiere kämpften für Gerechtigkeit, so sollten Freizeiteinrichtungen, Hotels und Gastronomie weiter geöffnet bleiben. Ein ehrenwertes Anliegen, gewiss. Zumal dies genau die Maßnahmen sind, über deren Sinn und Zweck durchaus gestritten werden kann und soll.
Allerdings ist die Südpfälzische Allgemeinverfügung schon längst überholt. Nicht nur von der Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes, sondern auch von den dramatisch steigenden Corona-Fällen. Über das Wochenende haben die neuen Zahlen an positiv Getesteten den Landkreis Germersheim bei der Inzidenz in die Bundesliga katapultiert. Und gezeigt, dass eine Pandemie eben kein Wunschkonzert ist.
Was wäre wohl geschehen, wenn in Rheinland-Pfalz die Gastronomie geöffnet geblieben wäre, in Baden-Württemberg aber geschlossen? Schon an normalen Wochenenden sind die Parkplätze an südpfälzischen Ausflugszielen mit Fahrzeugen von der anderen Rheinseite belegt. Ohne einheitliche Regelung hätten sich im November wohl Fahrzeugkolonnen über die Rheinbrücke geschoben, alle auf der Suche nach lauschigen Gaststätten.
Für deren Unterstützung ist jetzt dringend die Kreativität der drei Verwaltungschefs gefragt. Gerne mit kreisübergreifenden Initiativen. Warum nicht eine Art Genießersammelkarte, wie es sie jetzt in der Stadt Kandel gibt, auf Südpfalz-Ebene? Die Karte belohnt fleißige Unterstützer der Gastro-Szene mit einem Gutschein – eine erste Idee, auf die viele weitere folgen sollten. Vielleicht nicht ganz so prestigeträchtig, wie eine gemeinsame Corona-Erklärung, aber deutlich nachhaltiger.
Einer für alle, alle für einen? Das gilt in den nächsten Wochen auf Bundesebene. Nicht nur in einer Region im Südwesten.