WINDEN
100. Geburtstag: „Ach Gott ehr Leit, bin ich alt“
Und das in erstaunlicher geistiger Frische. Liegt das vielleicht auch ein wenig daran, dass sie heute noch täglich ihre Heimatzeitung „Die RHEINPFALZ“ liest und sich hier sehr gerne auch mit den Kreuzworträtseln beschäftigt? Vor allem aber dürfte es damit zu tun haben, dass sie immer „gesund gelebt“ habe. Stets achtete sie auf ihre Ernährung, ist zu hören.
Am 16. Dezember 1920 in Steinweiler geboren, war gerade der Erste Weltkrieg beendet. Vor allem in der Pfalz hatte man es damals nicht gerade leicht. Nach der Schulzeit lernte Emma Schowalter, wie sie als Mädchen hieß, einen jungen Mann kennen, der bei der Landmaschinenhandlung Bossert in Steinweiler arbeitete. Theodor Steidel stammte aus Erlenbach. Dort hatte er den Beruf des Schmiedes erlernt. Die jungen Leute sahen sich häufig, zumal Emmas Elternhaus mit landwirtschaftlichem Betrieb in der Hauptstraße sich nicht weit weg von Theodors Arbeitsstätte befand.
Kriegshochzeit und Witwe
Mitten im Krieg, am 18. April 1942, heirateten sie schließlich. Bald darauf kam die einzige Tochter Ingrid zur Welt. Obwohl kein Soldat, weil er als technischer Mitarbeiter in einer mechanischen Flugzeugwerkstätte nicht abkömmlich war, geriet Theodor Steidel gegen Ende des Krieges in amerikanische Gefangenschaft. Und die sollte er nicht überleben. Genau einen Tag vor dem offiziellen Kriegsende in Europa, am 7. Mai 1945, verstarb Theodor Steidel. Die Versorgung der Gefangenen sei wohl so schlecht gewesen, dass er „verhungerte“, erinnert sich Emma Steidel. Tochter Ingrid hat ihren Vater nicht mehr in Erinnerung. Allerdings hält sie noch jetzt ein Dreirad für Kinder in Ehren, das ihr technisch versierter Vater noch für sie gebaut hatte. Aus Erzählungen weiß sie auch noch, dass Vater Theodor in der Kriegszeit viele Kochtöpfe und Bügeleisen für Bekannte und Verwandte hergestellt und repariert hat. Seine letzte Ruhestätte fand er übrigens auf dem Soldatenfriedhof Marigny in der Normandie.
Auch auf dem Friedhof in Erlenbach hatte seine Witwe an ihn erinnert. Doch das Leben mit einem kleinen Kind musste weitergehen. In den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren gab es ja nichts, erinnert sie sich. Sie arbeitete auf dem Bauernhof von Verwandten in Erlenbach mit, erledigte „Handarbeiten“ für Nachbarn und Bekannte. Mit Walter Steidel, einem Stiefbruder ihres verstorbenen Mannes, zog sie später zusammen nach Steinweiler, wo sie sich 1951 an den Bau eines neuen Wohnhauses in der Gartenstraße (damals noch ein Feldweg) machten.
Tee mit Schuss und dann ab 22 Uhr Bettruhe
In den letzten Jahren nahm sie regelmäßig an den Treffen der Seniorengruppe Steinweiler teil, erinnert sich auch gut an Veranstaltungen, die etwa Marie Blättner als Vorsitzende organisiert hatte. Daneben war sie passives Mitglied im Turnverein. Seit zwei Jahren wohnt sie in Winden bei Tochter Ingrid Müller. Besondere Wünsche, was das Essen angeht, hat Emma Steidel nicht. Aber gerne trinkt sie dazu ein Gläschen Weinschorle und abends immer, so gegen 19 Uhr, eine letzte Tasse Tee mit einem kleinen „Schuss“ drinnen. Was das Fernsehprogramm betrifft, schätzt sie in erster Linie Naturfilme. Sie spielt oft Solitär, auch damit ihre Finger beweglich bleiben. Doch zu Bett geht sie, auch das ist Teil ihres „gesunden Lebens“, immer so gegen 22 Uhr.
Zitronenrolle zum Geburtstag
Zu ihrem 100. Geburtstag werden wohl, wegen Corona, nicht viele Bekannte persönlich gratulieren, doch Enkeltochter Steffi, die mit Mann und zwei (von vier) Urenkeln der Jubilarin im Haus in der Mühlgasse wohnt, will der Oma einen besonderen Wunsch erfüllen. Sie backt eine Zitronenrolle, ihren Lieblingskuchen, mit dem sie selbst vor Jahren immer wieder Schwiegersohn Karlheinz überrascht hatte, wenn der mit Frau Ingrid und den beiden Kindern nach Steinweiler zu Besuch gekommen war.