Kandel
Ärztemangel: Viele Praxen stehen leer
Thomas Dambach praktiziert seit mehr als 25 Jahren, zwischenzeitlich in der Luitpoldstraße 10. Als der Internist sich 1997 in Kandel niederließ, gab es noch weitere Hausärzte in der Stadt. Einige Praxen sind zwischenzeitlich geschlossen, ein Mediziner ist verstorben. Nachfolger sind nicht in Sicht. Wundert ihn das? Überhaupt nicht, sagt Dambach im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Die Entwicklung habe sich seit Jahren abgezeichnet und viel damit zu tun, dass die Politik aller Regierungsparteien die Augen vor den wirklichen Problemen verschließt.
Niemand könne sich heute mehr herausreden, nichts vom aufziehenden Ärztemangel gewusst zu haben, sagt Dambach. Erstens seien nicht genügend Mediziner ausgebildet worden. Dann habe man sie in den Kliniken mit unzumutbaren Arbeitszeiten „verschlissen“, sich auf den Zuzug von Ärzten etwa aus Osteuropa oder aus dem Nahen Osten verlassen. Vor allem seien die Honorare nicht an die Kostenentwicklung angepasst worden, betont der Mediziner. Viele fertig ausgebildete Ärzte – etwa 70 Prozent von ihnen seien weiblich – möchten vor allem in Teilzeit arbeiten und hätten den Wunsch, Beruf und Familie in Einklang zu bringen.
Kosten steigen ständig
Und Medizinstudenten, die sich für die Arbeit auf dem flachen Land als Hausärzte verpflichten, wüssten oft nicht, was da auf sie zukomme, meint Dambach. Erstens müssten sie medizinische Allrounder mit einem breiten Fachwissen sein. Und nur wenigen erscheine eine Wochenarbeitszeit von 60 bis 80 Stunden besonders attraktiv. Schnell befinde man sich in einem Hamsterrad, aus dem man kaum noch entweichen könne. Zweitens komme dazu, dass die Krankenkassen in jedem Jahr von einem drohenden Defizit in ihren Bilanzen ausgingen. Um dieses auszugleichen, müssten eigentlich die Versicherungsbeiträge erhöht werden. Da die Politiker sich davor aber scheuten, schließlich gehe es immer um Wählerstimmen, bleibe für die in den Praxen der niedergelassenen Ärzten erbrachten Leistungen immer weniger Geld übrig.
„Das große Zerrbild vom reichen Arzt habe sich in den Köpfen festgesetzt, stimmt aber schon lange nicht mehr“, sagt Dambach. Denn die Kosten für die Praxiseinrichtung, deren Betrieb und vor allem auch für qualifiziertes Personal stiegen viel stärker an als die Ersatzleistungen durch die Kassen. Dies sei ein weiterer Grund für junge Mediziner, nicht in die Selbstständigkeit zu wechseln und lieber als angestellte Ärzte mit geregelten Arbeitszeiten zu arbeiten. Politik und Krankenkassen setzten vor allem auf die Bildung von Medizinischen Versorgungszentren, niedergelassene Hausärzte würden eigentlich nicht mehr geschätzt, so der Mediziner, der mit seinem Praxisteam bemüht ist, die Versorgung in Kandel sicherzustellen. „Wir geben unser Bestes“, sagt Dambach.
Ärzte zeigen kaum Interesse an Bauplätzen
Zumindest die Kommunalpolitik ist zwischenzeitlich wach gerüttelt. Viel zu lange hat man gewartet und einen Versorgungsengpass kommen sehen. Es gab zwar vereinzelt Bemühungen um den Bau eines Ärztehauses. Doch daraus wurde nichts. Vor mehr als einem Jahr hat der Stadtrat einen Beschluss gefasst, um ansiedlungswilligen praktischen Ärzten ein Angebot zu machen. Freie Bauplätze im Neubaugebiet K2 sollten ihnen angeboten werden. Sogar weit unter dem Richtpreis. Dieses Vorgehen akzeptierte sogar die Kreisverwaltung Germersheim als Kommunalaufsicht, obwohl die hoch verschuldete Stadt Kandel nichts zu verschenken hat.
Allerdings hält sich die Zahl der Bewerber sehr in Grenzen, wie auf Nachfrage aus dem Rathaus zu hören ist. Interessenten für Bauplätze gebe es schon, doch diese sind nicht bereit, auf die gewünschten Bedingungen einzugehen. Trotzdem setze man die Bemühungen fort, sagt auch Verbandsbürgermeister Volker Poß. Alles sei aber nicht so einfach, vor allem stellten die Ärzte heute andere Ansprüche an die für die Praxis in Frage kommenden Räumlichkeiten. Diese müssten vor allem barrierefrei sein, was nicht immer gegeben ist.
Schwierige Suche nach Nachfolgern
In einem Ärztehaus, das von einem Investor auf dem Gelände der Asklepiosklinik Kandel errichtet werden soll, will man solche Räume auch für eine Hausarztpraxis vorsehen. Bis dort allerdings Ärzte einziehen können, wird es noch einige Zeit dauern. In der Zwischenzeit suchen immer mehr Patienten einen Hausarzt. Besonders deutlich spürbar wurde der Mangel, als es um Termine für die Impfungen gegen Corona ging. Da wählte sich so mancher die Finger wund, wurde abgewiesen oder auf den Sankt-Nimmerleinstag vertröstet.
Nach wie vor fehlen Hausärzte in einer Stadt, die immer weiter wächst. Darauf aufmerksam gemacht hat erst vor einiger Zeit die praktische Ärztin Traude Löwer. „Eine Hausärztin schlägt Alarm“, lautete die Überschrift eines RHEINPFALZ-Artikels im Februar letzten Jahres. Die Ärztin hatte darauf hingewiesen, dass von fünf Hausärzten nur einer jünger als 60 Jahre sei. Und sie hat die Kommunalpolitiker aufgefordert, etwas gegen den Mangel zu tun. Seitdem ist das Thema immer wieder Gegenstand der Beratungen. Ein Ergebnis dieser war übrigens das Bauplatz-Angebot. Jetzt will Traude Löwer zum Jahresende ihre ärztlichte Tätigkeit beenden. Ob sie einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin findet, steht noch nicht fest, sagt sie. Das entscheide sich in den nächsten Wochen.
Suche nach Hausarzt wird immer schwieriger
Sollte es gelingen, könnte der Ansturm auf andere Praxen unterbleiben. Anders als dies der Fall war, als mit Karlheinz Ecker im vergangenen Jahr ein Allgemeinmediziner verstarb. Seine Patienten mussten kurzfristig versorgt werden. Und auch als Hausarzt Günther Hay aus Freckenfeld vor einiger Zeit in den Ruhestand trat, fand dieser keinen Nachfolger. Seitdem steht seine Praxis leer, die Patienten mussten sich neue Ärzte suchen. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Patienten des Allgemeinmediziners Michael Hölzer, der in die Schweiz ging. Und schon seit Ende 2019 ist die Praxis Rosenthal nur noch am Standort Ingenheim vertreten.