Dirmstein RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Konfessionen, eine Kirche: „Wir beten auch füreinander“

Leben Ökumene: Pfarrerin Jutta Fang und Pfarrer Alfred Müller.
Leben Ökumene: Pfarrerin Jutta Fang und Pfarrer Alfred Müller.

Die Dirmsteiner Laurentiuskirche wird 275 Jahre alt. In einem ökumenischen Gottesdienst am Sonntag, 10. Oktober, 10 Uhr, feiern Protestanten und Katholiken die Kirche, die von Beginn an für beide Konfessionen geplant war. Über das kirchliche Leben unter einem Dach sprechen Pfarrerin Jutta Fang und Pfarrer Alfred Müller im Interview.

Frau Fang, Herr Müller, wie haben Sie das Simultaneum, das Tür an Tür mit der anderen Konfession, empfunden, als Sie nach Dirmstein kamen?
Müller: Egal wo ich bisher gearbeitet habe, war Ökumene völlig unproblematisch. Mit den protestantischen Kolleginnen und Kollegen war ich immer freundschaftlich verbunden, es war nie eine Konkurrenzsituation. Dirmstein war und ist da auch nicht anders. Man muss sich allerdings mehr absprechen, beispielsweise wenn es um die Kirche selbst geht. Ein Beispiel ist die Renovierung der Sandsteinportale unserer Kirche im Jahr 2010. Da sollten der Sockel gelb gestrichen und die Sandsteinfiguren über den Portalen farbig gefasst werden. Und da haben der protestantische Kollege und ich uns sogar gemeinsam mit dem Denkmalamt angelegt, das alles farbig haben wollte – und wir eben nicht. Es sind uns zwar Zuschüsse vom Denkmalamt entgangen, aber das Presbyterium und unser Verwaltungsrat meinten damals, dass es so besser sei. Und die Jahre vergehen ja so schnell. Inzwischen habe ich hier in Dirmstein schon vier verschiedene evangelische Kollegen kennengelernt.

Fang: Während meines Vikariats war ich in Ludwigshafen-Hemshof. Da bestand die Ökumene aus drei Konfessionen, fast könnte man von vieren sprechen: Außer den Protestanten waren da noch die katholische und die italienische – katholische – Gemeinde sowie die orthodoxe Gemeinde. Wir haben viel zusammen gemacht. In Dirmstein ist das genauso. Hier hat man allerdings keine langen Wege, das ist schon besonders. Oder auch jetzt in Corona-Zeiten, wenn man sagen kann: Hier, der Raum ist größer, dann nutzen wir eben den – beispielsweise bei den Gottesdiensten zur Einschulung, oder ganz aktuell beim ökumenischen Festgottesdienst zum Kirchenjubiläum.

Müller: Da hat sich auch etwas geändert. Früher hat man aufgepasst, dass immer ganz genau der Proporz gewahrt blieb, und heute schaut man, was ist praktischer und sinnvoller. So gab es beispielsweise „katholische“ Lieder und „evangelische“ Lieder. Das interessiert heute niemanden mehr. Es gibt einfach nur schöne Lieder und schlechte Lieder.

Wie wird in Dirmstein die überkonfessionelle Zusammenarbeit sichtbar?
Müller: Seit vielen Jahren sind beispielsweise protestantische Kinder und Jugendliche bei unserer Sternsinger-Aktion dabei. Wir haben auch regelmäßig gemeinsame Sitzungen des Gemeindeausschusses mit dem Presbyterium. Oder auch das ökumenische Planungstreffen, bei dem die Termine der einzelnen Pfarreien abgesprochen werden. Bei der Autosegnung oder bei der Andacht beim Bierfest und bei vielen anderen Gelegenheiten arbeiten wir ebenfalls Hand in Hand, und einmal im Monat beim Taizé-Gebet. Oder der Friedenslicht-Abend an Weihnachten im vergangenen Jahr ...

Fang: Ja, das war wirklich toll. Einmalig ist unser Zwei-Kirchen-Konzert. Dass man auf der einen Seite anfängt, passend zum Raum das Konzert hat, und dann auf die andere Seite rüberwechselt. Hier merkt man auch, wie die unterschiedlichen Räume wirken. Was ich sehr schön finde, ist, wenn wir in der Gebetsstille sind und im katholischen Teil findet ein Gottesdienst statt, dass man dann so ganz leise die Orgel hört ...

Was bedeutet Ökumene für Sie ganz persönlich?
Müller: Wir machen halt immer alles doppelt. Es wäre nicht immer alles doppelt nötig, aber es ist halt so! Daher wäre es schön, wenn sich die Konfessionen noch ein wenig näher kommen würden. Bei Schulgottesdiensten zum Beispiel haben wir uns immer mal wieder gegenseitig vertreten. Wir müssen ja nicht überall im Doppelpack auftreten.

Fang: In Köln, wo ich herkomme, kennt man das Katholische recht gut, Evangelische sind da eher die Minderheit. Außerdem war mein Vater katholisch. In Bethel, wo ich an der kirchlichen Hochschule studiert habe, hatten wir regelmäßigen Austausch mit dem Leo-Konvikt in Paderborn. Es war interessant zu sehen, wie doch die Wege ganz ähnlich und dann doch wieder unterschiedlich sind. Vieles, was wir an unserer Kirche kritisiert haben, fanden die Katholiken gar nicht so schlecht. Außerdem haben wir gemerkt, dass wir oft mit denselben Problemen zu kämpfen haben. Für mich ist Ökumene immer ein Austausch, durch den man den eigenen Glauben besser kennenlernen kann.

Müller: Das Bewusstsein hat sich meiner Ansicht nach in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gewandelt. Wir als Katholiken haben immer gewartet, bis die anderen so werden wie wir. Das kannst du aber vergessen. Ökumene, wie ich sie mir vorstelle, fängt an mit persönlicher Freundschaft und gegenseitiger Wertschätzung. Ich muss meinen Glauben gut kennen und danach leben. Und mein Partner muss ihn ebenfalls gut kennen und danach leben. Dann weiß jeder, ich bin so, und der andere ist eben anders. Und wir beten auch füreinander. Somit ist meine Kirche auch deine Kirche, und deine Kirche auch meine Kirche.

Wie klappt denn die Zusammenarbeit bei den doch etwas komplizierten Eigentumsverhältnissen?
Fang: Die Kosten für Renovierungen zum Beispiel werden nach einem festen Schlüssel aufgeteilt. Der Glockenturm gehört den beiden Konfessionen und der politischen Gemeinde gemeinsam. Und jeder hat auch noch seine eigenen Glocken (lacht).

Müller: In der Sakristei steht genau, welche Glocken wem gehören ...

Fang: Wir läuten sie aber trotzdem gemeinsam.

Müller: Die Protestantische Landeskirche und die Diözese arbeiten da recht geräuschlos und effizient zusammen. Demnächst steht beispielsweise eine Dachrenovierung an, weil das Holz faul ist.

Fang: Und eine Vermessung steht an. Die Kirche setzt sich vermutlich, weil sich der Grundwasserspiegel durch die trockenen Sommer offenbar abgesenkt hat. Und auch die Arbeiten zur Glasfaserverlegung könnten dazu beigetragen haben.

Zur Person

  • Jutta Fang ist seit 2016 in Dirmstein Pfarrerin für die Protestanten in Dirmstein (1097, Stand 2020) und Gerolsheim (566). Die 36-Jährige kommt aus dem Raum Köln und hat drei Kinder. Für sie ist Dirmstein die erste Stelle. In die Pfalz kam sie durch ihren Mann, der aus Bellheim stammt.
  • Alfred Müller, 1955 in Bad Bergzabern geboren, kam nach seiner Priesterweihe 1985 und der Kaplanszeit in die Pfarrei Hohenecken-Dansenberg (Kaiserslautern), war ab 1995 in Pirmasens und übernahm 2005 die Pfarrei Dirmstein – Laumersheim – Großkarlbach – Obersülzen. Seit der Diözesanreform im Jahr 2015 ist Müller mitarbeitender Pfarrer der Pfarrei Heilige Elisabeth Grünstadt , wohnt aber weiterhin im ehemaligen Pfarrhaus in Dirmstein. 840 Dirmsteiner (Stand 2020) sind katholisch.
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